Kassiber

24 01 2011

Kein Taxi war an diesem Morgen zu bekommen. In vielen, die eilig Flughäfen und Bahnhöfe anfuhren, saßen sie mit dunklen Sonnenbrillen, als wäre es nicht Januar und kurz nach halb sechs, und die anderen Wagen standen in der Gegend herum; ganz Schlaue hatten sich zwei, drei Autos bestellt, teils, um nicht einem Feind in die Hände zu fallen, teils, um den anderen die Sache schwerer zu machen. Es gab viele dunkle Sonnenbrillen an diesem Morgen.

Einen von ihnen fand das Zimmermädchen, als sie die Hotelsuite betrat. Sie kannte ihn nur aus den Nachrichten, sein Gesicht hatte sie immer schon angewidert, fett und aufgedunsen, das schüttere Haar nach hinten gekämmt, doch sein Alter ließ sich auf Dauer nicht verbergen. So hatte er mit schneidender Stimme gehetzt und gestichelt, und jetzt hing er von der Türklinke herunter, erdrosselt mit dem Gürtel seines Bademantels, ein welker, unappetitlicher Körper, weinerlich noch im Tod. Er hatte keinen Abschiedsbrief hinterlassen. Bis die Polizei eintraf, stand sie mit dem Etagenkellner auf dem Flur. Sie lachten über einen ordinären Witz, hinter vorgehaltener Hand, auch wenn der Tote im Schlafzimmer es nicht mehr hörte.

Der Vorstandsvorsitzende saß schweißgebadet im Taxi. „Schneller“, trieb er den Fahrer an. „Jetzt fahren Sie doch zu!“ Der Chauffeur drehte sich entnervt um. „Wenn Sie bitte so freundlich wären, den Stau hier zu beseitigen.“ Der Mann zitterte am ganzen Körper, er fror und schwitzte zugleich. Als sie den Airport erreicht hatten, griff er sich an die Brust. Er sackte leblos zusammen.

Der Direktor telefonierte hektisch, das heißt: er versuchte es. Vor sieben war keiner zu erreichen, das hatte er geahnt, aber gegen halb acht wurde er wahnsinnig. Endlich meldete sich diese vertraute Stimme, die sonst so servil klang, so geschmeidig und willenlos, wenn er ihr Befehle in den Hörer bellte. „Wo stecken Sie denn? Wo wollen Sie hin? Wo können wir uns treffen? Wohin kann ich noch?“ Keine Antworten. Die Stimme war schneidend geworden, hatte mit wenigen Worten diese Geschichte zerschnitten und ihn allein ausgesetzt in einem Meer voller Zweifel.

Die Bundesvorsitzende ließ sich noch nichts anmerken, sie fuhr wie jeden Morgen ins Büro. Niemand sprach davon. Es gab keine Presseanfrage und keinen Ortstermin. Sie würde heute auf keinen Fall die Landesverbände informieren. Nichts würde geschehen. Sie ließ sich nichts anmerken, sie sagte kein Wort. Niemand erfuhr etwas. Sie konnte alles überspielen. Fast alles. Als ihr Referent sie nach dem Fernsehinterview für die kommende Woche fragte, brach sie in einen hysterischen Anfall aus.

Der Aufsichtsrat sollte um neun tagen. Keiner kam. Man wartete die übliche Viertelstunde, es war niemand ans Telefon zu bekommen – und man hatte alles versucht – und so räumte die Halbtagskraft, die für sechs Euro in der Stunde bei einer Firma arbeitete, die dem Unternehmen angegliedert war, einfach die Kaffeekannen wieder ab, schüttete das Gebäck in den Müllschlucker und goss den Kaffee ins Spülbecken. Nicht einmal freiwillig hätte sie davon getrunken.

Der Ministerpräsident verlor einfach die Nerven und durchwühlte noch in der Nacht das ganze Arbeitszimmer. Der verdammte Vertrag war nicht mehr zu finden – und er wusste nicht, ob er die Kopie damals im Safe eingeschlossen hatte. Die kompromittierenden Fotos aus Italien, von denen er jetzt schon nicht mehr wusste, warum er sie all die Jahre aufbewahrt hatte, die lagen noch immer in der Schreibtischschublade. Eine handschriftliche Notiz mit der Nummer, unter der er Chantal erreichen konnte. Das kleine Lederetui mit dem Glasröhrchen darin, das ihm der Professor damals beschafft hatte. Nur für den Fall der Fälle. Er nahm die kleine Gelatinekapsel aus dem Röhrchen. Es blieb ihm kein anderer Ausweg.

Der Weihbischof drehte sich um. Es musste ja so kommen. Irgendwann, das hatten sie ihm schon so oft gesagt, hatte es so kommen müssen. Er tastete mit der Hand nach dem Fläschchen auf dem Nachttisch. Ein kurzer innerer Kampf, dann gab er nach. Seufzend füllte er den Deckel und trank in einem Zug, zweimal, dreimal, schließlich setzte er die Flasche an. Seine Hände beruhigten sich allmählich, aber sein Herz schlug wild. Es hatte noch immer irgendwie funktioniert, notfalls mit der letzten, nicht auszuhebelnden Argumentation: es darf nicht sein, also ist es nicht. Aber jetzt?

Ihm würden nur Minuten bleiben, er wusste es genau. Der Minister raffte wahllos ein paar Kleider zusammen – grotesk, dass er ausgerechnet in diesem Moment nicht ein einziges Paar Socken in die Tasche stopfte, wohl aber ein gutes Dutzend Krawatten, und genau das hätte man von ihm, dem eitlen, aufdringlichen, unerträglich peinlichen Selbstdarsteller auch erwartet – und warf den Mantel über. Er rannte zum Hintereingang. Nur noch ein paar Meter über den Kiesweg. Es knirschte unter seinen Sohlen – da fuhr der Sicherheitsbeamte herum. Sofort riss der Minister seine Waffe aus der Manteltasche, er richtete sie auf den Bewacher, doch er, der ungeübte Schütze, kam gar nicht erst dazu, den Abzug zu betätigen. Reflexartig hatte der Personenschützer abgedrückt. Die Kugel hatte den Minister über dem linken Auge getroffen, seinen Schädel durchschlagen, war schräge am Hinterkopf ausgetreten. Er war sofort tot. Wie ein nasser Sack klatschte er auf den Kies. Erst eine Stunde später, als die Ermittler den Tatort durchsuchten, fanden sie in seiner Anzugtasche das Telefon, und keiner von ihnen konnte zu diesem Zeitpunkt schon etwas anfangen mit der Nachricht ALLES ENTDECKT SCHNELL FLIEHEN. Erst später, erst viel später würde sich herausstellen, dass er nicht der einzige war.


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4 responses

24 01 2011
lamiacucina

Oh wie erschütternd ! Die Elite der Nation hinweggerafft. An einem einzigen Morgen.

24 01 2011
bee

Erschreckend ist, dass ein britischer Witzbold vor vielen Jahren, als man noch anonym von einer Telefonzelle aus anrufen konnte, dieses Experiment mit ein paar Dutzend Honoratioren machte. Einer sprang vom Hochhausdach, einer tauchte Hals über Kopf in Südamerika unter. Wenn man sie, wie das Sprichwort sagt, alle in einen Sack stopfte und mit dem Knüppel draufschlüge, man träfe tatsächlich nie einen Unschuldigen.

24 01 2011
Doktor Peh

Kai D. wunderte sich noch vier Stunden später, als eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei ihn für ein paar unverfängliche Fragen abholte, wie sein kleiner Spaß solch eine Reaktion hervorgerufen haben konnte. Noch ahnte er nichts von den Reihen abgedeckter Körper in der Berliner Leichenhalle, an denen er nur wenig später in Handschellen entlanggeführt werden würde und unter denen er viele bekannte Gesichter entdecken würde, denen er früher immer wieder einmal per Zeitungsartikel zurück in den Sattel geholfen hatte.

24 01 2011
bee

Wäre er so subversiv? Zerstörerisch und rücksichtslos, was die Konsequenzen für die Existenz eines Menschen angeht, das ja. Auch die umsichtige Planung gesteht man ihm zu. Aber anarchistisches Verhalten setzt daneben auch ein moralisches Fundament voraus; keine Unterstellung könnte ihn mehr beleidigen.

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