Gernulf Olzheimer kommentiert (LXXVIII): Amtsdeutsch

15 10 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Mit ihrem holden Wohllaut, in ihrem Reichtum an Bildern und Nuancen, mitsamt aller poetischen Eigenschaften rennt und flieht die Sprache, Hals über Kopf nimmt sie Reißaus und verkrümelt sich in die Fertigbauregale der Studentenbuden, wo in billigen Heftchen noch Schiller und Kleist stehen, sie aber rettet sich, entfleucht und zieht Leine, die deutsche Zunge, wo sie auf sinnleeres Gebrabbel in staubiger Stube stößt, Drohbild und Strafe in einem, der Endpunkt zivilisatorischer Bemühungen um zielgerichtete Kommunikation: Behördensprache, die in ihrer grauenhaftesten Ausprägung als Amtsdeutsch zur schleichenden Hirnerweichung bei Verstörern und Verstörten führt – der offiziöse Sprachcode ist die allerletzte Distanzwaffe, die das Gemeinwesen gegen den Durchschnittsbekloppten auffahren kann, ohne Gegenwehr zu riskieren.

Denn das Amtsdeutsche ist eine Sprachbarriere, aufgeschichtet aus verbalem Sperrmüll, jeder vernünftigen Verständigung im Weg und damit ein beredtes Zeugnis für den mählichen Niedergang jener Primaten, die von den Bäumen herabstiegen, um Kernwaffen und Frauenparkplätze zu erfinden. Kaum eine andere Muttersprache, ins Korsett der öffentlichen Verwaltung gepresst und apparativ zur Gesinnungslosigkeit gebracht, wäre scheußlicher zu wahrer Pickelhaubenform geronnen; ein unsinniges wie unsägliches Konvolut aus Neuschöpfungen, eine überflüssiger als die andere, peinigt Bürgers Netzhaut und Innenohr: Durchsignalisierung und Grüngestaltungsbereich, alle konditionierten Bedarfsansprüche sind wohl vor lauter Mannesanwartschaft schon im Ehegattennachzug, als Leistungs- oder Überweisungsträger, Eckrentner oder, so unwiderleglich vermutet, in der verdachtsunabhängigen Zielfahndungskontrolle. Es lebe das Kompositum, des Donaudampfschiffs Mützenknopf, endloses, heilloses Unterfangen, alle Synapsen der Bescheuerten simultan zu zermarmeln mit wert- und wortlosen Substantivgeleebrocken, grammatische Gallerte der fadenscheinigen Art.

Eng mit Komposita und ihren präpositionalen Spulwürmern verbunden ist der Nominalstil, der in Anbrtracht der Sachlage der Dinge das hieramtige In-Aussicht-Stellen oder die zügige Bekinderung der genesungswidrig anberaumten Lückenschluss- und Konsolidierungserfolgsprogramme nicht zur Gänze abschlägig und/oder in Abrede stellte; Näheres ist nicht bekannt, das Weitere regelt eh ein Bundesgesetz. Als Kackfratze der Schnackmassaker gilt das Funktionsverbgefüge, das gleich zwei Lügen in sich birgt, denn erstens fügt es nichts, was je zusammengehörte, und zweitens funktioniert es nicht. Das Verb in der Mitte steht und schweigt. Es hat die Dinge dieser Welt schon zur Ausführung kommen sehen und in Anwendung und hat bei Nichtgefallen die Streichung planmäßig zur Durchführung gebracht. Es lädt dazu ein, dieses wirre Gefasel im Indikativ Präsens Aktiv und ohne künstliche Konsentierungstoffe einzutüten und in die Ecke zu stellen.

Und es lädt geradezu zum Missverständnis ein, wer derartige Floskeln in die Welt rülpst: wer nicht weiß, was ein Schnittgerinne ist und wozu es das Universum mit seiner puren Existenz langweilt, der wird es, obzwar zum Hang gehörig, auch nicht mitputzen. Da werden Rückantworten gestrickt – hallo, wer da? und an wen? – für Nullstimmen der Nutztoleranz; der anbrandende Wust in all seiner Hässlichkeit gebiert Allzweckgrütze, die der Nutzer nach Lust und Wasserstand überall hinschwiemeln kann, wo ihn bisher der Graswuchs gestört hatte. Dass nebenbei noch ein Gutteil an sinnwidriger und entstellender Verwendung dazu käme, weiß jeder, der einen Beamten kennt. Die Hauptsache für den Wertsackbeutel ist es, einen Wortsackbeutel zu haben, in dem er dann saubeutelnd versackt, während der Wert der Worte auf der Strecke bleibt: was da alles nicht gelesen und grundfalsch interpretiert wird, um piefige Bescheide über eine Grünflächennutzungsgebührenvorlage zu erstellen, das grenzt an semiotischen Slapstick.

Doch interessiert es den Obrigkeitsschmock, dass seine Sprachverwarzung überhaupt verstanden wird? Es kümmert ihn mitnichten, er setzt dieweil mit niedrigschwelliger Nettobotschaft schon mal auf die Weltherrschaft, die er dereinst wird feiern können, wenn alle seine Schwundart sprechen, tiefst verklausuliertes Gewäsch ohne Inhalt und Relevanz. Dass dem so bleibt, dass nämlich niemand eine lebensältere Person mit unfriedlichen Unterbeinschenkeln darauf auch anspräche, aber den Quarksprech gleichfalls fleißig nutzte, schon aus der Not heraus, mit seinem Staate überhaupt in Kontakt zu treten, bevor der, das arme, ungeliebte Wesen, endgültig in die Abstraktion diffundiert, dass das alles sich nie mehr änderte, dafür setzt der Amtsdeutsche auf pilzähnliche Sporenschleudern, die das Wortgut sich inflationär verbreiten lassen, auf dass die intellektuelle Halbwertzeit der Beknackten rapide sänke. Allüberall hat man das Zeug an der Hacke, jeder Steuererklärung wohnt so ein Zauber inne. Oder aber: wir täuschen uns, und es ist die rituelle Faselsprache durchgeknallter Bürokraten. Man weiß es nicht.