Gernulf Olzheimer kommentiert (LXXXVII): Ökonazis

7 01 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Als die ersten historisch auffällig gewordenen Hominiden sich für das Produktfeature „Hirn“ unter der Kalotte entschieden, nicht ahnend, dass ihre Nachkommen sich eher für die Abschaltbarkeit als für die reine Präsenz des Synapsenschwabbers bedanken würden, da tappten sie auch schon in die Falle. Einmal nicht aufgepasst, dem Gezischel der Schlange blindlings nachgeschlichen und den Apfel gegessen, den der kognitiv naturbelassene Adam in Ermangelung eines Komposthaufens in die Flora schlunzte – Danke auch, denn so kam das Übel in die Welt in Gestalt von Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzung, Sterblichkeit, Grübelzwang und der alles metaphysisch krönenden Ausgeburt der Hölle, dem gemeinen Ökonazi.

Der Ökonazi vereint in sich das Beste zweier Welten. Einerseits ist er der ewig popelnde Piefke, der Fischsalatpackungen mit angelutschter Watte austupft, um post festum ausströmende Gerüche zwar nicht zu verhindern, aber wenigstens so zu tun, als könne man dem Problem Paroli bieten; eine Aktion, die ungefähr so sinnreich ist, als zeige man jeden Abend einem Mehlsack den Hintern, um den Rassismus abzuschaffen. Andererseits verlangt er in besserwisserischer Oberlehrermanier genau diesen intellektuellen Kernschaden von allen wehrlosen Zeitgenossen. Wer es dem Bekloppten gleichtut und stundenlang mit seifigen Flossen das Etikett vom Remouladenglas herunterschwiemelt, um hernach den Pappschmadder faserweise in der Papiertonne zu deponieren, der wird in seinem Universum noch geduldet. Geistig normale Zweibeiner haben hier keine nennenswerte Chance; sie werden liquidiert.

In früheren Kulturstufen, als es noch ordentliche Berufe gab, Zuchthauswärter oder Blockwart, da konnte der Beknackte noch richtig durchgreifen, wenn er eklatante Verstöße gegen Recht und Gesetz witterte. Heute jedoch, wo selbst Kinderarbeit dem Outsourcing zum Opfer fällt, muss man sich einer härteren Gangart anpassen, wenn man das Gute ins Volk peitschen will. Nur eine unvorschriftsmäßig in den öffentlichen Papierkorb versenkte Polyethylen-Zellulose-Verbundfolie sichert dem Ökonazi noch das Vollwertgefühl eines eigenen Unterleibs, wenn er dafür verängstigte Hausfrauen und Schüler anschreien darf, nur noch das altkluge Geätze eines Schrebergärtners über nicht grundwasserneutrale Anwendungen von beschichtetem Regenrohr samt Androhung einer Klage bei der Umweltbehörde macht aus dem alten Drecksack wieder den Herren über Leben und Tod, der er, eigener Einschätzung zufolge, sowieso sein sollte, jetzt und immerdar.

Selbstverständlich ist dem Ökonazi, der vor dem Einwurf seines Teebeutels in den Biogammel die Metallklammer zwischen Pappschild und Fädchen abpfriemelt, die Zweckfreiheit seines Tuns klar. Dass er allein für das unnütze Ausspülen von Plasteschalen so viel Brauchwasser verkloppt, dass man ein halbes Entwicklungsland samt Reissäcken damit befeuchten könnte, dass seine ganze Tätigkeit so sinnvoll ist, als wolle er Leichenflecken wegscheuern, leuchtet ihm sofort ein. Denn er tut die Sache dann um so lieber, wenn er sie um ihrer selbst willen tun kann, weil er es so gelernt hat, weil er so dressiert wird. Der Bescheuerte führt gerne Befehle aus, je dümmer, desto besser, und achtet nicht der Konsequenz. Dass allein der Transport seiner sorgsam separierten Buntglas- und Klorollenkernschmelzen mehr Treibstoff in die Luft ballert, als es kollektives Verklappen im Erdmantel aus der Umweltbilanz rausrechnen könnte, ganz zu schweigen von Luftfiltern im Kraftwerk, die dank abgeklöppelter Tropfeinsätze im Parfümflakon nicht mehr zu finanzieren sind. Der Unsinn des ganzen Seelenstreichelprojekts für Gutmenschen wird offenbar, wenn sich eine Horde Ökonazis darauf einigt, Glühbirnen abzuschaffen und per Gesetz nur noch Giftschleudern zuzulassen, die das Grundwasser verseuchen. Chapeau!

Es muss mehr sein als das Materielle, was dem Bescheuerten seine irdische Kasperade vergoldet, es manifestiert sich nur in der Auseinandersetzung mit den Hinterlassenschaften, als zelebriere der Dummgnom einen inversen Ahnenkult, um die Zeit der Zersetzung ins Niedermolekulare (die Sphäre, welcher er zumindest geistig schon immer angehört hatte) wenigstens leicht abzubremsen; er fürchtet die bedrohlich stabile Ruhe des Anorganischen, insbesondere, wenn es transparent ist, angeblich wieder verschließbar und näherungsweise so haltbar wie ein ausgelutschter Kernbrennstab. Dass seine Kunstfasersocken mit Motivstickerei ihn mehrere Generationen überleben werden, treibt ihn in die Metaphysik. Was bisher als Kulturgut und nationale Macke neben Gartenzwerg und Autowäsche durchging, wird nun Religionsersatz, Recycling als Transzendenz seiner selbst. Denkbar wäre, eigene Gedankenwelt der jeweiligen Ideologie anzupassen und Reinkarnationsmethoden zu definieren, denn Zielgruppen wollen bedient sein; was dem Buddhisten der Gelbe Sack, ist dem Neonazi die Braune Tonne. Ein ewiger Kreislauf lockt, denn alle Lust will Ewigkeit, und sei’s die Zwischenlagerung als 500-Gramm-Bratklops-Verpackung. Das Ding ist noch da, wenn der Mietvertrag fürs Nirwana abgelaufen sein wird. Ashes to ashes. Sortenrein.


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2 responses

9 01 2011
Doktor Pé

Interessanterweise verschließt sich ja des Ökonazis Lichteinlass knapp unterhalb des recycelten Hackfleischmasse, die schallisolierend die obere Hälfte der halsabschließenden Hohlkugel auskleidet, wenn die Schergen des Glasrecycelbetriebes mit dem großen Laster kommen und alle getrennt entsorgten Glasflaschen in einen einzigen, bunt gemischten Haufen innerhalb des Kippers entleeren. Ebenso erschließt sich dem simpel gestrickten „Folge und tue“-Gehirn nicht, dass der Inhalt sowohl von gelbem Sack als auch aller bunten Tonnen sich nicht nur von Bundesland zu Bundesland unterscheidet, sondern sogar innerhalb verschiedener Städte des gleichen Bundeslandes. Wird in den einen gelben Säcken lediglich Metall und Plastik gesammelt, so können sich die empfangenden minderjährigen Mülltrenner in Rotchina über subversive Schriften auf Hochglanzpapier aus anderen Säcken freuen. Schließlich wollen auch diese Kleinen ihre Spinde mit halbnackten Models dekorieren, bevor sie aus Plastikflaschen von Lidl und Aldi Fleecepullover für Hilfiger, Helly Hansen und Fjällräven produzieren. Plastikflaschen übrigens, deren Inhalte keimbelasteter sind als das Wasser aus der Leitung, das pro Liter nur einen Bruchteil kostet und ständig frisch ist. Aber schließlich tut man ja was für die Umwelt, wenn man fair gehandeltes Trinkwasser aus dem Gangesdelta im Heile-Welt-Laden für 8,95 pro Liter erwirbt. Und man bekommt obendrein gratis noch die schönsten Durchfallgründe mitgeliefert.

10 01 2011
bee

Oh, differenzieren gehört zum deutschen Wesen (an dem die Welt ja, wenn sie nicht genesen will, wenigstens bis zur Verwesung kommt), und dass das Kulturgut Recycling sich so eklatant unterscheidet, liegt natürlich nur an der Kulturhoheit der Länder. Das ist alles historisch auf der großen Halde vaterländischer Geschichte gewachsen, das und die Quintessenz des christlich-gedingsten Dingsda, na hier, Abendland so: Fressen, Ficken, Schnauze halten. Je weniger der Ökonazi begreift, dass er für einen einzigen Urlaubsflug nach Mallorca seine Pinkeltaste bis in alle Ewigkeit bedienen könnte, um seine Umweltbilanz wieder zu greenwashen, je weniger er kapiert, dass der Wasserbedarf für ein einziges seiner puristischen Baumwoll-Shirts für nachhaltige Gutmenschen 80 Säuglinge verrecken lässt, je weniger der arrivierte Grünen-Schnösel mit dem Zwölfzylinder unterm Sitzmuskel nachgrübelt, was sein Drei-Sterne-Menü für 150 Tacken pro Nase an Kohlendioxid in die Luft ballert für exotische Fische, Flugmango und den besten Spargel, den man zu Weihnachten bekommt, desto besser geht’s dem Volk, weil es dann seine Fesseln nicht spürt. Zusammenhänge, die man erkennt, sind wie unsichtbare Seile, die nicht in falsche Hände geraten sollen – zu viele Seile und eine Laterne zur falschen Zeit können gefährlich werden.

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