Tiefbau

9 12 2010

„Finden Sie das nicht ein bisschen umständlich, für jeden Mist eine Pressekonferenz zu machen?“ „Na, immerhin werden wir mit unserer neuen Media-Strategie die Siegesserie der vergangenen Wahlen nicht nur wiederholen, sondern auch ausbauen.“ „Siegesserie? Wir meinen aber schon dieselbe FDP, oder?“ „Natürlich. Oder sehen Sie hier irgendeine liberale Partei, die uns das Wasser reichen könnte?“

„Also ich sehe da nur einen Maulwurfshaufen, der sich unter der Fünf-Prozent-Hürde durchgräbt.“ „Wir liegen stabil bei vier Prozent. Derzeit.“ „Stabil bei vier Prozent, das klingt wie: der Sarg ist jetzt im Loch, tiefer geht’s nicht.“ „Stabil bei vier Prozent, aber das ist auch nur vorübergehend. Das dürfen Sie für die Statistik eigentlich gar nicht mitrechnen.“ „Warum wundert mich das jetzt nicht, dass Sie Ihren Absturz ausblenden?“ „Das macht die CDU ja auch – wenn das übliche 90-Prozent-Ergebnis für die Merkel-Wahl nicht passt, rückt man es halt ein bisschen zurecht.“ „Sie gehen immer noch von vierzehn Prozent aus?“ „Aus Bequemlichkeit steht in den Strategiepapieren immer noch die 18. Dann müssen wir das nicht alles neu drucken.“ „Und wie erklären Sie sich das, dass die FDP diese 18 Prozent nie erreicht hat?“ „Das äääh… Westerwelle weiß das noch nicht, da müssten Sie später noch mal…“

„Was haben Sie denn jetzt von dem Maulwurf gewusst?“ „Na, gar nichts natürlich. Wir waren genauso überrascht wie Sie.“ „Und deshalb wollte Westerwelle eidesstattliche Versicherungen von allen Liberalen?“ „Also, das war… ich weiß nicht, ob ich Ihnen das – Sie sagen das auch bestimmt nicht weiter?“ „Sehe ich aus wie von Wikileaks?“ „Das weiß man ja nie so genau.“ „Also was jetzt?“ „Er musste das ja machen. Junger, aufstrebender Liberaler – was meinen Sie, was passiert wäre, wenn er Rösler und Lindner nicht verdächtigt hätte? Die wären aber ins Quadrat gesprungen!“ „So schlimm?“ „Die Homburger, sage ich Ihnen – drei Tage hat die alte Schnepfe hier Theater gemacht, weil Westerwelle zu ihr gesagt hat: früher war die jung-und-aufstrebend, heute ist sie noch und – also ich hätte es ja auch diplomatischer angefangen, aber er kann das ja nicht.“ „Darum ist er ja auch Außenminister.“

„Aber ehrlich, uns hat das auch ziemlich schwer getroffen, dass sein eigener Büroleiter der Spion war.“ „Wegen des Vertrauensverlustes, oder?“ „Ach was, Blödsinn – was gibt’s da groß zu verlieren? Westerwelle ist doch sowieso gesprächsresistent, da können Sie auch einen Sack Streusand anschreien. Unsinn. Man hätte sich halt doch mehr Glamour gewünscht. Drama, Drama – Niebel, das wär’s doch gewesen.“ „Diese Nachtmütze?“ „Ja eben! Erst alles beharrlich ablehnen, verneinen, dass es gar keinen Spion nicht gibt, und dann wird er enttarnt und macht den Möllemann.“ „Stattdessen mussten Sie diesen Metzner ja noch ein paar Tage lang mit durchschleifen – wie sieht denn das aus?“ „Wir haben einem jungen, aufstrebenden Parteigänger eine neue, attraktive berufliche Herausforderung angeboten. Eine Chance auf Leistung, verstehen Sie. Und Leistung muss sich wieder…“ „Ach was, Sie haben den nicht von den Hacken gekriegt.“ „Das war eine Spitzenkraft!“ „Wie kommen Sie darauf?“ „Sogar die Amerikaner haben uns ja bescheinigt, dass er aufstrebend ist.“ „Und deshalb haben Sie ihn dann an die frische Luft gesetzt?“ „Wir haben uns einvernehmlich von Metzner getrennt, bitte sehr.“ „Einvernehmlich, soso. Sie haben den Einbrecher noch bis zur Tür begleitet und ihm eine Zigarre angeboten, was?“ „Hätten wir ihn etwa strafrechtlich verfolgen lassen sollen?“ „Nein, natürlich nicht. Sonst wäre am Ende noch einer auf die Idee gekommen, in der FDP bekämen auch Steuerbetrüger keine Rückendeckung mehr.“

„Aber was halten Sie von unserer neuen Media-Strategie?“ „Was, das Altpapier, das Sie hier für die Pressekonferenz verteilt haben?“ „Wir fordern noch mehr Schutz für staatliche Unterlagen, damit diese Unsicherheit aufhört.“ „Das klang allerdings im Koalitionsvertrag alles noch etwas anders.“ „Das war ja auch vor der… nein, das war ja schon nach der Wahl.“ „Eben.“ „Verwechseln Sie jetzt bitte nicht Ursache und Wirkung, ja?“ „Wie könnte ich, das machen Sie doch viel besser – diese ganze Affäre, um die Sie so einen Zinnober veranstalten, hat doch nur offengelegt, was die Vögel aus der Dachrinne pfeifen.“ „Da verkennen Sie aber das letzte Wahlergebnis.“ „Diesen Ausrutscher?“ „Sogar in Nordrhein-Westfalen haben wir…“ „… den Landesverband ordnungsgemäß zerschossen und in der Opposition abgeliefert.“ „Aber wir arbeiten jetzt sehr hart an der nächsten Phase mit den Steuersenkungen.“ „Nächste Phase? Was für eine nächste Phase? Statt mehr Netto vom Brutto gibt’s höhere Krankenkassenbeiträge.“ „Nächste Phase heißt, dass wir ab Januar wieder überall davon reden werden. Hier haben Sie die Übersicht: Dreikönigstreffen, da ist eine Talkshow mit Anne Will, und hier haben wir die Eröffnung vom Hotel Kaiser Wilhelm. Großes Publikum.“

„Und Sie bleiben dabei, dass das hier ein Zwischentief sei?“ „Absolut. Ich kann Ihnen versichern, das ändert sich, sobald die Kabel-Affäre vergessen ist.“ „Und bei der nächsten Wahl ist die FDP wieder voll da?“ „Ich bin davon überzeugt.“ „Und das hat Ihnen nicht geschadet?“ „Warum?“ „Weil der US-Botschafter Westerwelle als eitel, inkompetent und aggressiv bezeichnet hat?“ „Und als einen echten Freund.“ „Was so ziemlich auf dasselbe hinauslaufen dürfte.“ „Passen Sie mal auf, was wir jetzt für unsere transatlantischen Freunde machen – kennen Sie den hier noch?“ „Das ist ja… Sie wollen Westerwelle als Freiheitsstatue der Republik kostümieren? Ist das Ihr Ernst?“ „Natürlich nur heimlich, darf ja keiner erfahren. Aber die Videos, die werden dann irgendwann im Internet… Sie verstehen? Hm?“ „Sie meinen, Westerwelle habe von allem gewusst?“ „So ist es. Und was meinen Sie, was wir mit dieser Nummer für Schlagzeilen bekommen!“