Lernbehindert

14 09 2010

„Eben, da machen Sie, äääh… runde Ecken! Alles muss rund sein, auch die Ecken. Alles rund, verstehen Sie? Rund! Die eckigen Ecken kann man nicht mehr zulassen. Da kann man sich stoßen, und wenn man sich stößt, kann es zu ganz gefährlichen – aber ganz gefährlich! Sie wollen mir einreden, dass eckige Ecken nicht lebensgefährlich sind? Und wer denkt an die Kinder? Na? Na!

Außerdem die Teppiche. Man muss Teppiche am Boden festnageln, und zwar so, dass die Nägel nicht… was? Eine Perserbrücke? Flokati? Fleckerl? Sie sind wohl nicht ganz dicht? Wenn ein Kind mal mit einem heißen Kakao in der Hand die Treppe hoch läuft – unterbrechen Sie mich gefälligst nicht, das ist gerade ein logischer Gedankenfluss – wo war ich jetzt? Die Treppe? Ich kann doch nichts dafür, dass es nicht in jeder Wohnung Treppen gibt, was machen Sie mich hier blöd an? Und ob, alle Kinder trinken heißen Kakao. Ständig. Haben Sie schon mal ein Kind mit einem Glas Wein durch die Wohnung gehen sehen? Ach, jetzt hören Sie doch mit den Spitzfindigkeiten auf. Ist doch albern! Da läuft also dies Kind die Treppe hinunter und achtet nicht auf den heißen Kakao, und hoppla! da hat es sich auch schon in einer Teppichfalte verfangen und liegt auf der Nase. Das kann gefährlich sein! Ja, da sind wohl schon Kinder böse verunfallt. Deshalb müssen wir auf jeden Fall die Teppiche am Boden festnageln lassen. Fleckerlteppiche per Gesetz auch sofort untersagen. Besitz. Und Handel. Hohe, was sage ich: drakonische Strafen! Abschreckung!

Sicher, auch die Schutzhelme. Wer ohne Helm aus dem Haus geht, muss sofort in Gewahrsam genommen werden können. Die Eltern muss man zwingen, und zwar mit horrenden Bußgeldern. Und beim zweiten Mal: sofort in eine Straftäterdatei. Im Internet. Auf den Anschlagsäulen. Und beim dritten Mal das Sorgerecht entziehen. Aber ja, stellen Sie sich das doch vor. Ein Kind geht spazieren unter einem Haus, dessen Dach gerade gedeckt wird. Das Kind hält sich natürlich nicht an die Warnhinweise auf den Absperrungen; es klettert unter den Gittern durch und stellt sich unter das Dach. Dann fällt ein Dachziegel nach unten. Dem Kind direkt auf den Kopf. Das sind tödliche Gefahren, die Sie auf jeden Fall… Natürlich überlebt ein Kind das auch nicht, wenn es einen Sturzhelm trägt. Ausgeschlossen! Aber ist das ein Grund, den Kindern einen Helm zu empfehlen? Sehen Sie, wir müssen alles tun, um unsere Kinder im Auge zu behalten.

Weil sie früher Sachen getan haben, die einfach viel zu gefährlich waren. Diese Kinder haben doch teilweise ohne Aufsicht im Schnee gespielt! Einfach so, ohne Polizeischutz! Diese Leute waren völlig verwahrlost – sie haben ihre Kinder ohne Eskorte auf Fahrräder gesetzt! Sie haben sie auf Rollschuhe gestellt, sie haben sie in Schwimmbecken gelassen, mit nichts anderem als einer Badehose und einer Bademütze. Und Schwimmflügeln vielleicht noch. Aber es war kein Rettungsschwimmer in der Nähe und kein Kardiologe und keine Tankstelle für einen Notarztwagen, falls eine Verlegung in ein mehr als tausend Kilometer entferntes Spezialkrankenhaus für psychosomatische Notfälle im Bereich des Möglichen gelegen hätte. Diese Menschen sind mit ihren Kindern umgegangen, als seien es nur Kinder.

Warum spotten Sie? Sie sind Nichtschwimmer? Nicht? Sie sollten aber Nichtschwimmer sein. Sie müssen die Gefahr erkennen, immer. Wer eine Gefahr erkennt, die zumindest theoretisch nicht auszuschließen ist, der kann sie auch ausschließen. Zumindest theoretisch. Warum sollten wir denn nicht versuchen, unsere Welt für die Kinder ein bisschen sicherer zu machen? Die Eltern sind doch auch überfordert mit Kindern – da kann der Staat nicht einfach wegsehen und so tun, als sei es das Recht der Menschen, ihr Leben zu bestimmen. Einfach so, ohne eine gesetzliche Grundlage.

Hören Sie, wir haben hier Verantwortung zu tragen. Enorme Verantwortung! Wir sind die letzte Generation, die das noch tun kann. Auf uns wird das alles lasten. Wir müssen jetzt die Weichen stellen. Denn wir können das noch entscheiden. Wir können noch die Fäden ziehen. Wir lassen die Kinder das alles verlernen. Selbstständigkeit, Alltag und Straßenverkehr. Motorik und Medien. Eine angstfreie Existenz. Wir sind die, die eine völlig lernbehinderte Generation schaffen müssen, damit sie sich irgendwann nicht mehr allein in der Welt zurechtfindet. Noch können wir etwas machen. Aber wir müssen sehr perfekt sein, sonst passiert uns ein Fehler. Die Menschen werden wieder anfangen zu denken. Sie werden sich fragen, warum man nur noch mit Sturzhelm unter die Dusche gehen darf oder mit Schutzanzug in die U-Bahn. Sie werden misstrauisch werden, wenn man ihnen sagt, sie dürften am Wochenende nicht aus dem Haus und nachts sei es gefährlich, aus dem Fenster zu blicken. Wir werden das nicht mehr erleben, aber wir werden den perfekten Menschen geschaffen haben. Möglicherweise ist er ein Krüppel, dumm, eine Bestie, aber er wird sich nicht mehr an runden Ecken stoßen, Kakao trinken in einer Wohnung, in der ein Teppich liegt, oder schwimmen wollen. Er wird wissen, dass es gut für ihn ist, wenn er nach Einbruch der Dunkelheit zu Hause ist und das Licht löscht und die Vorhänge geschlossen lässt. Es ist gut, wenn die Menschen begreifen, dass sie Kinder sind und Kinder bleiben. Man muss nicht immer mündig sein wollen, wenn es einen Staat gibt, dem man vertrauen sollte, damit man nicht auf den Gedanken kommt, ihm zu misstrauen. – Und jetzt zeigen Sie mir mal die Bilder mit dem Besteck. Sind diese Gabeln etwa vorne spitz?“