Seifenoper

23 09 2010

Dass Siebels um kurz nach sieben noch unrasiert war, hatte ich erwartet, aber die dunklen Schatten um seine Augenhöhlen machten mich stutzig. Er steckte sich eine Zigarette an der vorigen an. „Wir müssen heute bis zu den Abendnachrichten alles fertig haben“, paffte er nervös, „dies Atomding und die Sache mit den Regelsätzen bei Hartz IV, und dann wird vermutlich heute auch etwas zu den Krankenkassen kommen – diese Politiker sind nicht auszuhalten.“ „Ich kann es mir vorstellen“, sagte ich mitfühlend zu dem großen TV-Produzenten. „Dieses ganze Gewäsch, die leeren Versprechungen und die Worthülsen, ich möchte nicht mit Ihnen tauschen.“ Er runzelte die Stirn. „Worthülsen? Ach was, nicht für mich. Ich werde nur sauer, wenn sich die Herrschaften nicht ans Drehbuch halten.“

Hatte ich mich verhört? Ich kannte ihn seit Jahr und Tag, Siebels war ein Profi. Kein Format war vor seinem überkritischen Blick sicher, kein Sender entzog sich den Trends, die er setzte. Man sah es dem drahtigen Mann in der abgewetzten Lederjacke an, wie er in der Morgenfrühe Kaffee aus einem Pappbecher trank und das Personal dirigierte. „Schefe, Sie gehen auf die zwo, und dann will ich von drüben den ganzen Weg haben, wie er aus dem Ministerium kommt.“ Er zog kurz die Augenbrauen hoch und rief ansatzlos zur anderen Straßenseite hinüber. „Räumen Sie mir mal den Haufen Müll da weg, nachher verwechselt den noch jemand mit Westerwelle!“ Er steckte eine neue Zigarette an. „Sagen Sie mal“, begann ich, „was hat das auf sich mit dem Drehbuch, das Sie da erwähnten?“ „Es ist die Dramaturgie, die man für diese Kommunikation braucht.“ „Sie meinen also, es gäbe gewisse Muster, nach denen die Politiker ihre Entscheidungen der Öffentlichkeit verkünden?“ Siebels sah mich mit plötzlicher Müdigkeit an. „Kommen Sie“, sagte er hastig und zog mich am Arm weg, „wir müssen sowieso auf die andere Seite wegen der Sache mit Rösler.“ So liefen wir durch den Morgen.

Die Sonne war eben aufgegangen über dem Regierungsviertel; ihre Strahlen kitzelten in der Nase. Siebels hatte im Vorbeilaufen einen Becher dünnen, plörrigen Automatenkaffee mit ekelhaft viel Süßstoff besorgt. Es schmeckte scheußlich. „Damit soll man bei Laune bleiben“, grummelte er. „Was meinten Sie denn nun mit den Drehbüchern“, bohrte ich nach. „Politik läuft nach festgelegten dramaturgischen Mustern“, dozierte Siebels. „Sie kennen doch die Salami-Taktik?“ „Sie meinen das Verhalten bei Skandalen, die die Presse aufdeckt?“ Er nickte. „Das ist ein genau definiertes Verhalten, das von niemandem in Frage gestellt werden darf. Man gibt immer nur genau so viel zu, wie einem nachgewiesen werden kann. Nicht mehr, nicht weniger. Die Öffentlichkeit bleibt konstant auf der gleichen Siedetemperatur und kann von beiden Seiten sehr genau eingeschätzt und entsprechend gut manipuliert werden.“ „Und wenn sich einer nicht an diese Abmachung hält?“ „Dann gibt es eine Panne. Denken Sie an Käßmann. Oder Sauerland. Asymmetrische Verhältnisse, das sieht der Fall eigentlich nicht vor.“

Die Frau hockte am Bordstein und rieb sich die klammen Finger warm. „Gehen Sie ruhig noch ein bisschen dichter ran“, ermutigte Siebels sie. „Wir haben den normalen Verlauf, es ist nichts anderes angekündigt worden, also wird Rösler den Standard abfahren. Eine Minute, dann schalten Sie um, ja? Und ab einsdreißig fängt er an zu lügen, circa eine Viertelminute, da wird er sich irgendwelche Zahlen aus den Fingern saugen, um zu beweisen, dass dies Gesundheitsreformdingsbums über diese Legislatur hinaus zu finanzieren sei. Dann zoomen Sie ran, ja?“ Er drehte sich um und zündete schnell eine neue Zigarette an. „Wo waren wir? Dramaturgie und Handlungsbrüche, richtig. Es ist ja letztlich wie eine Seifenoper. Spannung, verflochtene Handlung – während der Außenminister über Zwangsarbeit schwatzt, plappert die Arbeitsministerin über Hilfen für notleidende Chipkartenhersteller – Cliffhanger und der ganze Scheiß, den Sie aus der Daily Soap kennen.“ „Ich sehe mir so etwas nicht an“, mokierte ich mich. „Macht nichts“, fuhr Siebels ungerührt fort. „Sie sind mit den Abläufen bestens vertraut. Nehmen Sie nur die Erhöhung der Regelsätze für ALG II. Was haben Sie?“ Er sah mich forschend an. „Einen Koalitionspartner, der sich quer stellt?“ Er schüttelte den Kopf. „Das wäre zu einfach. Es ist ein retardierendes Moment – natürlich weiß man als Zuschauer, wie die Sache ausgeht, wann auch immer die ausgehen mag, ob jetzt sofort oder im nächsten Jahr oder wenn die Verfassungsrichter dem Vizekanzler klar gemacht haben, dass seine Ansichten über den Artikel 20 des Grundgesetzes vollkommen unerheblich sind. Dass die konkreten Sätze nicht genannt werden: Cliffhanger. Dass diese ganze Bildungsdebatte mit dem Integrationsgefasel verquirlt wird: Zopfdramaturgie. Eine endlose Serie von der Vorabendmüllkippe für bildungsferne Gemüter. Raten Sie einfach mal, warum.“

Mit Schwung warf ich den Kaffeebecher in den Papierkorb, das heißt: ich versuchte es. Er prallte an der Kante ab und spritzte Reste der bonbonsüßen Brühe aufs Pflaster. „Nur eins müssen Sie mir noch erklären“, fragte ich. „Warum hat die Regierung so schnell nach dem Coup mit den privaten Atomklos beschlossen, die Sache sterben zu lassen? Gibt es einen dramaturgischen Grund dafür? Am Ende gibt es sogar einen vernünftigen?“ Siebels schmunzelte. „Einen praktischen. Grüne bei 24 Prozent. Was macht man mit einer miserabel geschriebenen Serie voller Knallchargen, wenn die Einschaltquote in den Keller rauscht?“


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2 responses

23 09 2010
Farlion

Sowas bitte nicht so spät twittern, jetzt bin ich zu aufgekratzt zum einschlafen. 🙂

23 09 2010
bee

In einem ordentlichen Haushalt geht nichts verloren, das wäre sonst morgen Vormittag immer noch da 😉

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