Gernulf Olzheimer kommentiert (LXXXVIII): Lebensmittelskandale

14 01 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

So ist er, der Herrscher der Schöpfung: faustisch auf der Suche nach den Grenzen der Welt. Sei es in der offenen Aussprache mit einem Türsteher, auf dem Abwärtsflug am Bungeeseil, im Experiment mit Gammastrahlung, der Mensch braucht nichts so sehr wie die Aussicht auf eine Frontaldelle. Er will das Sein ausleiern, seine Geschichte ist bisher ein Hirnschrottplatz der Schnapsideen – und doch lässt er nicht locker, sich immer wieder in die Enge zu treiben, um sich den kollektiven Garaus in solider Eigenbauweise zusammenzuklöppeln. Natürlich weist er die Schuld weit von sich, es ist ja nicht der Behämmerte, sondern seine Flugzeuge in Regress zu nehmen, wenn sie aus der Troposphäre kippen, böse ist der Anschnallgurt, wenn man ihn vergisst, und maßlose Erregung, gepaart mit erbärmlichem Mitleid, fordern Lebensmittelskandale.

Aber warum eigentlich regt sich der Dummbatz der postkapitalistischen Käfigselbsthaltung auf über Dioxin im Ei? Warum schwillt ihm der Hals, wenn das Schnitzel in der Pfanne verpufft? Was bringt ihn, den marktwirtschaftlichen Mampfer, zu derart apokalyptischem Gewinsel, wenn sich BSE, PCB und DDT in seinem Chateaubriand häuslich einrichten? Pfeift sich die Kuh das Zeug selbst rein oder liegt sie damit dem Bauern in den Ohren? Betteln Hühner um Salmonellen im Flüssigei? Will das Schwein nur mit Weichmacher zu Wurst werden? Oder war es am Ende doch nur der Lauf der Dinge, der Grenzwert, der nachzugeben hatte?

Wir ernähren uns komfortabel von Risiken und Nebenwirkungen, die intellektuell im embryonalen Status bleibenden G20-Fresser finden sich moralfrei mit dem Weltlauf ab: es muss billiger werden, weil der Kapitalismus als Religion der Steigerung es kategorisch fordert – es darf nur nicht für alle reichen. Solange noch keine Pestizidrüben auf dem Feld blinken und kein Mangold nachts im Kühlschrank brummt, fürchten wir nichts. Gut ein Drittel der Erdlinge wird nach multikausaler Rezeptur schneller als erforderlich zu Biomasse; wir begegnen der planetaren Katastrophe mit Raps für die SUVs der Renditekassierer und gefriergetrocknetem Auswurf auf der Retortenpizza im Discountersortiment.

Kein Mensch hat bei wachem Verstand bemerkt, dass die industrielle Lebensmittelproduktion sich seit Jahrzehnten im Sturzflug befindet. Der Markt – das, was in Wirklichkeit der Verbraucher ist, denn der entscheidet, was auf dem Markt Bestand hat – forderte sich wund nach billigem Futter, nach schneller Produktion, wohl wissend, dass bei der Trias billig, schnell und gut immer nur zwei über die Ziellinie dümpeln und eins elend verreckt. Glykolwein, Schweinepest, Kälberchemiemast, alles hat der Verbraucher mit typischer Entrüstung abgenickt und als Kollateralpickel am Arsch einer unhinterfragten Ökonomie geduldet, statt den Produzenten den Stuhl wegzuziehen. Der Bescheuerte hat sich nie über den Sinkflug der Preise gewundert, er staunte dauerweihnachtlich bekifft vor dem Warenangebot, sah Mehl und Butter und Öl und Zucker weniger und weniger kosten und kapierte nicht, dass die Spirale der Preisgewalt nur in der betriebswirtschaftlichen Theorie weiter gegen Null tendieren kann – das Milchmädchen hat sich verrechnet, als die Wirklichkeit kam.

Die Ansprüche steigen überall. Will der untere Mittelbau sein Frühstücksei aus dem Geflügel-KZ in der Tiefebene, so greint die selbsternannte Elite ohne Flugmango bereits den sozialen Abstieg herbei; hier scheißen sich ein paar Phasianidae ins marketingkonforme Frühableben und werden, ätschibätsch, als Kollagen in der hochpreisigen Leberpastete reinkarniert, die sich der Wohlständler in die Eintrittsöffnung des Verdauungskanals schwiemelt, dort klappen Rindios fürs Roastbeef den Regenwald um und sorgen mit lustigen Wirbelstürmen für den Untergang des Abendlandes in Technicolor, während der Pangasius auf Spinat langsam den Mekong versanden lässt.

Schuld ist nicht der böse Hühnerschrecker, dem eine auf Schnellverdeppung getrimmte Medien- und Lobbyistenblase die Verantwortung in die Schuhe schieben will. Schuld ist nicht eine bis dato lieb und gut agierende Alimentationsindustrie, die von kosmischer Strahlung getrieben urplötzlich am Rad dreht und dem ahnungslosen Konsumenten Separatorendreck hinters Zäpfchen zwängt. Schuld sind wir. Schuld ist der bis zum Marktextremismus degenerierte Genomzonk, der dümmstmögliche Fehlgriff der Evolution. Denn Fressen heißt nun mal Gefressenwerden – eine wahrhaft clevere Idee, ausgerechnet in einem Stoffkreislauf alles um sich herum zu verpesten und zu hoffen, dass die eigenen Brötchen vom Mars herübergebeamt werden. Wir bekommen die Quittung, so oder so, sei es kurzfristig als Einlagerung im eigenen Körperfett, mittelfristig als Lochfraß im Erbgut oder final als Untergang dieses Rotationsellipsoiden mitsamt dem Doofheitscluster, der Bier trinkt, schlechte Musik hört und Hunde bellen lässt. Bio ist nur behutsame Vergiftung, das Zeug ist eh im globalen Verkehr angekommen und nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Die Elite wird genauso abnippeln wie die armen Schlucker, die sich Eier für acht Cent wünschen und Filetsteak zum Preis von Torf. Sie werden an der Würgstoffkombination ersticken, sie sterben an der Gier, die uns immer schon an den Knochen genagt hat – die Lebensmittelskandale sind die Bankenkrise des kleinen Mannes, der Geiz geil fand, den Hals nie voll kriegte und sich daran schließlich verschlucken wird. Unser Mitleid wird sich in Grenzen halten, denn die Gierigen haben es nicht anders verdient, als selbst gefressen, verdaut, recycelt zu werden. Das System verstoffwechselt seine Kinder.


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4 responses

14 01 2011
Laura

Der Konsument ist süchtig nach billigen Tierprodukten. Gesundheit ist nicht so wichtig, Hauptsache der Preis stimmt!!!

15 01 2011
bee

Nicht ganz, er wird auch durch die negative Einkommensentwicklung von schlechten, billigen Produkten abhängig gemacht.

19 01 2011
Laura

Natürlich möchte diese Entwicklung nicht unter den Tisch fallen lassen. Viele Konsumenten hätte allerdings das Geld, sich qualitativ hochwertige Lebensmittel zu kaufen, tun es aber nicht. Ganz nach dem Motto: „Geiz ist geil!“

19 01 2011
bee

Dennoch sollten wir als Aufgeklärte nie vergessen, wie viele Verbraucher gelenkt werden. Frankreich ist hier ein denkbar schlechtes Beispiel, wie Staat und Medien Hand in Hand arbeiten: Subventionen werden in die industrielle Landwirtschaft gepumpt, während die Bioerzeuger dem Preisdruck nicht mehr standhalten können, und die Presse verkauft dem Verbraucher die Umsatzsteigerungen als Ergebnis gestiegener Kundenzufriedenheit. Das ist verlogen, wird aber nicht hinterfragt, weil die wenigsten die Menschen die Hintergründe begreifen. Gesunde Ernährung hat keine Lobby, sie hat mächtige Gegner.

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