Keine Panik

8 12 2010

Zwei martialisch kostümierte Polizisten standen am Eingang der Kongresshalle. Mit Schussweste, Helm und Maschinenpistole behängt zeigten sie genau die nervöse Unruhe, die auch mich ansteckte: was, wenn nun einer von ihnen versehentlich gegen den Abzug käme? Die Sicherheitsbeamten an den anderen Eingängen würden sofort gerannt kommen und auf mich anlegen, sobald sie die Schüsse vernähmen, und dabei wäre es doch nicht sehr viel mehr gewesen als nur eine kleine Unachtsamkeit.

Die Halle war angenehm gefüllt, hier und da lag Literatur an den unterschiedlichsten Tischen aus. Kromschröder hatte mich rasch ausfindig gemacht und winkte herüber. „Ich habe Ihnen wohl nicht zu viel versprochen“, begrüßte er mich. „Es ist ja doch recht viel auf dem Programm, haben Sie sich schon etwas ausgesucht?“ Ich gab mich verbindlich. „Da Sie mich eingeladen haben, dürfen Sie mir ruhig ein paar Vorträge ans Herz legen. Sie wissen ja, wofür ich mich interessiere – Hellenismus, Spätmittelalter, Renaissance…“ Er runzelte bedenklich die Stirn. Hatte ich etwas Falsches gesagt? „Oder gibt es das eventuell gar nicht? Hat sich hier soviel verändert?“ Kromschröder schaute mich leicht verstört an, was mich wiederum irritierte. „Das ist ja schließlich der Deutsche Historikertag, nicht wahr?“ Pikiert zeigte er auf das Programmheft; ich lief schamrot an, denn nicht einmal auf der Eintrittskarte war es mir aufgefallen: Deutscher Hysterikertag.

„Hexenwahn“, dozierte Professor Kunstätter, „ist ein kulturunabhängiges Phänomen. Sie werden daher sehr genau nach den strukturellen Elementen suchen müssen, um es zu beschreiben. Das lässt sich nicht monokausal beschreiben, und schon gar nicht aus einer heutigen Perspektive als Aberglaube abtun.“ „Also doch ein historischer Aspekt?“ Ich begann, mich auf seinen Vortrag zu freuen, doch Kunstätters Erläuterungen machten mir einen Strich durch die Rechnung. „Wir betreiben das heute mit professionellen Mitteln, verstehen Sie? Sie können sich ja vorstellen, was die Aufregung sonst an Kopflosigkeit hinterließe. Wäre das nicht übertrieben? Sagen Sie selbst: wäre das nicht ein Grund zur Hysterie? Sie werden daher in meinem Referat hören, wie wir den Hexenglauben produktiv machen können, um die Gesellschaft auch heute noch in den Wahnsinn zu treiben.“ Im Hintergrund schlich ein Alter im härenen Gewand vorbei. Wir werden alle sterben stand auf seinem Pappschild, und mehr musste man ja auch nicht wissen.

„Vor der Mittagspause sollten Sie unbedingt noch den Gastreferenten zur Massenpanik und gruppendynamischen Prozessen hören“, riet mir Kromschröder. Er selbst hatte sich einen Becher Tee besorgt und studierte ein Verlagsprogramm. „Das ist mal etwas Praktisches“, lobte er das Heftchen. „Eine zweibändige Ausgabe über den Terrorismus: in Teil eins wird erklärt, wie man eine Terrorzelle gründet und unterhält und die Attentate erfolgreich plant und durchführt, und im zweiten Teil liest man, wie man diese Terrorzellen erkennt und aufspürt und unschädlich macht. Wenn beide Seiten beide Bücher lesen, statt die Terroristen nur das eine und die Polizei nur das andere, dann haben wir ein viel größeres Fachwissen. Terrorismus und Aufklärung auf einem höheren Niveau, wäre das nicht toll?“

Eine junge Dame, die sich nicht vorstellte, aber als Mitarbeiterin des Bundesinnenministeriums zu erkennen gab, hatte sich mitsamt ihrer Bockwurst an unser Tischchen gesellt. „Sie schreiben doch immer diese Berichte, stimmt’s?“ Ich lächelte geschmeichelt, schließlich musste sie mich mit einer enorm wichtigen Person verwechselt haben. „Der Jahresplan funktioniert ja mal wieder ganz ausgezeichnet.“ „Sie sind mit der Organisation beauftragt?“ Sie verstand mich falsch, aber das um so besser. „Genau auf den Punkt. Dieser Terror mit dem Terror klappt wie am Schnürchen. Alles sehr gut einstudiert, wir können uns auf unsere Kontakte verlassen.“ Ich schaute neugierig. „Als da wären?“ Sie lächelte. „Die Medien. Die Sicherheitsbehörden und die jeweiligen Lobbyisten. Wir arbeiten schon Hand in Hand. Das muss ja professionell werden.“ „Und was stand bisher so auf Ihrem Jahresplan?“ Ich schielte auf ihren Papierstapel, konnte aber trotz der Klarsichthüllen mit den Internetausdrucken nicht viel erkennen. „Das sollten Sie doch noch in Erinnerung haben“, versetzte sie. „Schweinegrippe. Und davor die Vogelgrippe. Und haben Sie BSE noch auf dem Radar?“ „Irgendwann dazwischen haben wir auch mal einen Wintereinbruch gehabt“, sinnierte ich, „aber ich kann mich auch täuschen. Vermutlich war ich da gelähmt vor Angst.“

Der Diavortrag über den 2012 stattfindenden Weltuntergang ließ mich kalt, ich holte mir noch einen Kaffee. Die Ministeriale stand noch immer am Tisch. „Wollen Sie nicht auch eine Kleinigkeit“, fragte sie, „die Wurst ist sehr zu empfehlen.“ „Sie lenken ab“, gab ich zurück; wieder verstand sie mich falsch. „Das stimmt. Aber keine Panik, das ist nun mal mein Job.“ „Wo sehen Sie die größten Potenziale?“ Der Alte mit dem Büßerhemd hatte sich schon wieder aufgemacht und trug sein Schild durch die Halle. „Stellen Sie sich vor, die Leute wollten wissen, wie viele Fässer in der Asse lagern und wie stark das Zeug tatsächlich strahlt – da ist es doch besser, wenn wir ihnen sagen, wann wir den nächsten Terroranschlag erwarten. Statt der Höhe der Schulden. Oder der Arbeitslosenzahlen.“

Fröstelnd schritt ich am Ufer entlang, die Kongresshalle im Rücken. Was würden diese beiden Polizisten nur mit ihren Maschinenpistolen anfangen, wenn sie dann plötzlich, inmitten der Menschenmenge, einen Sprengsatz entdeckten? Fast hätte ich ernsthaft darüber nachgedacht. Aber wäre das nicht übertrieben gewesen? Und am Ende doch wieder nur ein Grund zur Hysterie?