Die Kiste

14 12 2010

„So, det issa.“ Der Dicke schlug mit der flachen Hand auf den mannshohen Karton, der an der Wand des Treppenabsatzes lehnte. Ich war irritiert. Ich hatte ja gar nichts bestellt, schon gar nicht bei der Spedition Brömmle. „War ja Ihre Frau Jemahlin, wenn ick ma alaum darf“, antwortete der Träger und tippte mit zwei Fingern an den Mützenschirm. „Denn ma viel Vajniejen mit den Trumm, wa?“ Und er stapfte bedächtig die Treppe hinab. Oben blieben wir beide zurück, ich und der Sarg.

Anne blätterte die Papiere durch. „Modell Palermo, Pappel mit Patina. Offenbar italienisches Design.“ Ich blickte sie fassungslos an. „Das ist alles, was Dir dazu einfällt? Sag mir lieber, wie die auf den Gedanken kommen, mir diese Kiste zu schicken?“ „Das ist ein Preisausschreiben“, las sie vor. „Hauptgewinn ist dies schmucke Erdmöbel, das Sie ein ganzes Leben lang…“ „Ich habe keines mitgemacht“, schnitt ich ihr barsch das Wort ab. „Du weißt genau, dass ich Verlosungen ablehne, weil man denen nur seine Adresse gibt und dann mit Werbung beschmissen wird.“ „Vielleicht kriegst Du ja als nächstes eine Urne“, prustete Anne, „aber nein, Du hast ja mit dem Rauchen aufgehört.“ Ich sah sie scharf an. „Du weißt auch nicht zufällig, wer dieses Preisausschreiben mitgemacht hat?“ „Diese dunkle Stelle, war die immer schon da?“ Innig schaute Anne auf das Parkett. „Du sagst mir jetzt sofort, wann!“ „Ich wollte doch nur den zweiten Preis, das Wochenende für zwei Personen im Kurhotel Sanftruh in Günzelfingen.“ Sie lief rot an bis unter die Haarspitzen. „Und da habe ich eben… naja, zwei oder drei…“ „Wie viele?“ „Sieben. Aber eine auf meinen Namen!“

„Wenn ich ungelegen komme, müssense sagen, nich?“ Horst Kümselkorn, Versicherungsvertreter und eine der biblischen Plagen in Menschengestalt, hatte sich einfach an mir vorbeigequetscht und stand in der Küche. „Was ich sagen wollte – die Hausrat, da müssten wir aber noch mal, und dann isses wegen der, warten Sie, ich hatte das genau ausgerechnet, die Kombi mit Wahloption Glasbruch oder Gewässerschutz plus Erdreich, falls Sie mal’n Friedhof aufmachen, haha, Scherz, ich…“ „Ach, Sie wissen es schon?“ Kümselkorns Kinnlade schlackerte. „Was ist das denn?“ Er klammerte sich ängstlich an meinen Arm. „Ein Alligator“, gab ich zurück. „Er leidet bloß unter Schüchternheit und verkleidet sich daher gerne.“ Der Policen-Mann fing sich nur langsam; verstört betrachtete er mich von der Seite. „Ich wusste ja nicht“, stammelte er, „hatte ja keine Ahnung, weil dann ist ja auch, falls Sie jetzt nämlich die Risiko-Lebensversicherung, da kann ich mit dem Preis gar nichts mehr machen!“ „Kümselkorn“, zischte ich, „Sie packen jetzt Ihren Kram zusammen und verschwinden.“ „Ist der denn gar nicht für Sie?“ Ängstlich schielte er mir über die Schulter, als würde im nächsten Moment ein Knochenmann aus der Totenlade steigen und ihm mit der Sense den schütteren Scheitel nachziehen. „Denkst Du an die Blumen für Tante Albertine?“ Anne hatte sich ins Arbeitszimmer zurückgezogen und rief nun durch die ganze Wohnung. „Du weißt genau, dass die nicht so lange frisch…“

Es dauerte keine dreißig Sekunden, und Horst Kümselkorn hatte die Wohnung verlassen; er hatte einen ächzenden Laut von sich gegeben, fluchtartig war er in den Flur gestürzt, gegen die Kommode gelaufen und endlich die Treppe hinuntergepoltert. Dass Tante Albertine, in der Blüte ihrer Jahre, heute ihren 94. Geburtstag feiern sollte, dass sie täglich eine Tafel Schokolade verschlang, Schach spielte und nichts so sehr hasste wie welke Schnittblumen, hätte man anmerken können. Aber das Leben ist schon kompliziert genug.

Erschöpft setzte ich mich auf den Deckel des Leichenschreins. „Johoho, und ’ne Buddel voll Rum“, tönte Anne hämisch. „Sehr witzig!“ Mir war nicht nach Scherzen zumute. Wie sollte ich das Ding nur loswerden? Drei Geigen und ein Cello daraus bauen? Ein Bücherregal? „Du könntest ja mal fragen, ob mir das recht ist.“ Jetzt begann sie sich zu mopsen? „Schließlich verdankst Du den Preis mir. Wenn ich die Karte nicht eingeschickt hätte, wärest Du nie Sieger im Preisausschreiben geworden.“ „Dann nimm das Ding gefälligst mit“, fauchte ich. „Ich habe nicht darum gebeten.“

Schlotterfeld kratzte sich am Kinn. „Ich weiß ja nicht, ich weiß ja nicht. Einerseits ehrt Sie Ihre Spende, aber andererseits…“ „Schauen Sie mal“, erläuterte ich dem Berufsberater, „diesen reizenden Sarg bekommen Sie gratis, dazu ein großartiges Empfehlungsschreiben – möglicherweise kann sich Ihr Kunde schon mit seiner ersten Leiche als Franchisingpartner selbstständig machen?“ Er runzelte bedenklich die Stirn. „Na, Sie wissen schon.“ Schlotterfeld schien meinen jovialen Ton nicht zu hören. „Gestorben wird doch immer, was?“

„Großartig“, schimpfte Anne und fütterte die Parkuhr. „Du Business-Genie! Ich werfe hier der Stadt mein Erspartes in den Rachen, und Du kannst nicht einmal einen fabrikneuen Sarg verkaufen!“ „Wenn das so leicht wäre, mach es doch selbst!“ „Werde ich auch“, trumpfte sie auf. „Du wirst sehen, ich kann das.“

„Das ist ja alles sehr hübsch“, meinte Kleinpeter verbindlich. „Aber wissen Sie, wir gehören zu den ersten Häusern am Platz. Unsere Särge aus besten Massivhölzern werden gerne genommen, wenn Sie mal schauen möchten – Verzeihung, Sie wollten ja gar nicht.“ Ich stand ein wenig abseits vor dem Urnenregal und hielt mich zurück. Anne bettelte und feilschte, aber sie erreichte nicht viel. „Sagen wir: zweihundert. Dafür übernehmen wir auch den Transport.“ Der Bestatter hielt ihr die ausgestreckte Hand hin, doch Anne ließ ihn abblitzten. „Unter vierhundert können Sie es vergessen.“ Kleinpeter schmunzelte. „Wir haben uns nicht verstanden, ich bitte um Entschuldigung – Sie zahlen mir die zweihundert, damit ich die Kiste bei Ihnen abhole. Oder wollen Sie dieses Ding lieber dem städtischen Altenstift schenken?“

„Das ist mir völlig egal!“ Resolut zog Anne den Gurt fest und dreht den Zündschlüssel um. „Dann soll er eben klagen – jeder weiß, dass eine Glastür springen kann, wenn man sie zuschlägt. Hätte er sich halt eine Drehtür angeschafft.“ „Ich sage ja gar nichts“, erwiderte ich und grinste maliziös. „Ich bin beeindruckt von Deinem verkäuferischen Talent. Wenn ich Dir den Sarg überließe, Du würdest sicher innerhalb kürzester Zeit die beste Sarghändlerin im Umkreis.“ Der Motor heulte auf, Anne trat das Gaspedal durch. „Dann sag doch Du mir, wie wir das Monstrum loswerden.“ „Putzfrau.“ „Meine Putzfrau? Tamara Asgatowna? Warum meine?“

Juri Grigorjewitsch, der Schwager von Tamara und darüber hinaus etatmäßiger Hausmeister der hiesigen Volkshochschule, betrat mit zurückhaltend gezeigter Neugier mein Wohnzimmer. „Das wäre er dann also.“ Seine Pranken strichen andächtig über das polierte Holz, das matt in der Nachmittagssonne glühte. „Muss sein Qualität“, informierte er mich. „Soll halten Sarg für lange, wenn ist für Ludmila.“ „Mein Beileid, Herr Jakuschow.“ Anne hatte ihn vertraulich untergefasst, doch er entwand sich ihrem Griff. „Ist nicht tot, aber hat viel mit Herz und Beine. Schon seit 1975 immer hat mit Herz, und jetzt ist sicher bald vorbei.“ Wir schauten einander an; Anne gewann zuerst wieder die Fassung. „Da ist Ihre Tante Ludmila wohl schon recht betagt, nicht wahr?“ Der untersetzte, massige Mann mit dem gewaltigen Kahlschädel strahlte selig. „Viel alt“, nickte er. „Fast ganz alt wie Onkel Wanja, was hat aber Wasser in Lunge. Weiß nicht, wie alt. Aber hat immer gehauen Großväterchen und hat ihn geworfen in Taufbecken.“ Plötzlich verzog sich sein Gesicht. „Aber dunkel ist Sarg, sehr dunkel. Wird Onkelchen nicht gefallen, was hat doch bald Geburtstag. Ich kann nicht kommen mit Geschenk, was hat Farbe wie Schmutzrand in Umkleideraum von Volkshochschule, weil nicht putzt ordentlich Tamara Asgatowna?“ „Es ist besonders aufwendig gebeizt“, erläuterte ich, doch er hörte mir schon gar nicht mehr zu. „Ein edler Patina-Ton, passt hervorragend zu dem Pappelholz. Massiv übrigens.“ Keine Reaktion. „Modell Palermo.“ Da strahlte Jakuschow. „Palermo sehr gut! Qualität!“ Er schüttelte ergriffen meine Hand. „Damit viel bessere Geschenk wie Schwager Gennadi Samoilowitsch, was bringt immer nur goldene Uhr oder Automobil.“

Anne ließ sich aufs Sofa fallen. „Da hast Du ja noch mal Glück gehabt. Wenn ich nicht gewesen wäre!“ Ich ignorierte sie und sammelte ein paar Sägespäne vom Boden. Sie entfaltete die Zettel, die aus dem Karton gerutscht waren. „Schau mal“, sagte sie, derart harmlos, dass mein Hals schon anschwoll. „Sie haben ein neues Preisausschreiben. Und als dritten Preis gibt’s da so eine schöne Gartenskulptur!“