Mädchendämmerung

2 11 2010

„Machen Sie sich nichts vor. Merkel bleibt.“ „Ach, Sie machen sich doch etwas vor – die Frau ist doch jetzt schon so gut wie tot.“ „Totgesagte leben aber bekanntlich länger.“ „Nur nicht, wenn man bereits jetzt die Leichenstarre sieht.“ „Leichenstarre? Die Kanzlerin ist doch höchst lebendig! Oder waren der Kniefall vor der Atomlobby und ihr Herbst der Entscheidungen etwa nur Reflexe?“ „Ausschließen mag man es nicht.“ „Aber machen Sie sich nichts vor, Merkel bleibt. Das ist vollkommen sicher.“

„Angenommen, das Bundesverfassungsgericht kippt die…“ „Wird es.“ „Sie haben mich nicht mal ausreden lassen.“ „Muss ich auch nicht.“ „Aber Sie wissen doch gar nicht, was ich meinte.“ „Ist doch egal. Das Bundesverfassungsgericht wird alles in die Tonne treten, was diese Nulpen sich ausgedacht haben. Von der Hartz-IV-Absenkung bis zum Atom-Deal.“ „Gut, ich will Ihnen nicht widersprechen. Aber jetzt nehmen wir mal an, dass die Wahl in Baden-Württemberg auch nicht so gut ausgeht.“ „Das wollen wir hoffen.“ „Also möglicherweise wird es Schwarz-Grün.“ „Das glauben Sie doch selbst nicht. Mappus wird in das Loch gestopft, aus dem er rausgekrochen kam, und gut.“ „Aber dann wird dieser Stuttgarter Bahnhof nicht gebaut.“ „Ja und? Stört Sie das?“ „Das nicht, aber das ist doch das Ende von der Merkel. Sie hat schließlich ihre Kanzlerschaft an die…“ „Wie bitte!?“ „Hat sie das denn etwa nicht? Sogar Westerwelle hat das mit der Dagegen-Republik…“ „Westerwelle? Kanzlerin? Hatte ich da etwas Nennenswertes verpasst?“

„Jetzt mal ohne Spaß: sie macht’s doch nicht mehr lange. Das wissen Sie, das weiß ich, das weiß die CDU. Und wenn sie ehrlich wäre, wüsste sie es selbst.“ „Wie kommen Sie denn auf das schmale Brett?“ „Sie sehen es doch in allen Umfragen, sie ist nicht mehr beliebt.“ „Wir werden zum Glück noch nicht von Allensbach regiert, sondern nur von Bertelsmann.“ „Sie wird sich doch auf Dauer nicht mehr durchsetzen können. Schon gar nicht, wenn in den nächsten Wahlen die Bundesratsmehrheit noch weiter schrumpft und sich sämtliche Beschlüsse nur noch mit der SPD durchpokern lassen.“ „Das hat sie vier Jahre lang nicht ganz ohne Erfolg getan, und es kam immer etwas Vernünftiges dabei heraus, weil sie sich mit ihrem unrealistischen Kram nicht so ganz durchgesetzt hat – und die SPD sich mit ihrem weltfremden Quatsch auch nicht.“ „Das ist eine schwarz-gelbe Koalition!“ „Ach…“

„Es müsste längst Guttenberg im Kanzleramt sitzen, wenn’s nach der Mehrheit ginge.“ „Und das wissen Sie aus der hohlen Hand?“ „Alle Umfragen sind doch für ihn.“ „Deswegen wird man mal eben Bundeskanzler, weil die Boulevardpresse einen gelackten Berluskloni in die Schlagzeilen kitscht? Mein Lieber, die verfassungsrechtlichen Vorgaben dürften dann doch noch etwas höher ausfallen, als es sich die Springers einbilden.“ „Und das wird nicht gehen?“ „Sie rechnen mit einem konstruierten Misstrauensvotum? Wollen Sie Sigmar Gabriel in die Depression stürzen?“ „Ich dachte eher – da wird sich doch etwas machen lassen!“

„Was habe ich Ihnen jahrelang gepredigt?“ „Dass Merkel die Partei zerstört hat.“ „Was folgt daraus?“ „Dass es neben ihr niemanden mehr gibt und sie mit der CDU größtenteils identisch ist. Oder umgekehrt, wenn Sie so wollen.“ „Genau. Deshalb wird es keinen geben, der ihren Platz einnimmt – und niemanden, der ihr dafür ein Bein stellt.“ „Es muss doch irgendwann mal Schluss sein.“ „Dass sie abtritt? Kohls Mädchen in der Götterdämmerung?“ „Spätestens, wenn sie zur Halbzeit der Legislatur eingestehen muss…“ „Seit wann macht sie das denn?“ „… dass sie keines ihrer Wahlversprechen hat durchsetzen können?“ „Was ist mit der Abschaffung der Krankenversicherungen für die Pharmaindustrie?“ „Das war eine Forderung der FDP.“ „Stimmt, das hatte ich ganz vergessen.“ „Abr jetzt überlegen Sie mal: was passiert, wenn die Partei 2011 ihren Kopf fordert?“ „Dann wird sie sich zurücklehnen, ihnen den Munitionsvorrat der CDU zeigen, den sie in ihrem eigenen Nachttisch aufbewahrt, und darauf warten, dass der erste Angreifer aus der Deckung kommt. Und Sie werden mir sicher auch sagen, wer das sein wird.“ „Was ist mit von der Leyen?“ „Im Doppelpack mit Bouffier – zwei Blondchen gegen die Kanzlermitte.“ „Wäre doch gut möglich, dass…“ „Eher käme Merz wieder aus dem Container gekrochen.“ „Vielleicht könnte Schäuble eine…“ „Der Mann ist froh, wenn man ihn nicht ins Haushaltsloch schiebt. Außerdem ist er nicht der beste Teamplayer, erst recht nicht mit solch zwielichtigen Gestalten wie Bouffier.“ „Und wenn die zweite Reihe mitmischt?“ „Wer denn? Kauder? Der muss doch erst Mutti um Erlaubnis fragen, ob er mit den bösen Jungs spielen darf.“ „Wahrscheinlich haben Sie Recht. Sie wird nicht nur nicht aus der Regierung fliegen, sie wird auch den CDU-Vorsitz behalten.“ „Sie sind mir ja ein Träumer – als ob das eine ohne das andere je funktioniert hätte. Obwohl: eine Möglichkeit gäbe es da.“ „Bosbach?“ „Schlimmer.“ „Mißfelder?“ „So schlimm auch wieder nicht. Röttgen.“ „Röttgen? Sie kann doch froh sein, dass sie ihn los ist?“ „So einfach ist das nicht. Er könnte ihre Zwickmühle sein. Entweder er versackt als Rüttgers’ Nachfolger in NRW und es kloppt ihr den letzten halbwegs kompetenten Minister klein…“ „… oder er bleibt standhaft und entwickelt sich zu einem Talent, das auf Landesebene heranreift und ihr irgendwann die Stuhlbeine ansägt.“ „Es sei denn, die CDU ist gut konditioniert. Dann erledigen die ihn für sie.“ „Sie meinen, das würden die tun? Ernsthaft?“ „Warum nicht? Bei Pofalla ging’s doch auch.“