Gernulf Olzheimer kommentiert (LXXV): Scripted Reality

17 09 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Ein jeder verrät sich, das Schwein am Gang, der Lustgreis am Husten im Kleiderschrank, und der gemeine Weichstapler fällt in der Konkurrenz um die intellektuelle Vorherrschaft im Wettrennen mit Fadenwurm und Stummelfüßer Platz um Platz nach hinten, wo sich Schund und Plunder um einen Schlag in den Nacken balgen, um den Stoffwechsel nicht einschlafen zu lassen. Knapp unterhalb dieser Klientel hocken Sauerstoffkonsumenten, die nur in eigens simplifizierter Umgebung lebensfähig sind: die unsortierten DNA-Reste, mit deren Existenz Privatfernsehanstalten ihre Anhäufung miserabler Plärrkulisse zwischen den Werbespots rechtfertigen. Eine Population, die schafft, jede Qualität quasi punktförmig zu modulieren, evolutionär kaum einer Erwähnung wert, geschweige denn eines Witzes. Es reagiert nur auf grobe Reize, Schießgewehr und Schmachtschlager, und er braucht unbedingt ein Klettergerüst, um aufrechten Gang zu markieren. Ihm hilft der Prekariatssender via Scripted Reality.

Was nicht doof genug ist, wird entsprechend erfunden. Der nachmittägliche Sozialporno wird aus Fertigware zusammengenagelt, kreischenden Teenagermuttis, dauerblauen Feinrippträgern und Kleinkindern, die man selbst als Sozialpädagoge gegen die Raufasertapete kloppen möchte, um das elende Gekreisch aus dem Cortex zu kriegen. Dazu bieten sich die handelsüblichen Accessoires, leichte Haftstrafen und Adipositas, Bildungsmangel und Nationalsozialisierung, um aus dem humanoiden Siff auf der Mattscheibe den feuchten Traum eines jeden Regisseurs zu machen, der täglich die Basis der Bevölkerung zu bespeicheln hat. Das also geklonte Casemodding des Proletariats hat mit der Realität nichts, in Worten: gar nichts zu tun, bedient jedoch höchst komfortabel die Ambitionen der Dompteure, die die Pro- und Antagonisten mit Anlauf in immer neue Konflikte rasseln lassen, um der gelangweilten Schar auf durchgeschwitztem Plastemobiliar überhaupt noch ein Lebenszeichen abzuringen in der Spirale stetig verdummenden Desinteresses – Emotainment braucht der Pöbel, die Fäuste soll er schütteln, zu Mord und Kotschlag hetzen, wenn der Producer Nüsse in seinen Käfig spuckt. Denn es ist gut so.

Schablonen gibt’s genug. Bauern suchen Frauen und überfordertes Familienpersonal darf plärrende Bälger in die Obhut professioneller Besserwisser geben, um die natürliche Priorität akademischer Egomuschis über pädagogisch dürftig ausgestattete Aufstocker zu untermauern, überschuldete Stinos gewöhnen sich daran, dass man sich coram publico nackig machen darf, so es die Verhältnisse fordern, dass Datenschutz und Bürgerrechte unterhalb des Einkommensdurchschnitts Serviervorschlag bleiben und nicht erheblich sind. So wenig, wie die Pseudowirklichkeit wirklich und skalierend ist, so gierig frisst sie Unbedarfte und verdummt sie verdauernd und hinterlässt sie am Dreckrand der Gesellschaft, indem sie ihm vorgaukelt, die kranke Mixtur aus Enthemmung und Depersonalisation sei normal. Schleichend erliegt der Bekloppte dem Guckreiz und kriegt die televisionären Flöhe nicht mehr aus dem Hirn, einerseits den verblödenden Gewöhnungseffekt, sich bald selbst wie moralischer Morast zu benehmen, andererseits den latenten Schuldvorwurf, der zischelnden Einflüsterung nicht widerstanden zu haben. Mit stillem Einverständnis, das Gebastel aus Psycholegosteinen für bare Münze zu nehmen, steigt das Volk ohne Not in die Falle und zahlt die Befreiung mit Dauerverdeppung.

Denn die Dramatisierung des Banalen, die die Trickfilmer dem ahnungslosen Vieh zum Fraß vorwerfen, häuft eine solche Menge an Vollquark aufeinander, dass der Delinquent nur noch stolz aufs Vorurteil sein kann, das er sich mit jeder Sekunde Trottelprogramm in die Birne pfropfen lässt. Nach dem Konsum einer einzigen Schicht von Krawalltalk bis Gerichtsshow mit Polizei-Doku und Primatdetektiv hat der Beknackte geschluckt, dass die Welt ein Sündenpfuhl ist, dass eine kaputte und entsolidarisierte Gesellschaft nicht mehr zu ändern ist, dass jeder an der Dramaturgie seines Abstiegs in die soziale Müllverwertung letztlich selbst schuld ist und sich nicht zu beschweren hat, wenn man ihm mit leichtem Treten nachhilft, und dass der Plebs im Zweifel vor den Instanzen der Gewalt zu buckeln hat, da ja die galoppierende Verrohung in der gekneteten Kalokagathie nicht stattfindet. Schon hat der vulgärsoziologische Mattscheibenkleister sein Leitmotiv für die neue Kastengesellschaft weg und kann, die Einführung aller Herrschaftsinstrumente der Gegenaufklärung betreibend, fröhlich auf dem Objekt seines Interesses herumtrampeln. Es ist formbar, denn der Impuls, nach der Fernbedienung zu greifen, wurde ihm längst weggemendelt.

Was immer die Widerspiegelungsvergewaltiger ihm in den Schädel schwiemeln, er turnt es auf Wunsch seitenverkehrt nach: Hungern und Fressen, Reproduktion und Religion, und es ist nur eine Frage der Polung, ob er zur Stabilisierung dieser oder jener Werte und Renditen in die Fabrik stapft oder ins Trommelfeuer. Obwohl auch das den Bescheuerten nicht stören würde; schließlich dient es der Wahrheitsfindung.


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