Gernulf Olzheimer kommentiert (LXXXVI): Geruchsbelästigungen

17 12 2010
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Die Natur kommuniziert; wann immer sie zur Arterhaltung gegengeschlechtliche Genträger in die engere Wahl entlässt, die einander nach Hüftmaßen, Intelligenzquotient und Augenbrauenabstand in die nötigen Kategorien sortieren, führen unbewusste Mächte ihren Willen aufs Glatteis der Gefühle, bis das Weibchen durch Lock- und Blockstoff klärt, ob der Hominidenrüde sein morsches Gezumpel entblößt oder aber zum Fußballplatz schlendern darf. Fliegende Boten sind es, die unser Dasein bestimmen, die duftgemorste Message macht den Menschen handlungsfähig – vorausgesetzt, die Dosierung bleibt subliminal und der Beknackte reckt nicht wirr den Riechkolben in den Brodem.

Denn das ist es, was den Schnüffler ausmacht: er erhöht die Konzentration, bis die Sache zum Himmel stinkt. Hat er herausgefunden, dass eine feine Nuance von Schweiß das Balzverhalten des unrasierten Geschlechts triggert, so kippt er die vergorenen Butyrate mit der groben Kelle in den Baggermatsch, dass es dem limbischen System vorkommt wie die End-Ausscheidung einer Bankdrücker-Werksmannschaft im Training um den Hunsrück-Pokal. Widerliches wird erträglich, wenn man den Pegel rapide anhebt: so mag die Keimzelle zur Homöopathie entstanden sein.

Überall plagt den Jetztzeitler die olfaktorische Fehlwahrnehmung der geistigen Nacktschnecken in seiner topologischen Nachbarschaft. Den Schwall der Zivilisation, frische Farbe, Mörtelstaub und die Ausdünstungen einer chemischen Reinigung, das kann er notgedrungen noch ertragen, doch schnell wird es ihm eklig. Kann er über die mangelhafte Fähigkeit des gemeinen Bescheuerten, vor dem Besteigen öffentlicher Verkehrsmittel mit Wasser und Seife über die Epidermis zu schrubben, noch halbwegs stoisch zur Kenntnis nehmen, so wird er manisch beim Eintritt in die postkapitalistische Warenwelt, die Stinkbomben wirft, wo sie den wehrlosen Konsumenten trifft. Beim Kauf des Neuwagens wird er mit Lederodeur gefoppt, im Café mit synthetischen Röstaromen kenianischer Provenienz bedunstet, und es fehlt nicht viel, dass beim Betreten einer Buchhandlung der Patron aufs Pedal des Nebelwerfers stiege, um ihm Totholz als nasales Geschwiemel auf den Hippocampus zu pfropfen. Längst sind wir so weit, dass Sägespäne als ruchloses Gerieche beim Sperrholzschweden durchwehen könnten oder biologisch-dynamischer Wurmfurz im Fachgeschäft für niederländische Frischgemüsedarsteller. Mundus vult decipi.

Die Geruchsbelästigung, das Eindringen des Animalischen in die aseptische Welt des High-Society-Geckos, wird mithin als ein Symptom des Si9mplen empfunden, das man im Urlaub als pittoreskes Beiwerk toleriert, aber in der täglichen Umgebung nie duldete. Kaum stört sich der Tourist an der Faulgasfahne oberhalb des Hotelpools, die der Naseweis schnell als indexikales Zeichen der Vorratskammer deuten könnte, auch wenn der Manager verzweifelt auf die Mülldeponie außerhalb der Hoheitsgewässer hinzuweisen versucht; mufft aber die Rückseite einer besternten Edelkaschemme wie ein Fischfriedhof unter mediterraner Julisonne, so schlägt der Anspruchsbürger Radau und häkelt sich Gründe für eine epische Klage.

Wie sinnlos das alles nur. ist, zeigt sich in den saisonalen Ausbeulungen des Dummfugs, den der Bekloppte veranstaltet, wenn ihn Tradition und Zwangshandlung in die Zange nehmen. Kaum wird es kälter vor der Tür, kaum droht Weihnachten, da wirft er sorgsam eingeübte Warnungen über Bord und ballert sich schmerzbefreit das Bukett der Unterwelt ins Stammhirn – aus der Pampe könnten Reptil, Insekt und Investmentbanker entstanden sein, doch der Neandertaler? Der Jahrmarkt fängt sie alle, die auf dem Mief von Schmalzgebäck ausrutschen und wehrlos in die Dunstkreise des Rostheizers gelangen; die Bratwurst mit leichter Kopfnote von Sonnen- und Zimmerbrand stimmt den kampferprobten Besucher auf ein Potpourri der dunklen Mächte ein, gnadenreich allein in der Erinnerung, es ohne Spätfolgen überlebt zu haben.

Kein physisch gesunder Teilnehmer am Spiel des Lebens kann sich der Wirkung entziehen, die der grellbunte Reigen von Punsch, Liebesäpfeln und gebrannten Mandeln auf den Bulbus olfactorius ausübt: Fluchtzucker flutet die Schleimhaut, wie der optische Zahnschmerzreiz auf einem Florian-Silbereisen-Konzert blutet es nach innen und spült alle Errungenschaften des Pleistozäns mit sich fort. Feuerzangenbowle verzahnt sich niedermolekular mit Separatorenfleisch vom Schwenkgrill in Curry-Altöl-Schmodder, Zuckerwatte und halbe Hähnchen buhlen um einen Platz zwischen Krapfen, Waffeln, Crêpes, Pizza, Kakao und Käsespieß, kurz: jene Mixtur, die sich an die Mageninnenwand schmiegt, bis sie der Bescheuerte nach locker zehn Runden Kettenkarussell brüllend hinter die nächste Losbude erbricht. Er hätte es wissen können, sogar dann, wenn er zum ersten Mal im Leben dieses Chaos der Aromen betreten hätte, das ekelerregende Meeting der Rezeptorenkiller, aber er wird sich sicherlich herausreden; er habe es, sagt der Dummtropf, ja nicht riechen können.