Der Krankenschein trügt

2 12 2010

Breschke trug die Nase hoch in die Luft gereckt, was dran lag, dass er den Kopf leicht zurückgeneigt und tief in die Schulter eingezogen hatte, und dies gründete seinerseits darauf, wie er mit nach vorne geschobenem Becken und durchgedrücktem Kreuz watschelte, die Knie unmerklich gebeugt und mit den Armen unaufhörlich um Balance bemüht, wedelnd und kreisend, so dass Bismarck, der dümmste Dackel im weiten Umkreis, sich schon gar nicht mehr traute, seinem Herrn zwischen den Füßen herumzulaufen; er tat es aber doch.

„Ich traue mich gar nicht mehr, mit dem Auto zu fahren“, jammerte der pensionierte Finanzbeamte. „Allein das Aussteigen – schlimm!“ Mühsam hielt er sich gerade, schaute mich aus glasigen Augen an und rollte unruhig die Schultern. „Sie sollten damit schleunigst zu Doktor Klengel“, tadelte ich ihn. „Das sind bestimmt die Pantoffel“, widersprach Breschke. „Ich rutsche auf diesen neuen Pantoffeln immer ab, wenn ich aus dem Sessel aufstehen will, und dabei muss ich mir etwas in den Bandscheiben verhakt haben.“ Ich nickte. „Und genau deshalb sollten Sie damit zu Doktor Klengel.“ Er riss die Arme abwehrend hoch, das heißt, er versuchte es, aber schon nach der Hälfte verzog er sein Gesicht zu einer schmerzhaften Grimasse. „Bloß nicht zum Arzt“, sträubte sich der Alte, „dann wird man doch erst recht krank!“

Das Pfefferminzbonbon nahm Herr Breschke ohne Widerstand an. Umständlich pellte er es aus dem Papier, während Bismarck mit leidender Miene an ihm emporblickte. „Diese Heizungsluft ist ja momentan fürchterlich“, klagte er. „Danke, dass Sie mir den Termin mit Herrn Kümselkorn gemacht haben, aber das Büro – fast eine Stunde in dieser trockenen Luft, erst die Hausratversicherung mit der Wolkenbruchklausel und höherer Gewalt im Verzuge, dann die Garantenhaftpflichtassekuranz für Fahrlässigkeit und dumme Zufälle, ich muss schon sagen – aber die ganze Zeit der Durchzug von der Tür, ich muss mir einen steifen Nacken geholt haben.“ Ich bohrte nach. „War es jetzt heiß oder gab es Durchzug? Eins kann ja nur gewesen sein.“ Es war kompliziert, das Taschentuch zu entfalten, aber schließlich hatte er sich doch die Stirn abgetupft. „Es war diese trocken-heiße Heizungsluft“, befand Breschke. „Wie in der Wüste, wissen Sie? Und bei der ständigen Zugluft musste man so schwitzen, mir wurde kalt am Hals.“ Wie zum Beweis rieb er sich den Nacken und wälzte den Kopf unruhig hin und her. Dazu hüstelte er recht auffällig. Ich musterte ihn kühn und griff nach seinem Kinn; ohne Gegenwehr ließ er meine messerscharfe Diagnose über sich ergehen: „Sie haben von Zeit zu Zeit ein leichtes Knacken im Zeigefinger, richtig? Ah, ich wusste es – da ist nicht mehr viel zu machen.“

Nervös tupfte sich Breschke die Stirn. „Meinen Sie, dass es etwas Schlimmes ist?“ „Sie haben zu viel gespült. Sie sind doch für den Abwasch verantwortlich, wenn ich mich recht erinnere?“ In der Tat war es so, allem konnte Breschke entfliehen, dem Fensterputzen, Wäsche und Bügeln, selbst dem Staubsaugen – seine Frau befürchtete nicht zu Unrecht, er könnte binnen Minuten das ganze Haus in einen Trümmerhaufen verwandeln – doch nicht dem Geschirr, das er dreimal täglich spülte, fest davon überzeugt, dass nur beharrliches Schrubben unter fließendem Wasser für Sauberkeit sorge. „Die wiederholte muskuläre Anspannung“, fuhr ich ungerührt fort, „mündet schließlich in heftigen Nackenschmerz, nicht wahr?“ Eifrig nickte er, wohl nicht mehr gewahr, dass die Zugluft ihm erheblich zugesetzt hatte. „Sollten Sie über einen leichten Reizhusten klagen“, fügte ich an – doch ich rannte damit nur offene Türen ein. „Seit Tagen habe ich das Gefühl, dass es nicht besser werden will!“ Breschke fischte nach einem neuen Taschentuch. „Vor allem abends ist es schlimm, wenn ich aus dem Sessel aufstehen will, dann zieht es bis in den Rücken. Manchmal denke ich, ich muss mir dabei einen Virus weggeholt haben.“ Bedächtig wiegte ich den Kopf. „Es könnte eine Art Picornaviridae oder sogar Paramyxoviridae sein, man soll damit nicht spaßen.“ Angsterfüllt blickte Breschke mich an. „Sie meinen, es ist eine schlimme Krankheit?“ begütigend legte ich die Hand auf seine Schulter. „Möglicherweise werden die oberen Atemwege davon betroffen sein, der Kreislauf wird natürlich nicht geschont – man muss da mit Symptomen rechnen, wissen Sie?“ Breschke riss die Augen auf. „Symptome? Ach Gott, wissen Sie da Näheres?“ „Doktor Klengel wird Ihnen schon das Richtige empfehlen. Beispielsweise sind die amerikanischen Forscher schon vor längerer Zeit auf 3-Oxo-L-Gluconsäure-γ-Lacton gekommen, das scheint ein gutes Mittelchen zu sein.“ „Chemie“, schnob Breschke, „Chemie schlucke ich nicht! Das würde mir auch Klengel nie verordnen!“ „Ruhen Sie sich vor allem aus“, riet ich. Er zog Bismarck hinter sich her, waidwund hüstelnd. Ich hätte ihm noch ein Pfefferminzbonbon anbieten sollen für den Weg.

Frau Breschke hatte gerade ein Dutzend Zitronen in den Korb gelegt, als ich auf dem Wochenmarkt hinter sie trat. „Horst fiebert“, teilte sie mit, „Sie hatten durchaus Recht: eine kleine Erkältung. Was muss er bei dem Wetter auch ins Postamt gehen und sich in die Schlange hustender Leute stellen? Aber immerhin, es hat auch sein Gutes. Sie waren erfolgreich.“ „Er will nicht mehr staubsaugen?“ Frau Breschke grinste. „Der Spüldaumen. Zu Weihnachten schaffen wir uns eine Maschine an.“


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2 responses

2 12 2010
Doktor Peh

Die Macht der Aerzte ist nicht zu unterschaetzen!

(Da faellt mir ein, jedesmal, wenn ich im Ausland zufaellig einen deutschen Fernsehsender finde, also beim Durchzappen der Kanaele, werden in den Werbepausen zu etwa 80 Prozent der Werbezeit Pharmaka angeboten, der Rest der Zeit geht fuer Versicherungsspots drauf.)

2 12 2010
bee

Die Jungs wissen eben, was Deutsche wollen: Gebissreiniger, Prostatapillen und Schmerzsalbe, um mit 67 noch ein bisschen am Fließband zu stehen. Turne bis zur Urne.

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