Bildstörung

12 10 2010

„Toll, das klappt ja echt!“ „Was klappt?“ „Diese neue Software hier. Schauen Sie sich das mal an.“ „Das ist doch uralt. Da marschieren Polizisten auf, weil diese Chaoten wieder mal – oh, schon halb zwei?“ „Richtig. Das ist live.“ „Das macht doch keinen Sinn, die paar Polizisten? Für gut tausend Chaoten?“ „Hunderttausend.“ „Wir bräuchten doch viel mehr Polizeieinsatz, und Wasserwerfer – und die Bundeswehr könnte man doch auch…“ „Sie haben es erfasst. Das ist ja der Punkt.“ „Und wieso sind es jetzt plötzlich zwei Wasserwerfer? Warum sind es jetzt plötzlich mehrere Hundertschaften? Wieso können sich auf einmal drei Polizisten einen Demonstranten teilen?“ „Tja, da staunen Sie.“

„Wie heißt das Zeug? Diminished Reality? Das heißt doch, dass die Wirklichkeit heruntergedreht wird.“ „Wir transformieren Sie auf ein neues Level. Ein informationstheoretischer Quantensprung.“ „Wie ist das zu verstehen?“ „Ein Quantensprung ist die kleinstmögliche Zustandsänderung. Und zwar zu einem geringeren Zustand.“ „Sie streichen Dinge aus der Wirklichkeit heraus!“ „Wir verschlanken die Dinge.“ „Sie manipulieren Bilder! Sie zerstören die Wirklichkeit!“ „Wollen wir philosophieren, was an einem Fernsehbild noch wirklich und wahr ist? Sie wissen doch selbst, was man mit einer guten Regie alles anrichten kann. Schauen Sie mal: auf dem anderen Kanal fliegt der Außenminister gerade nach Südamerika.“ „Was ist daran spannend?“ „Schalten Sie mal aufs Originalbild zurück.“ „Soll das ein Schulausflug sein? Wer ist das alles?“ „Vermutlich hat Westerwelle einem ganzen Tross malender Konzertpianistinnen versprochen, sie dürften ihm mal beim Ministerspielen zugucken.“ „Und die werden da rausgerendert?“ „So in etwa.“ „Also an der Wirklichkeit wird nichts geändert?“ „Nichts. Das merken Sie nicht, wenn man Sie filmt und dann digital rausschneidet.“ „Das heißt: die Bilder für die Nachrichten werden ganz normal aufgenommen und dann…“ „Nein, eben nicht. Die sind doch sowieso zusammengeschnitten. Das hier sind die Live-Bilder von der Fußballübertragung, in der Sie der Schiedsrichter stören würde.“

„Das ist eine zweite Revolution – erst lernen die Bilder laufen, nun lernen sie lügen.“ „Na, Sie haben vielleicht Vorstellungen! Eine Lüge ist die bewusste Verfälschung der Bilder, aber kehren wir hier etwas um? Schneiden wir etwas zusammen? Bedenken Sie, es sind Live-Bilder.“ „Es ist Zensur. Hier werden Informationen unterdrückt.“ „Es ist eine Erleichterung für die Bürger. Sie sind inzwischen einem derartigen Medieninput ausgesetzt, dass man ihnen eine normale, unbearbeitete Wirklichkeit gar nicht mehr zumuten kann.“ „Aber diese Bildstörung ändert doch nicht die Realität.“ „Sind wir etwa verantwortlich für die Realität? Man muss die wesentlichen Dinge herausarbeiten für den durchschnittlichen Zuschauer, damit er die Zusammenhänge begreift. Uns ist da Eigenleistung der Zuschauer durch den Rückgang an Bildung verloren gegangen; diesen Mangel an Intellekt müssen wir ja irgendwie kompensieren – man kann schlecht neben jeden Fernseher einen studierten Medienpädagogen setzen.“

„Aber jetzt stellen Sie sich mal die enormen Möglichkeiten vor, das zu missbrauchen.“ „Wo fängt denn Ihrer Meinung nach Missbrauch an?“ „Wenn das in unrechte Hände geriete.“ „Na, da haben wir ja Glück gehabt. So eine Regierung ist doch schon an und für sich im Recht, oder?“ „Das sagen Sie. Trotzdem steht die Regierung nicht über dem Recht.“ „Das dürfte zu diskutieren sein, aber wir können die Sache ja auch abkürzen. Wir machen uns einfach ein neues Recht, in dem wir uns dieser kleinen Hilfsmittel legal bedienen dürfen.“ „Aber die Verantwortung!“ „Schauen Sie mal, wir können nicht nur mit Statistik eine neue Wahrheit erfinden, sondern auch mit Bildern. Mit Filmen. Mit dem, was die Leute da draußen sehen in ihren Glotzkästen. Das ist grandios!“ „Und das Recht? Wo bleibt die rechtliche Basis dafür?“ „Kinderpornos und Leistungsschutzrechte sind leider schon verbrannt, wir waren da zu vorsichtig. Wir verkaufen es als Mittel gegen die schlimme Reizüberflutung in den audiovisuellen Medien – die Bürger sollen sich auf die wesentlichen Dinge konzentrieren können und sollen nicht mehr gestört werden durch falsche Bilder.“ „Aber die Bilder sind dann doch falsch.“ „Wir müssten das eben uminterpretieren, Lüge ist Wahrheit. Gut ist Böse, beziehungsweise: Böse ist Gut.“

„Es klingt alles obskur. Die Menschen werden das merken, ich gehe jede Wette ein mit Ihnen.“ „Ach was, sie werden sich daran gewöhnen. Denken Sie an die Vorteile. Stellen Sie sich mal vor, der Verteidigungsminister stünde im Bundestag und verkündete: schwierige Lage in Afghanistan, die Amis wollen das und die Rüstungskonzerne sind scharf auf die Rendite, Taliban, Sicherheit, die bösen Muslime wollen Minarette in deutschen Vorgärten errichten – jetzt blasen wir der Waffenlobby erstmal die Kohle in den Arsch, die an sich für Kitas und Schulen gedacht war, wir jagen die nächsten zwanzig Bundeswehrsoldaten in den Tod, und dann schauen wir mal, wie wir das als Betriebsausflug deklarieren, wenn die Grundgesetz-Nazis mit ihrem Angriffskrieg anfangen.“ „Das brauche ich mir nicht vorzustellen, das habe ich jetzt schon.“ „Aber im Gegensatz zur jetzigen Live-Version wird unsere keine linken Spinner enthalten, die mit Zwischenfragen stören oder Transparente entrollen. Wir zeigen Ihnen die politisch korrekte Version. Das schont insbesondere den inneren Frieden in dieser Republik. Oder wollen Sie lieber jeden Tag eine Großdemo mit Panzern?“ „Das klingt für mich nach Kindersicherung. Ad usum delphini.“ „Ja, das finde ich auch. Man muss auf die Bürger verdammt gut aufpassen. Wenn man sie einfach so der Realität aussetzen würde, wer weiß, was dann geschähe.“ „Die Menschen würden anfangen, sich ihres Verstandes zu bedienen.“ „Gute Güte, malen Sie mir den Teufel nicht an die Wand! Wenn das einreißt – dann sind wir geliefert!“