Gernulf Olzheimer kommentiert (XC): Horoskope

28 01 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Wenige Vorurteile halten sich trotz erwiesener und offensichtlicher Blödheit derart hartnäckig wie die vollkommen aus der Luft gegriffene Annahme, die Zufallsgeburten dieser Gesellschaft besäßen und benutzten einen Verstand, woher auch immer der stammen möge. Der gemeine Bekloppte hat das mit der selbstverschuldeten Unmündigkeit noch nicht ganz kapiert, macht aber nix, er orientiert sich dann geistig mal am Nordic-Walking-Modus: um so richtig scheiße auszusehen, braucht man Krücken. In diesem Falle das Horoskop.

Ohne Horoskop kommt der Beknackte weder durch den intellektuellen Prozess des Einatmens noch hat er seine Restlaufzeit auf diesem Planeten einigermaßen im Griff. Kommt dies leuchtende Ding hinter der Nachtschicht wieder hoch? Ist das Mammut auch wirklich platt und schickt nicht seinen großen Bruder vorbei? Werde ich im Lotto gewinnen und kann Doktor Schmittenfelder einmal so richtig die Frontpartie kaltverformen? Ohne das nötige Vorherwissen um die Zukunft fühlt sich der Standardtrottel einfach nicht für die Fährnisse des Daseins gerüstet und kippt um wie die FDP.

Sorgfältig geordnet nach Ressorts: Beruf, Geld, Partnerwahl, schwiemelt sich der Dummlurch mit feuchten Fingern durch die Gebrauchsanweisung für den Tag, wie sie die Nanny aus bedrucktem Papier liefert. Er wälzt mangels Hirnrinde die Verantwortung für das bisschen Entropiestörung vor dem Übergang in die Biomasse ab und wirft sie dem Schicksal vor die Füße – woher soll er auch wissen, dass seine logisch niederschwellige Denke im vorsintflutlichen Raster hakt und jeden noch so nebensächlichen Müll zu kosmischer Bedeutung aufbohrt? Die Koordination von Ist-Zustand und kognitiver Entschlüsselung stellt den Behämmerten vor unlösbare Aufgaben, er braucht die Schubladen. Und genau so pfropft er sich selbst und die anderen Überbleibsel der Hominisation in einen von zwölf Containern, auf dem Stier steht, da den babylonischen Esoterikern Nachttopf nicht einfiel. Hat sich der Bescheuerte einmal in der Schublade Steinbock wiedergefunden – über Aszendenten und ähnlich sachzwangreduzierte Doofheitskonzepte schwatzen nur fortgeschrittene Rumpelbregen – so sieht er auch locker über die Unschärfen der Realität hinweg. Charakterliche Defizite, Lebensprobleme, typische Gebrechen und mutmaßliche Lieblingsmordwaffen, alles popelt der Bekloppte fürsorglich in eine Typologie, die an Trennschärfe der mittelalterlichen Kasuistik nicht nachsteht, an Dämlichkeit tut sie’s erst recht nicht.

So viel zur europäischen Zeitzone; wer jetzt noch diverse Doppelungen mit Metall-Büffeln und Holz-Ratten im chinesischen Jahres-, mit Weide, Krüppelkiefer und Bonsaibuche im keltischen Baumhoroskop quersummt (bei vollem Karma-Ausgleich!), wird ehrenhalber zum linksdrehenden Quarktäschchen im peruanischen Keksorakel ernannt, Aszendent Zimtstern, und darf das Rätsel lösen, warum sich die Ekliptik in zwölf gleich große Sonnensegmente teilen lässt, während für die indische Mondmystik 27¾ Haltestellen reichen.

Zwar in der Gewerkschaft des Anorganischen, doch bewegt sich der Kosmos und sorgt mit Hilfe der Präzession für regelmäßiges Verschieben der Tierkreiszeichen: gestern noch Jungfrau, heute schon Krebs – das geht nach der Gesundheitsreform auch anderen so, aber daran ist nicht die Erdachse mit ihrem Gekippel schuld. Kaum haben sich im galaktischen Leuchtmittelhaufen ein paar Birnen leicht verschoben, schon quarrt der Boulevard: Astro-Schock! Alle Horoskope falsch? Sischer datt, denn richtig waren sie noch nie. Dass nun aber jeder, der vorher als sozial verträglich und selbstlos galt (es sei denn, er war ein egozentrisches Arschloch), plötzlich ein rücksichtsloser Drecksack wird (bis auf die, deren Menschenfreundlichkeit das Verhalten eher relativiert), dass auch jeder, der bis dato montags Glück in der Partnerschaft und eine gute Hand in Geschäftsdingen hatte, nun mittwochs ganztägig auf die innere Stimme hören muss – der IQ-Fußraum wird unübersichtlich, wenn der im 21. Jahrhundert durchs All bretternde Planet keine klag- und fraglos gültigen Instant-Denkhilfen mehr im serienmäßigen Lieferumfang haben. Man müsste die Sache an die astronomische Realität anpassen, was angesichts der Wirksamkeit von Horoskopen so viel Sinn hätte wie Regentanz rund um einen Haufen Globuli, oder man könnte, kurzer Prozess statt langer Schmerzen, die Party für beendet erklären. Und zur Aufklärung übergehen.

Denn das ist das wahre Schreckbild, das der Verdeppungsbranche und samt gefügigen Opfern droht: dass die Bindung ans Metaphysische sich verflüchtigt, dass Herumgedeute und Sinngebung, wo nichts war, ist, noch je sein könnte, irgendwann als aufgeblasener Popanz mit gewaltigem Getöse zerbirst und Sir Isaac sich gelangweilt im Grab umdreht, weil noch keine messbare Wirkung der Planeten auf terrestrische Schwerkraftverhältnisse herrscht. Sie werden irgendwann alle erwachen, es ist Murmeltiertag und die Sonne steht hoch am Horizont, sie werden weder Jupiter im dritten Haus noch einen kritischen Mars-Venus-Aspekt für bare Münze nehmen und mit den restlichen Glückskeks-Überresten im Orkus des Okkulten entsorgen. Die Erde eiert weiter, sie tat das schon im Silur, lange bevor der Bekloppte ihr Antlitz verpickelte. Und wenn sich der humanevolutionäre Dropout noch mal einen schönen Nachmittag machen will bei Allotria und Narretei, besucht er im Jahrmarktszelt die Wahrsagerin mit der Glaskugel oder geht zum Investmentbanker. Denn wenn man sich schon bescheißen lässt, will man’s wenigstens wissen.


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5 responses

28 01 2011
philgeland

Das Einzige, wozu dieser hirnverbrannte Self-Fullflling-Prophecy-Mist („Hab‘ doch geahnt, dass Sie Zwilling sind …“ taugt, ist sich für ein paar Minuten in Smalltalk zu üben, von mir aus im Wartezimmer oder auf einer Party, dessen Verlauf alles andere als vielversprechend zu sein scheint. Und selbst in solchen Momenten braucht man als Konversationsbedürftiger schon den passenden Drive, sowie eine Portion leicht-dezenten Humors.

Das Astro-Gespräch als Ausdruck kommunikativer Kompetenz, hehe!

28 01 2011
bee

Und dann hat man das Pech, an einen Steinbock, dritte Dekade, Aszendent Widder zu geraten, der einem anhand diverser Saturn-Einflüsse zeigt, dass genau das Gegenteil vom Klischee richtig ist :mrgreen:

(Ich suche mir übrigens immer ein Horoskop aus der Tageszeitung aus. Da, wo die größten Kaffeeflecken sind. Diese Woche war ich zweimal Löwe und einmal Widder, während Hildegard wochenweise wechselt, momentan zwischen Skorpion und Fische. Im Urlaub werden wir tauschen.)

28 01 2011
philgeland

… die „Blind-mit dem-Finger-drauftippen-Methode“ ist auch nicht schlecht.
Random auf esoterisch.

Was die Esoteriker, Spiritisten und andere Spezis gemein haben ist halt, dass die sich in einem geschlossenen Universum bewegen, dass sich von allen Seiten erklären lässt. Da muss man schon den Instinkt eines Skorpions (nein, nicht der …) an den Tag legen, falls man sie, wenn auch nur kurz aus dem Konzept bringen und ihre Welt ins Knirschen geraten lassen möchte.

28 01 2011
bee

Logik ist ein guter Sprengstoff. Deshalb wird er ja auch von Esoterikern immer nur in homöopathischen Dosen verwendet 😉

28 01 2011
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