Die Nacht der langen Messer

5 01 2011

„Selbstverständlich ist niemand direkt schuld an dem Zustand.“ „Das hätte auch keiner erwartet. Die FDP ist ja nie an irgendwas schuld.“ „Nur werden solche flapsigen Parolen diesmal nicht helfen. Die Partei ist am Ende. Guido Westerwelle ist nur einen Schritt vom Abgrund entfernt.“ „Richtig. Und das Präsidium steht geschlossen hinter ihm.“

„Was soll denn die Partei jetzt noch machen?“ „Aufgeben?“ „Das ist keine Option. Sie erwarten doch wohl nicht im Ernst, dass sich der Laden jetzt auflöst.“ „Von sofortigem Vollzug war ja nicht die Rede. Es ist alles eine Frage des Termins.“ „Das grenzt an Selbstzerstörung, was die jetzt betreiben. Das macht doch kein normaler Mensch.“ „Trösten Sie sich, seit Möllemann ist das gute Tradition in der FDP.“ „Es wird sich alles ändern müssen, man kann doch so nicht weitermachen.“ „Was schlagen Sie vor, die Nummer mit den Bürgerrechten? oder die große Bildungstour?“ „Das wäre doch schon mal ein Ansatz.“ „Ach Gott… für Bildung fehlt in diesem Juristenhaufen jemand, der wüsste, worum es sich handelt und wie man das schreibt. Und Bürgerrechte – ein kleiner Haufen Blindgänger biedert sich auf einmal beim Wähler an, dem er nicht einmal das Wasser reichen kann? Wie putzig!“ „Was sollen sie denn sonst machen?“ „Nichts.“ „Gar nichts.“ „In Schönheit sterben scheint aber auch nicht gerade die Lösung zu sein.“ „Es wird nur nicht anders gehen. Sie haben den Ausstieg verpasst. Sie waren Hasardeure, Zocker, die alten Waghälse, die immer noch warten mussten, dass die Aktien steigen. Jetzt sind sie nicht nur gefallen, sie haben den Boden durchschlagen, und sie hatten nichts Besseres zu tun, als sich einen neuen Mythos aus den Rippen zu schnitzen: dass ihr Wert irgendwann wieder steigen könnte.“

„Sie werden also Westerwelle absetzen.“ „Sie gestatten, dass ich lache?“ „Was ist daran lachhaft, wenn man mal von Westerwelle absieht?“ „Ein Hochflieger, der sich auf dem Tiefpunkt seiner Karriere aus dem Staub macht.“ „Es weiß jeder, dass er dem Ansehen der Partei schweren Schaden zugefügt hat.“ „Es weiß momentan nur jeder, dass sich Rösler, Niebel und Karnevalströte Homburger beim Speichellecken gegenseitig in die Hacken treten.“ „Das müssen die doch. Wenn man Sie vor die Wahl stellt, ob Sie ihren Job loswerden oder vor dem Chef in die Knie gehen wollen, wie würden Sie sich entscheiden?“ „Das klingt ja einigermaßen logisch – wo doch um Niebel herum eine Horde von Deppen im Präsidium hockt, die in anderen Parteien höchstens Hausmeister geworden wäre.“

„Aber mit billiger Kampfrhetorik wird die FDP auch nicht gerettet. Den Schneid kauft einem keiner mehr ab.“ „Deshalb wird es die Nacht der langen Messer geben.“ „Die Nacht der langen Messer? Sie meinen, es wird…“ „Möglicherweise. Für billige Dramen waren sie immer schon zu haben.“ „Wie wollen sie das jetzt machen? Sie haben sich doch schon alle loyal gezeigt und solidarisch und unbestechlich.“ „So viel Unbestechlichkeit kostet halt ein bisschen.“ „Sie meinen die Zukunft der Partei?“ „Natürlich. Wäre die FDP mit ihrem Steuersenkungsgefasel auch nur einmal erfolgreich, sie hätte nie wieder ein Thema für den Wahlkampf. Das muss man auf lange Sicht bedenken. Und eine Null-Themen-Partei ist selbst für diese seekranken Leichtmatrosen nicht steuerbar.“

„Also muss Westerwelle doch weg.“ „Das hat auch keiner bestritten.“ „Meinten Sie nicht, man könne ihn nicht absetzen?“ „Was hat das damit zu tun?“ „Es wäre doch Verrat.“ „Auch Verrat ist eine Frage des Termins. Man kann steht ja schon geschlossen hinter ihm.“ „Und das ist schon die Lösung?“ „Sie haben beschlossen, dass Westerwelle an den Ergebnissen der Landtagswahlen schuld ist.“ „Das ist doch Unsinn, wie soll das funktionieren?“ „Er wird eine großartige Rede halten, das Einfach-niedrig-und-gerecht-Gewölle auskotzen, bis der Dreikönigreichssaal sich zuckend windet, und dann wird er sein Fußvolk nachplappern lassen, dass nur die grandiosen Erfolge der Liberalen noch nicht laut genug im Volke widerhallen.“ „Es wird sich nichts ändern.“ „Richtig. Ein todsicherer Tipp, wenn man auf einen Totalzusammenbruch spekuliert.“ „Aber damit haben sie ein Argument in der Hand, ihn in die Wüste zu schicken.“ „Eben. Die Vorlage ist fertig, jetzt muss man nur noch warten, das eigene Gesicht zu wahren.“ „Warum das eigene Gesicht, warum nicht das von Westerwelle?“ „Wann hätte der je selbst Rücksicht genommen auf jemanden?“

„Gut, wir haben ein Opfer, wir haben einen Grund.“ „Nennen wir’s lieber einen Anlass, Gründe waren immer schon da.“ „Wer wird der Täter? Kubicki?“ „Ein alternder Gockel, der nur die Klappe aufreißt, weil er weiß, dass er nie wieder in eine verantwortungsvolle Position kommt.“ „Solms?“ „Jahrelang gedemütigt, weil er im Gegensatz zu Westerwelle etwas von Wirtschaft und Finanzen versteht und es den Schreihals auch wissen ließ. Jetzt ist er zu alt.“ „Homburger?“ „Die wird beim Dreikönigsschießen als erstes von der Stange geholt.“ „Brüderle?“ „Der wird höchstens Übergangs-Chef. Den Untergang besorgt Lindner.“ „Ein kleiner, farbloser Kläffer, der sich immer hinter seinem Chef versteckt hat? Dieser Versager, der außer zwei Firmenpleiten und etwas Haarausfall noch nichts geleistet hat, soll den Hampelmann der Eliten spielen?“ „Er ist die ideale Besetzung für einen Nachfolger: ein skrupelloser Feigling, der im letzten Augenblick kalte Füße kriegt, wenn man ihm den Dolch in die Hand drückt und ihn nach vorne schiebt.“ „Der soll gegen den Vorsitzenden rebellieren, wenn Westerwelle die FDP bei drei Prozent zementiert? Dieses Würstchen wird doch nicht einmal mit den Grünen fertig.“ „Eben. Sie werden sich einen halbgebildeten Schreihals leisten, das gehört in der FDP zum guten Ton, aber sie werden ihm von Anfang an klar machen, dass er nur zur Aufbauarbeit angestellt ist, nicht als Profilierungsneurotiker. Sie sind vorsichtig genug.“ „Und sie werden hinterher verbreiten, er sei ein ehrenwerter Mann gewesen, habe die Partei ja zu den größten Erfolgen geführt, er sei einer der ganz großen Staatsmänner gewesen, ein Vizekanzler, der sogar einmal ganz allein eine Kabinettssitzung hat leiten dürfen – wie passt das? Was werden sie daraus machen?“ „Was sie immer machen in Deutschland, wenn die Wahrheit zu unangenehm ist: eine Dolchstoßlegende.“


Aktionen

Information

8 responses

5 01 2011
lamiacucina

Uns ist in alten mæren wunders vil geseit. Die Handlungsanweisung findet sich im Nibelungenlied. Alles schon da gewesen.

5 01 2011
bee

Wobei es dem Personal hier wegen fehlender Größe an Eignung zum Tragischen mangelt, aber Schmiere ist ja auch Drama 😈

5 01 2011
Scribine

Auch wenn ich euch jetzt enttäusche, aber die Jungs und Mädels mit den gelben Gesichtern werden gar nix machen!!!

Warum auch? Es regiert sich doch so auch ganz schön. Noch haben die mit den Schwarz-Braunen die Regierungsgewalt. Da werden die flux noch alles erledigen, was ihnen ihre Auftraggeber vorgeben.

Umfragetief? Wen kümmert das? Erst 2013 können die Noch-Wähler die freien dummen Protzis in die Pfanne hauen. Die Schwarz-Braunen und die merkwürdige Frau werden alles schön „zusammenhalten“ – Wetten . . .?

5 01 2011
bee

Auf kurze Sicht mag das stimmen, nur ist dann für den Großteil der MdBs und deren Rattenschwanz (Abgeordnetenbüros, Staatssekretäre, Geschäftsstellen, Landesvertretungen) Schicht im Schacht, und da es sich überwiegend um Durchschnittsjuristen handelt, werden sich viele auf dem Niveau spätrömischer Dekadenz wiederfinden, bedeutungslos und am Ende der politischen Karriere, da die Wirtschaft mit ihnen verfahren wird wie mit Aktien: wer nicht ausreichend performt, wird abgestoßen. Die Spenden werden stagnieren, da sich die Partei für die Lobbyisten nicht mehr rechnet. Die eitlen Gecken, denen man im Aufschwung noch Zucker in den Arsch geblasen hat mit vielen kleinen Vergünstigungen, werden jetzt aussortiert. Labilere Naturen gehen mit dem Fön baden. Und mein Mitleid hält sich in Grenzen.

6 01 2011
Scribine

Genau, 2013 wird es für die meisten vorbeisein mit dem Lotterleben.

Doch bis dahin lässt es sich noch ganz gut leben in den gut bezahlten (vom Wahlvolk bezahlten) Nestern. Und – eine Frau Piper oder diese Humbug – und wie sie alle sonst noch heißen – sie alle machen es wie die allermeisten Parteienfunktionäre (ganz gleich welcher Coleur) – sie spielen „auf Zeit“.

Motto: „Was kümmert mich die Zukunft – das wichtigste ist „meine“ Gegenwart.

Da ist nirgends „Verantwortung“, für nichts und niemand – die klammern ja sogar ihre „eigene“ Physis aus – und verkaufen sich für dieses „scheinbar“ tolle Dasein.

6 01 2011
bee

Allerdings gehören zu einem Verkauf zwei – einer, der kauft, der andere, der verkauft – und ein Preis. Einige wenige Spitzenkräfte dürften sich in Aufsichtsräte retten, aber der Mittelbau? Von der Fraktionsebene abwärts werden diese Leute nicht mehr gebraucht, und sollte die FDP 2013 unterhalb von fünf Prozent landen, was ja nicht ausgeschlossen ist, dann ist auch noch der Rest weg. Parteipersonal werden sie nicht mehr, schon gleich gar nicht vor dem Hintergrund der bis dahin verlorenen Landtagswahlen, und wer in der Wirtschaft nimmt eine Herde abgehalfterter Schwätzer? So viele Hotels gibt’s nun auch wieder nicht.

Die Angst, die sie bis dahin werden ausstehen müssen, die stetige Konfrontation mit dem Spott der Öffentlichkeit und die Frustration, nur noch Komparserie zu sein in einer politisch toten Regierung, das wird ihr Alltag. Keine rauschenden Feste mehr. Sie werden endlich das kennen lernen, was sie einem Großteil der Deutschen als Druckmittel aufgebürdet haben: Zukunftsangst, Sorge vor dem Abstieg, Perspektivlosigkeit. Der Preis wird hoch sein.

6 01 2011
Scribine

„Sie werden endlich das kennen lernen, was sie einem Großteil der Deutschen als Druckmittel aufgebürdet haben: Zukunftsangst, Sorge vor dem Abstieg, Perspektivlosigkeit. Der Preis wird hoch sein.“ – korrekt!

Mein Mitleid für die Mädels und Jungs und die alte Herren hält sich sowas von zurück. Schlimm, mich überkommt gerade dieses niedere Gefühl -Schadenfreude!

Habe den Ww gerade sagen gehört: „Die Wahlen werden besser ausgehen, als mancher heute denkt.“ Na, dann – schaun wer mal . . .

6 01 2011
bee

Pfeifen im Keller, mehr war dieses Dreikäsehochtreffen nicht. Ich gebe ihm, wenn es hoch kommt, noch sechs Wochen. Vielleicht aber auch wesentlich weniger, wenn sich der Intrigantenstadl auf einen Kaiser-Schnitt mit sofortiger Wiedergeburt der Partei unter intellektueller Insolvenzverwaltung einigen kann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..




%d Bloggern gefällt das: