Aktenzeichen XY… umbenannt

27 09 2010

„Na los, jetzt geben Sie mal richtig Gas!“ „Das bringt doch jetzt nichts mehr. Die Katze ist aus dem Sack, die fünf Euro werden der Frau das Genick brechen, und wir kaspern hier um einen neuen Namen für die Stütze herum?“ „Er hat Recht, Chef. Das ist aussichtslos. Wir werden uns mit allem, was wir machen, blamieren.“ „Das tut die Regierung auch, also los! Ich will jetzt einen neuen Namen für Hartz IV, aber etwas plötzlich bitte!“

„Geht dies Basisding noch?“ „Ah, out. Das kann man nicht mehr bringen, also wegen Basisgeld, Basislager, das haben die selbst versaubeutelt.“ „Und wenn wir es irgendwie mit Leistung oder so aufladen – Basisleistung?“ „Dann denken die doch alle, es gäbe noch was obendrauf.“ „Nee, kann man nicht machen.“ „Wegen der Arbeitslosen?“ „Wegen der Suffköppe am Stammtisch. Springer macht ja sonst keine Auflage mehr.“ „Verstehe, aber wenn das jetzt alles für die Lufthoheit über bildungsferne Schichten stattfindet, ist dieser Fünf-Euro-Zuschlag nicht schon genug?“ „Leute, Leute, Leute! Ich will hier keine Diskussionen über das Thema, wir sollen einen schmissigen Namen für diese Scheiße finden! Jetzt strengt Euch gefälligst mal an!“ „Also diese Basis…“ „… ist die Grundlage aller Fundamente.“ „Ha-ha, rasend komisch.“ „Fällt Ihnen denn etwas Besseres ein?“ „Dann lassen Sie uns die blöden Witze mit dem Boden unter den Füßen gleich jetzt erledigen.“ „Oder vielleicht doch Grundsicherung?“ „Bloß nicht, das klingt wie ‚Grundeinkommen‘, da flippt der Westerwelle aus, wenn er das hört.“ „Jo, da kann er gar nicht mehr seine Leier von wegen Dekadenz abspulen.“ „Leute, es…“ „Außerdem ist es für die Wirtschaft so gut wie unmöglich, ohne ausgepresstes Prekariat die Rendite zu erhöhen.“ „Leute, ich sage das nicht gerne zweimal: wir sind hier, um den neuen Namen für Hartz IV zu finden, habt Ihr das langsam kapiert? Los jetzt!“

„Basis, das hätte sich angehört nach… also Basis eben. Etwas, wovon die Leute leben können.“ „Stimmt, das wäre Vortäuschung falscher Tatsachen gewesen.“ „Quatsch, das hätte doch die Uschi nicht gekratzt. Die Regierung will bloß nicht, dass jemand denkt, jetzt sei auf einmal der Sozialstaat ausgebrochen.“ „Die sachgerechte Kürzung der zu niedrigen Regelsätze für Kinder.“ „Also ein großer Schritt, wie die Staatsratsvorsitzende …“ „Herrgott noch mal, Schluss jetzt mit der Basis!“ „Stütze?“ „Brotkrumenabgabe.“ „Nee, Scherflein.“ „Das klingt ja fast wieder christlich.“ „Stimmt, solche Assoziationen sollte man bei der CDU vermeiden.“

„Andererseits könnte man die gesellschaftliche Basis doch aber auch definieren darüber?“ „Oder aber die Basisdefinition von Armut.“ „Perfekt!“ „Äh, wir entfernen uns gerade.“ „Finde ich nicht, es ist doch so: Basisgeld heißt, wer das bekommt, ist ganz unten angekommen.“ „Hmja. Das ist logisch.“ „Aber diese Sache mit…“ „Unterbrechen Sie mich jetzt nicht. Die Basis…“ „Es ist alles sowieso nicht relevant. Dieses ganze Hartz IV, das ist doch alles nur so im Sprachgebrauch. Es heißt offiziell nun mal ‚Arbeitslosengeld II‘, da werden Sie mit etwas Sprachkosmetik nichts ausrichten.“ „Einmal drüber mit der Verbalkernseife, da wird sich doch was drehen lassen?“ „Verdammt, jetzt machen Sie doch was! Es geht hier um meinen Hals – die Ministerin darf sich so kurz nach der Präsidentinnen-Pleite kein zweites Fiasko erlauben!“ „Aha, daher weht der Wind.“ „Das ist dann also eine Rechnung mit mehreren Unbenannten… Umbenannten – Unbekannten, meine Güte, Sie machen einen aber auch ganz konfus!“ „Wenn jetzt Krieg bereits ‚Friedensmission‘ heißt und Entlassungen als ‚Personaloptimierungen‘ durchgehen, sollte das kein kommunikatives Problem sein.“ „Und die soziale Müllkippe heißt ‚Entsorgungspark für Humanressourcen‘, was?“ „Diese ganze Bundesregierung ist ein kommunikatives Problem, ach was: ein kommunikativer Super-GAU.“ „Die haben doch jetzt aber den Seibert?“ „Eben!“

„Jetzt überlegen Sie doch mal, Basisgeld plus Bürgerarbeit, das klingt auch gleich viel netter als Zwangsarbeit mit Abwrackprämie.“ „Finde ich auch, und so ist das Existenzminimum…“ „Oder doch schon die Minimalexistenz?“ „Auf jeden Fall Zuwendung, das brauchen die doch am nötigsten.“ „Kann man den Basisbegriff nicht doch irgendwo integrieren?“ „Leute, ich will jetzt endlich mal ein Ergebnis!“ „Ohne den Basisbegriff könnte man den Mindestlohn aber nicht mitdenken.“ „Umso besser, dann kann man den Mindestlohn besser verhindern. Wenn man die Regelsätze erstmal konstant an die unteren 20% koppelt, wird keine Regierung je ernsthaft Mindestlöhne fordern können. Damit hat man das beste Druckmittel, das es gibt.“ „2013 ist doch sowieso Schluss mit Merkels Kasperletheater, da wird die SPD wieder ans Ruder kommen.“ „Wer, bitte, hatte Hartz IV noch mal erfunden?“

„Verdammt, wofür bezahle ich Euch Idioten hier eigentlich? für Volksreden über die Befindlichkeit der Regierung?“ „Wenn’s mal so wäre!“ „Gott, was regt Sie so auf?“ „Nennen wir es als Kompromiss doch einfach ‚Grundalmosen‘.“ „Ach, alter Dreck in neuen Tüten – diese Basis…“ „Ich will keine Basis! Keine Basis! Keine!“ „Aber wir könnten…“ „Keine!“ „Aber das ist…“ „Nein!“ „Lassen Sie mich doch mal ausreden, der Begriff ist doch schon belegt in der Finanzwelt. Basisgeld ist das Geld, das die Zentralbank ausgibt für den normalen Kreislauf. Alles, was darüber hinausgeht, ließe das Angebot unnatürlich steigen. Spielgeld, Sie verstehen? Die Blasen der Spekulation.“ „Na, dann stimmt’s ja.“


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