Pfuschikato

6 10 2010

„Fünfzig Prozent? Sie haben wohl nicht mehr alle Rillen auf der Erbse! Fünfzig Prozent mehr für Ihre Werbung?“ „Man muss halt mit der Zeit gehen, das machen heute alle so.“ „Aber doch nicht für solche Summen – das ist grotesk! Was haben Sie sich alles geleistet in Ihrem Konzern, Fernseher ohne Ton, Autos ohne Bremse, Bügeleisen ohne Handgriff…“ „Aber letztlich hat es immer irgendwie funktioniert, ich weiß gar nicht, was Sie wollen.“ „… und Sie wollen für diese Ansammlung an Stümpereien auch noch mehr Geld haben? Für Werbung? Sie haben doch nicht mehr alle Tassen im Schrank!“ „Aber die Leute mögen unsere Produkte. Ehrenwort! Es muss ihnen bloß jemand sagen.“

„Jetzt gucken Sie sich doch mal diesen Mist hier an. Eine Abfüllfabrik für Limonade.“ „Das war ja auch ein riskantes Geschäft, wir hatten nicht geahnt, dass die deutschen Kunden so anspruchsvoll wären. Die Sorten Orange und Zitrone gingen überhaupt nicht.“ „Woran lag das?“ „Wir haben eine genaue Marktanalyse anfertigen lassen, die Markentreue der Limonaden-Verbraucher aus der westdeutschen Mittelschicht ist annähernd…“ „Ach, quatschen Sie doch nicht! Die Flaschen wurden nicht ordentlich verschlossen, die Hälfte kippte auf dem Weg aus, und der Rest war eine müde Brühe, die man nicht mehr in die Läden stellen konnte. Keine einzige Flasche kam je in den Verkauf.“ „Deshalb müssen wir jetzt sehr sensibel reagieren auf den Markt, die Tremds zu neuen Sorten wie Limette-Apfel oder Maracuja-Karambole könnte sonst den Absatz…“ „Mann Gottes, wer bezahlt Sie eigentlich für einen derartigen Stuss?“ „Sie müssen die Konsumenten immer ernst nehmen. Sobald dort etwas passiert, was Sie nicht verstehen, haben Sie ein Problem.“

„Oder hier, Schuhimport. Schuhe aus China, einzeln importiert. Einzelne Schuhe!“ „Sie meinen, die Verpackungskosten wären dadurch etwa höher gewesen? Nein, wir waren da clever. Die Chinesen haben dann immer je einen Damen- und einen Herrenschuh in den Karton gepackt.“ „Und Sie Idiot verkaufen das dann auch noch so – gucken Sie sich doch den Quatsch mal an! Ein halbes Paar High Heels und einen Plüschpantoffel! Das ist doch nicht mehr normal!“ „Aber Sie müssen zugeben, dass diese Idee schon innovativ ist. Auf ihre ganz eigene Art und weise, irgendwie.“ „Papperlapapp, das ist Unsinn! Und Sie beschweren sich, dass Ihnen die Felle wegschwimmen? Haben Sie schon mal einen Gedanken daran verschwendet, dass Sie eventuell für so einen Konzern völlig ungeeignet sein könnten?“ „Der Vorstand findet, ich mache das ganz gut.“ „Der Vorstand wird Ihnen auch nichts anderes sagen, solange Sie seine Gehälter und Boni zahlen.“ „Aber irgendwas muss je geschehen.“ „Und Sie sind ernsthaft entschlossen, diesen ganze Gewurstel so weiterlaufen zu lassen?“ „Wie soll ich es denn anders machen?“ „Und jetzt wollen Sie einen Werbespot mit Filmstars?“ „Glauben Sie mir, das macht Eindruck. Vor allem bei den Banken.“

„Was soll das sein? Ein Exposé für einen TV-Spot mit dieser Hollywood-Torte?“ „Man muss das eben verkaufen. Wie die Regierung.“ „Wieso die Regierung?“ „Da wird doch auch nur Mist gebaut. Aber die verkaufen das prima.“ „Habe ich jetzt was verpasst? Was verkaufen die denn?“ „Keine Ahnung, aber sie geben auch eine Menge Geld aus. Hier, Ursula von der Leyen: 3,9 Millionen Euro für die Eigenwerbung.“ „Zeigen Sie mal – ein Drittel mehr? Wie kann das angehen?“ „Das ist so wie mit meiner Limonade: gute Idee, die aber nicht klappt, weil wir es nicht zu Ende gedacht haben, und damit wir trotzdem gut dastehen, müssen wir wenigstens schöne Etiketten auf den Sprudelflaschen kleben.“ „Und hier, das Finanzministerium will 40 Prozent mehr. Wofür?“ „Vielleicht kauft sich Schäuble mal einen neuen Rollstuhl? Oder nein, warten Sie: da muss ein Grundgesetz angeschafft werden.“ „Lassen Sie die dummen Witze! Das sind Millionen für irgendwelche Kärtchen und dumme Luftballons, und dabei sollen die doch sparen!“ „Machen die auch, aber die holen sich das bestimmt über das Sparpaket wieder rein.“

„Und hier, Verkehrsministerium: 45 Prozent mehr? Was will denn der Ramsauer mit der ganzen Kohle, hat der mit Stuttgart noch nicht genug Ärger an der Backe?“ „Natürlich, aber Sie wissen auch, wenn der auf eine Fliege tritt, dann hat er mehr Hirn unterm Schuh als im Kopf – bis auf viel Tamtam um Deutschlands Streusalzvorräte hat er nichts getan. Der ist einfach unbekannt. Und was macht ein unbekannter Politiker?“ „Sagen Sie’s mir.“ „Er sucht sich eine Gelegenheit, möglichst viel Unsinn in möglichst kurzer Zeit loszuwerden.“ „Also Werbung?“ „Genau.“

„Und hier, Bildung und Forschung – sind die deppert, die Frau will die Hälfte mehr? Ich kann das nicht glauben!“ „Ist das diese Bildungsinitiative?“ „Aber für die ist dann doch gar kein Geld mehr da!“ „Deshalb machen die auch die Werbung?“ „Damit hinterher kein Geld mehr da ist?“ „Damit sie sagen können, dass hinterher kein Geld mehr da ist.“ „Und wofür machen die dann Werbung?“ „Damit sie auch allen sagen können: ‚Wir geben hier Euer Geld aus.‘“ „Und hier, Brüderle – Niebel! Will seinen Laden abschaffen und kann jetzt gar nicht genug Werbung machen! Was ist bloß aus dieser Regierung geworden… alles ein einziger Pfusch, und das Geld ist hin.“ „Ja, es ist schlimm.“ „Sie seien mal ganz still, Sie müssen das gerade sagen!“ „Entschuldigen Sie mal, das ist eine Beleidigung!“ „Wie soll ich das denn nun verstehen?“ „Was ich auch mache: so einen Murks wie die Regierung kriege ich beim besten Willen nicht hin.“


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