Kuddelschmuddel

7 12 2010

„Kann ich Ihnen nicht sagen. Nein, ich bin da nicht zuständig, verstehen Sie? Und wenn ich zuständig wäre, dann wäre ich nicht kompetent. Natürlich, so handhaben wir das hier. Und die in Berlin machen dann Vorgaben: die verstehen nichts vom Internet, deshalb verbieten sie es ja auch.

Wenn Sie sich selbstständig machen wollen, dann unterstützen wir das natürlich nur in den Fällen, in denen Ihr Unternehmen auch legal ist. Und da sind die Vorschriften für E-Business gerade ein bisschen kompliziert. Wir müssen ja sehen, dass Sie durch Ihre Berufstätigkeit keine Gefährdung für die Allgemeinheit darstellen, wie zum Beispiel ein Atommülllager. Das werden Sie einsehen. Und wir müssen auf alle Fälle sicherstellen, dass Sie nichts gegen Kinder – ja, ich habe Ihr Führungszeugnis auch gelesen, aber das sagt gar nichts. Schauen Sie, normalerweise würde man sagen, der Mann hat sich noch nie etwas zu Schulden kommen lassen, der ist sauber; wenn Sie etwas mit Internet machen, dann ist das umgekehrt. Das müssen wir als Behörde auch berücksichtigen.

Schwierig, wenn Sie mich fragen. Das mit dem Gästebuch können Sie sowieso vergessen. Stellen Sie sich mal vor, dass da jemand irgendeine, sagen wir mal, das ist ja so gesehen auch kein rechtsfreier Raum, und da sind Sie dann schuld. Natürlich, so war das gedacht. Also wenn Sie jetzt als Betreiber nicht – Beweislastumkehr, das war das Wort. Besten Dank, ich verwechsle das immer mit dem Generalverdacht. Es ist ja auch zu schwierig, wenn man plötzlich feststellt, dass die meisten Straftaten und Ordnungswidrigkeiten, die seit Jahrhunderten außerhalb des Internets stattfinden, überhaupt nicht verfolgt werden. Aber wenn Sie denen so eine virtuelle Wand zum Schmieren hinterlassen?

Das gilt jetzt nicht für Nachrichtensendungen. Oder irgendwelche redaktionelle Angebote, die zum Beispiel etwas mit Politik zu tun haben. Nein. Das sind ja dann auch solche, die eine Art regelmäßige Berichterstattung leisten – also das, wo man schon so eine Auseinandersetzung erkennen kann, nicht wahr, eine regelmäßige Sendung mit Text, nicht wahr – wenn das so regelmäßig ist, werden wir das nicht abmahnen, weil es keine Altersklassifikation hat. Wir werden es abmahnen, weil es regelmäßig ist und deshalb überhaupt keiner Altersqualifikation bedarf. Es gilt einfach als gewerblich, wenn Sie jeden Tag etwas schreiben. Sie verdienen gar kein Geld damit? Ja und? Seit wann muss denn ein gewerbliches Angebot gewerblich sein? Das sagt doch schon der Name?

Nein, hören Sie, das ist doch alles zum Scheitern verurteilt. Sie werden doch keinen Zubehörhandel für Kätzchen aufmachen, da haben Sie innerhalb einer Stunde die Abmahnanwälte am Hals. Kurzwaren? Lächerlich, das klappt nie. Damit sind Sie sofort wieder pleite. Die werden Sie an die Wand klatschen. Machen Sie in Schweinebildern, dann haben Sie ausgesorgt.

Nein, das ist kein Scherz. Jugendschmutz äääh… Jugendschutz, Sie verstehen? Früher musste man in Deutschland Sendezeiten einhalten. Doch, das war schon immer so. Oder ein Jugendschutz per Zugangsbeschränkung. Durchgehend geschlossen, wenn Sie verstehen. Da musste man dann auf die Nackerten aus dem Ausland ausweichen – die sind nicht in Deutschland, also kann man sie auch nicht verbieten. Spezielle Kenntnisse? Ach Gott, wissen Sie, was Ihnen ein Zwölfjähriger mit Hilfe einer Suchmaschine alles aus dem Netz heraussucht?

Und jetzt kommt Ihre Chance. Sie brauchen keinen teuren Schutzmechanismus mehr. Sie schreiben einfach Ab 18 drauf. Und dann lassen Sie den Jugendschutz-Filter den Rest erledigen. Kaufen? Programm? Wieso denn Sie? Das macht der Anwender, in dem Fall: die Eltern. Die werden sich das wahrscheinlich meistens von den Kindern zeigen lassen müssen, weil sie selbst mit der Filter-Software technisch überfordert sind.

Es muss alles bewertet werden. Alles. Und dann können Sie ja alles auch versehentlich falsch einstufen. Schauen Sie, Anwälte wollen auch leben und wählen die FDP.

Naja, wenn diese Dinger mal da sind. Bis jetzt wird ja alles für 6- und 12- und 16-Jährige gelabelt, aber es gibt noch keine Filter, die das dann auch umsetzen. Ihr Vorteil, wenn diese Bilder ins Netz stellen. Sie profitieren von dem Kuddelschmuddel. Der Gesetzgeber verlangt von Ihnen drei eiserne Türen mit gewaltigen Schlössern. Er schreibt Ihnen nur nicht vor, dass Sie die verschließen müssen.

Sie machen das freiwillig. Es sei denn, Sie machen das nicht freiwillig, dann wird man Sie eben dazu zwingen, das freiwillig zu machen. Sie sind in Deutschland, vergessen Sie das nicht.

Natürlich, die Kids knacken alles. Aber es geht noch leichter: sie schalten die Zugangsfilter einfach aus. Na klar, glauben Sie, ein Halbwüchsiger ließe sich ein Video von einer vollbusigen Stripperin entgehen, wenn er dazu dreimal unbemerkt etwas wegklicken müsste? Sie haben wohl keine Kinder?

Stellen Sie sich einen Portier vor, der ihr Haus bewacht. Ein netter, freundlicher Mann, hat hinter sich ein Stoppschild stehen, das wird aber nicht gebraucht (und es nützt auch gar nichts, die Leute können ja daran vorbeigucken), und er wartet dann auf die Einbrecher und fragt, ob er für die nicht mal eben die Alarmanlage ausschalten dürfte. Und dann schaltet er aus, und wenn der Einbrecher fertig ist, dann schaltet er die Anlage wieder ein und wünscht dem Einbrecher noch einen schönen Tag. Und falls Sie fragen, nein, die in der Regierung haben auch keine Kinder. Nur die Filter, die gibt es noch nicht.

Wenn Sie mich fragen: nehmen Sie harmlose Bilder und schreiben Sie Ab 18 drauf, als wär’s der schlimmste Schweinkram. Das reizt. Na, so erotische Fotos halt, Mizzi hat heute ihren Pullover nicht gefunden und war oben ohne, als der Fotograf kam. Das kennen Sie doch aus diesem Boulevardblatt, das ohne Altersfreigabe bleiben darf, weil es so viel seriösen Qualitätsjournalismus bringt. Und wenn Sie Glück haben, werden Sie sogar ein ernsthafter Konkurrent – oder glauben Sie, anständige Eltern würden ihre Kinder einfach so BILD angucken lassen?“


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3 responses

7 12 2010
Tweets that mention Kuddelschmuddel « zynæsthesie -- Topsy.com

[…] This post was mentioned on Twitter by R L , herr bee. herr bee said: Kuddelschmuddel: http://wp.me/ppSXR-Qj #JMStV […]

7 12 2010
Doktor Peh

Die Schwieerigkeit liegt ja eher darin, dass wir uns in unserem Alter von den Kindern aufklären lassen müssen, wie manche Dinge funktionieren.

Aber aufgrund von Kommentaren ein „ab 18“-Bepperle aufs Blog machen – ich weiß nicht, ob es das bringt. Da lass ich lieber mal die Abmahnanwälte die Arbeit machen und all meine Beiträge erfolglos durchforsten. Das bringt dann wenigstens traffic. Oder ist dieses Wort wegen der zweiten Silbe schon „ab 16“?

7 12 2010
bee

Das ist der Punkt, die politischen Entscheider sind von jeder Sachkenntnis ungetrübt und schieben den juristischen Sperrmüll (ich habe selten ein handwerklich so stümperhaftes Gesetz gesehen) eine Etappe weiter: Arbeits- und Sozialgerichte ertrinken in einer Klagewelle, der die Anwaltszunft frisst sich den Wanst voll, und wenn es gar nicht anders geht, müssen BGH, BVerwG und BVerfG ihnen den ganzen Dreck wieder vor die Füße schmeißen. Die Aushöhlung des Rechtsstaates geschieht mittlerweile durch reine Leistungsverweigerung der politischen Klasse, durch ihre Inkompetenz, durch ihre absurde Interpretation dessen, was sie für Realität halten. Dieser Staatsvertrag, so sinnvoll er sein mag, wird ein Rohrkrepierer bleiben, allein wir werden die Lärm- und Staubentwicklung abkriegen.

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