Auf den Weg gestreut

16 09 2010

„Ich könnte diesen Mann umbringen!“ Anne war sauer. Der Art nach, wie sie die Gurken mit der kleinen Handbürste abschrubbte, war sie sogar sehr sauer. „Ich kann dieses dämliche Gerede nicht mehr hören! Außerdem verfolgt er mich geradezu – jeden Tag steht dieser Prüllmeyer unten in der Einfahrt, grinst mich schmierig an und fragt, warum ich so lange aufgeblieben bin. Ich halte es nicht mehr aus, es macht mich fertig!“ Ihre Hände zitterten. Ich rührte versonnen in der Kaffeetasse. Bewegte sich da drüben etwa jemand hinter der Gardine? War das ein Fernglas? Kaum hatte ich mich erhoben und einen Schritt näher zum Fenster getan, war er auch schon verschwunden.

Anne schmiss die Gurke in den gusseisernen Eimer. „Der Typ ist krank“, sagte sie. „Er steht den ganzen Tag auf dem Balkon oder hinter der Gardine und glotzt in meine Fenster rein. Es muss irgendwas geschehen, sonst werde ich noch wahnsinnig.“ „Und Du kannst gar nichts machen?“ Sie sah mich mit einem bitteren Blick an. Natürlich nicht. Anne war nicht umsonst Juristin, zwar eine Strafe für jeden, der mit ihr zu tun hatte, aber eben durchaus mit der Materie bewandert. „Solange er mir nicht die Scheiben einschmeißt oder an der Fassade hochklettert, habe ich keine Chance.“ Sie griff nach der nächsten Gurke. „Ich denke, den Knaben sollte ich mir mal aus der Nähe besehen.“

Tatsächlich dauerte es nur wenige Minuten, bis Prüllmeyer auffällig unauffällig den Garten betrat. „Sie verstehen etwas von Rosen?“ „Ach ja“, gab ich beiläufig zurück. „Sehr hübsche Gloria Dei haben Sie da.“ Voller Stolz blickte der hasenzahnige Endvierziger durch seine Hornbrille auf ein Beet gelb schimmernder Blüten. „Ich liebe diese Blüten – man kann gar nicht mehr wegschauen, so schön, finden Sie nicht?“ „À propos“, wandte ich ein, „Sie haben keine Ahnung, dass sich hier in der Gegend ein Unhold herumtreibt?“ Er runzelte die Stirn. „Was genau tut denn der?“ Ich blickte konzentriert auf seine Rosensträucher. „So manches, wie man sich erzählt. Und was soll ich Ihnen sagen – er hat es auf seinesgleichen abgesehen. Die anderen bösen Buben haben nichts mehr zu lachen.“ Prüllmeyer war sprachlos. Ich legte nach. „Sie kennen doch Müllers? Das Auto, ja? Neulich, am helllichten Tag. Einfach so.“ Schnell wandte ich mich um. „Aber von mir haben Sie das nicht“, zischte ich ihm verschwörerisch zu und war schon im Hauseingang.

„Was genau bitte war jetzt mit Müllers Auto“, fragte Anne konsterniert und löcherte die Gurken gleichmäßig mit einer spitzen Gabel. „Und wer sind diese Müllers eigentlich? Ich kenne sie jedenfalls nicht, und ich wohne schon seit zehn Jahren in dieser Gegend.“ „Was weiß ich?“ Anne blickte mich verständnislos an. Ich lachte. „Jedenfalls war das so gut wie ein Geständnis. So wie die Tatsache, dass unser Freund Prüllmeyer sein Fernglas nur eben schnell in die Jackentasche gesteckt hatte – die Kordel hing ihm nämlich noch heraus. Und dass er den Hosenstall gar nicht…“ „Bitte!“ Anne zog den Hals zusammen. „Ich will das nicht mehr hören! Sorg gefälligst dafür, dass dieser Schmierlappen mich in Ruhe lässt!“ Ordentlich aufgereiht standen die kleinen Schälchen auf dem Küchentisch: Salz, Zucker, Pfefferschoten, Senfkörner, Piment. Noch waren sie nicht an der Reihe, aber Anne zeigte auch hier ihre juristische Schulung; gute Vorbereitung war für sie das halbe Leben. Ich öffnete die Schubladen und griff nach der Eiswürfelfolie. „Eine knappe halbe Rolle – gut, das wird langen. Dann werde ich neue mitbringen, wenn ich morgen einlaufen gehe.“ „Was hast Du vor? Willst Du etwa Prüllmeyer eintüten und einfrieren?“ „Keinesfalls“, antwortete ich und nahm die Flasche, die neben den Senfkörnern auf der Anrichte stand. „Ich werde ihm nicht zu nahe kommen. Nicht mal sein Grundstück werde ich betreten.“ Sie blieb skeptisch.

Die Sache lief wie geschmiert. Im Obergeschoss hatte Anne die Gardinen offen gelassen und posierte im Schwarzen vor dem Wandspiegel, wobei sie jeweils einmal pro Runde die Schuhe und die Handtasche wechselte – bei sämtlichen passenden Kombinationen, die sich auf die schwarzen Paare beschränkten, würde sie mit je einem Gang durchs Zimmer und anschließender Drehung zehn Tage beschäftigt sein, aber so lange hielt es Anne nie aus, ohne nicht zwischendurch ein neues Paar Schuhe oder wenigsten eine Handtasche zu kaufen – so dass Prüllmeyer gar nicht anders konnte, als im abgedunkelten Fenster seiner Wohnstube zu stehen und mit dem Feldstecher jede ihrer Bewegungen gierig nachzuvollziehen. Man konnte es förmlich spüren, wie er an der Innenseite der Scheibe klebte. Im Schutz der Dunkelheit schlich ich gebückt an der niedrigen Hecke entlang. In Höhe des Beets kam ich hoch und langte in den Plastikbeutel. Einen nach dem anderen flitschte ich die Eiswürfel über die Grundstücksgrenze. Lautlos fielen sie auf die Erde. Gebannt stand der Nachbar und gaffte. Anne stöckelte und wechselte artig die Handtasche.

Prüllmeyer raufte sich die Haare. „Die Rosen! Die Rosen!“ „… auf den Weg gestreut“, sprach ich gedankenvoll. „Hat der Bösewicht zugeschlagen? Wie gesagt, man kann nicht vorsichtig genug sein. Sie machen mir doch keine verbotenen Sachen, hm?“ Er lief rot an bis an die Haarspitzen, doch er schwieg verbissen und kehrte die Blütenblätter auf. Anne ging an uns vorbei zum Wagen. Prüllmeyer hob nicht einmal den Kopf. Ich öffnete die Tür. „Denk dran, wir brauchen Lorbeer und frischen Dill für die Gurken. Und dass Du mir ja an Essigessenz denkst!“


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2 responses

16 09 2010
Mailwurm666

Klasse Geschichte und so als wenn man sofort an den Nachbarn denkt der… ;~)

LG
Bernd

16 09 2010
bee

Für gute Freunde ist man doch hilfsbereit 😉

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