Gernulf Olzheimer kommentiert (LXXXV): Weihnachtsbeleuchtung

3 12 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wer sich kurz vor dem Perihel der Erde nähert und die Nordhemisphäre anpeilt, wird verschneite Häuser entdecken, gefrorene Seen und endlose Züge zweibeiniger Gestalten mit albernen Hüten, die bunte Päckchen durch die Gegend tragen, so viel übel riechende, heiße Flüssigkeit in sich zu schütten, bis sie lallen und ihre Körpersäfte in die Landschaft entladen, und alles erfinden, um sich selbst mit Schmackes vom Gesicht dieses Planeten zu entfernen, Kriege, ungedeckte Leerverkäufe, den volkstümlichen Schlager und in winterlichen Zeiten die letzte Herausforderung für jede Netzhaut: die Weihnachtsbeleuchtung.

Als wären die Entartungen der normalen, von Nippes und Dekorationsmüll gepeinigten Advents- und Winterzeit, die Saison der hunderttausend Teelichte, Duft- und Figurenkerzen in spiegelndem Geflitter von Glasprismen, Lackfolie und Lametta, als sei dieser durchlauchte Kitsch und Plunder noch nicht genug, als hätten Weihnachtspyramiden, Heere von Kreischgoldengeln und sämtliche Schneekugeln der Milchstraße noch keine Muster in den Neocortex gefräst, greift die elektrische Pest um sich und erobert den Wohnraum mit aller Scheußlichkeit. Seit alter Zeit ist die Glühwendel geeignet, sanften Schimmer auszugießen in das Potpourri von Apfel, Nuss und Mandelkern, doch was jüngst mit Leuchtdioden gelingt, ist das Verdun des guten Geschmacks. Eins ist es, die weiland noch als weißlich bis seicht angegilbt verfügbare Flamme, die da mimetisch einen Kienspan gibt, in allen möglichen bis überflüssigen Farben ihr Gelichter in die Außenwelt flirren zu lassen, das andere jedoch, durch rhythmische Zuckungen, Geblinke und neckische Nachahmungen einer aus dem Ruder gelaufenen Lichthupe die Dosis bis ins Unerträgliche zu steigern. Kombiniert man beides – und die Zierratverbraucher kombiniert weiß Gott alles, was man ihr nicht rechtzeitig genug aus den Fingern reißt – so hat man einen hochprima Epilepsie-Trigger in Form einer mittelgroßen Torte, dessen zu konzentrischen Kreisen geschwiemelte Blitzquäken einen visuellen Lärm veranstalten, dass es auch hartgesottenen Zeitgenossen die Pupillen bläht. Im Fachhandel für sadistischen Elektrobedarf darf sich das Zeugs als „Stimmungsleuchter“ breit machen, offenbar ist die postfestale Katerstimmung im Preis inbegriffen.

Doch dies ist erst der Anfang des Grauens. So aufreizend die Glimm- und Glühorgie, die meist im Fensterbereich stattfindet und die natürliche Schamgrenze des Hominiden brachial niederwalzt, so abschreckend ist auch der Übergriff auf die Fassade. Kilometerlange Flackerplasteschläuche umspinnen ganze Bungalows wie überdimensionale Starkstromspaghetti, wer schon bei den Blinktellern an Flakscheinwerfer dachte, entdeckt hier eine Anlockvorrichtung für Passagierflugzeuge, die die Ansammlung gelb-rot pulsierender Sterne im Vorgarten eines Sozialpädagogenpaares aus normaler Anflughöhe leicht mit der Landebahn von Heathrow verwechseln lässt. Berücksichtigt man in der Gesamtrechnung der ästhetischen Grausamkeit auch noch diverse meterhohe Krippenensembles, erklecklich lange Schlitten samt Rentierbesatz sowie den obligaten, inwendig beleuchteten Weihnachtsmann in Lebensgröße, wie er an einer – erraten: in drei Farben blinkenden – Strickleiter die Immobilie erklimmt, so bleibt nur der Schluss zulässig, dass Strom in den Wintermonaten vom Himmel fällt, ansonsten hätte jeder Glühwurm ein komplettes Kernkraftwerk im Hobbykeller.

Wer auch immer dachte, das Schreckliche sei irgendwann zu Ende, sieht sich betrogen: der Zirkus ist in der Stadt, jedenfalls sieht es in den Fußgängerzonen, Hauptverkehrsstraßen und Malls danach aus, als hätten die Illuminaten längst den Planeten übernommen und seien damit beschäftigt, sich mit photoelektrischem Geplärr in allen Farben und Schmerzstufen häuslich hier einzurichten. Zu den Segnungen der dynamischen Leuchtfeuer kommt nun auch die Anpassung an den Maßstab der City – was nicht fünf Stockwerke hoch ist, reißt nichts mehr im evolutionären Endkampf der Reizüberflutung, und so stürzt das lodernde Wirrlicht der Konsumquartiere den Beknackten in eine psychedelische Ausnahmesituation, als hätte er sich Pilze und Weihrauch in die Birne gepfiffen und nicht jene optische Umweltverschmutzung, gegen die eine herkömmliche Lichtzeichenanlage für fußläufige Straßenverkehrsteilnehmer lockendes Labsal wäre, würde man sie im aufgemotzten Overkill der Blitzbirnen überhaupt noch entdecken.

Und es hinterlässt Spuren. Schon sind die ersten Nachtjacken unterwegs, die sich Kanisterpunsch beidarmig in die Blutbahn bembeln, und sie setzen strahlende Hörnchen auf die behaarte Kalotte, die batteriebetrieben durch die schamvoll hernieder sinkende Nacht jodeln wie eine Warnblinkleuchte: „Achtung“, ist ihre Botschaft, „Sie nähern sich Lebensformen, die unter schwer behandelbarer Klatsche leiden – umfahren Sie dies intrakraniale Vakuum weiträumig, wechseln Sie am besten Straßenseite, Konfession oder Kontinent.“ Denn sonst haben sie uns irgendwann im Griff.