Gernulf Olzheimer kommentiert (LXXXIX): Rentnerfernsehen

21 01 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Früher, als alles noch so gut war, dass es schon fast von alleine besser wurde, da widmete sich die ältere Generation durchaus spannenden Dingen. Rosen- und Briefmarkenzucht, Akkordeon- und Lottospiel, Tanztee und Anschwärzen falsch parkender Kraftfahrzeugführer erfüllten das üppig bemessene Freizeitkontingent der nicht mehr am Arbeitsleben Teilnehmenden, man betrachtete wohl mit Herz und Wonne alte Fotografien aus der großen Zeit (und den folgenden Jahrzehnten, mit und ohne Trümmer), besuchte Museen und fuhr auf Heizdeckenverkaufstour ins Sauerland, kurz: die Tage zwischen Verrentung und Verrottung verliefen in froher Eile, hurtig und heiter, und nirgends kam dem rüstigen Rezipienten der Mattscheibenkleister in die Quere, mit dem sich heutige Senioren zu quälen haben. Es ist Wahnsinn, weil es Methode hat, dieses Rentnerfernsehen.

Denn wer würde sich widersetzen beim Anblick der öffentlich-rechtlichen Kukidentkanäle, die zur Spontanvergreisung aufrufen. Wer nach zwei Portionen Schnarchprogramm, Frühstücks- und Mittagsschläfchen- und Tanztee- und präseniles Bettfluchtfernsehen, wer nach dem Geblöke noch nicht leblos im Polstersessel hängt, scheint von Stalingrad gehärtet und duldet alles, was einem den reaktionären Realitätsaufguss mit der Brechstange in die Figur schwiemelt. Denn offensichtlich hält die Regie das Festival der Gebührenkrücken für intellektuell untertunnelbar baut im Fußraum der Medienmarmelade kräftig an. Zwei Gehhilfen des schlechten Geschmacks stützen das Gerümpel, Volksmusik und Schlager, kulturelles Surrogat für eine Generation auf Sozialentzug, weichgekaut und saccharinromantisch wie der perpetuierte Kitsch der Nachkriegsdumpfbacken, gegen jede Innovation geimpft. Gummigesinge in ästhetisch verkalkter Qualität quillt aus den Lautsprechern, debil grinsende Föhnwellenträger in unangenehmem Flitterfummel turnen die Zombieversion von 1970 auf dem 16:9-Plasma nach und legen sich ins Zeug, um auch geistig leistungsfähigen Endfünfzigern einen ungefähren Eindruck zu vermitteln, wie sich Demenz im Endstadium anfühlen wird.

Die quotenfixierte Nullinformationsschiene ist nicht die einzige Ausblutungsstelle eines Angebots, das den Guckreiz verloren hat. Süßliche Romantik blubbert aus dem Glottertal, versehentlich von drittklassigen Quizformaten unterbrochen, in denen die üblichen Verächtlichen ihr Grundschulniveau in Frage stellen. Dazu stoßen Operettenfilme als Wiederholungsschleife, exhumierte Duftproben aus einer Zeit, in denen Farbfilme noch modernistischer Schnickschnack waren.

Was man in der Langeweile des Krankenstandes nie über sich ergehen ließe, der übliche Polittalk scheint vor dem Grabkranzgeruch nicht gefeit. Wo lustige Mutanten und die Glatze vom Silbersee nicht hinkommen, da werden Generationskohorten von postapokalyptischen Springreitern im braunen Polyesteranzug hinweggerafft, spätkeynesianische Heißluftplauderer ohne Daseinsberechtigung, die das vermeintlich bereits im Rudelkoma liegende Pensionariat mit neoliberaler Weltsicht beschickt: wer sozialverträglich frühablebt, tut dem Vaterland einen Dienst, und bis dahin darf der Oldie Pappe lutschen und sich die intellektuelle Sterbehilfe aus der Jauchgrube unter die Kalotte kloppen.

Fragt sich, warum ausgerechnet zur schönsten Werbezeit die altersschwache Randgruppe bedient wird, statt sich der konsumorientierten Zuschauer bis 49 anzunehmen – die Prothesenprogramme bauen bereits vor für Rundfunkstaatsverträge, in denen sie das gerontologische Dauerfeuer mit Treppenlift- und Gebissreinigerreklame auffetten können, bis sich Schmonzetten von Schwarzwald und Traumschiff als Einsprengsel zwischen den Rentenversicherer-Spots verscherbeln lassen. Reicht denn die übliche Busfahrt mit koffeinfreier Plörre und Heizdeckenshow nicht mehr aus, um die Vorkriegsjahrgänge aus der Existenz zu graulen? Müssen wir mit Macht anschauen, was uns in wenigen Jahren droht, eine in Rosamunde-Pilcher-Kulisse abgenudelte Generalbelanglosigkeit aus säuerlicher Heimaterde und Trachtensülzwaren mit nationalbekiffter Musi, eingebettet in Kerner-Beckmann-Fliege-Schleim?

Eines Tages, und es wird nicht mehr lange dauern, fegen die Alten dies hippe Hirngestrüpp von der Rampe und rächen sich grausam. Für das Nachmittagsprogramm wird man einen veritablen Schulabschluss brauchen, für die Vorabendserien erweiterte humanistische Bildung, für die Abend- und Spätabendschiene gar Kultur im engeren Sinne. Die pseudopolitischen Wurstverkäufer werden im Massengrab gammeln, nicht besser als ihre billige Ware, der Schunkelzwang wird Geschichte sein und der Bildungsauftrag der Sendeanstalten wieder eine inhaltliche Kategorie. Einem Reich-Ranicki haben die TV-Brezeln standgehalten, unbeugsam wie Margarine, aber die Folgen werden kommen. Und eine Rentnergeneration, die Rosen züchtet, Bücher liest, Akkordeon spielt und die Glotze aus dem Fenster schmeißt, muss auch nicht schlecht sein.





Fieberkurve

20 01 2011

„Den Umständen entsprechend, Herr Kollege. Wir können noch nichts sagen. Momentan hat sie die Nase voll. Das hat aber auch keiner vorhersehen können, dass die Therapie so in die Hose geht. Alle vernünftigen Berater und die anderen Ärzte und die Leute aus der Pharmabranche, alle waren dagegen, dass die Kanzlerin homöopathische Mittel gegen die Grippe nimmt. Und jetzt liegt sie flach.

Natürlich sieht man es ihr an. Wir wollten ihr schon Bettruhe verordnen, aber sie lässt ja nicht mit sich reden. Schutzimpfung kommt jetzt natürlich auch viel zu spät. Höchstens noch Zwiebelsaft mit Kandiszucker, aber wenn ihr jemand verrät, dass das Rezept von Claudia Roth kommt, dann spuckt sie das gleich wieder aus. Nichts zu machen. Will sie nicht. Sie hatte irgendwo eine Broschüre über Wunderheilung in die Finger bekommen – Brüderle liest doch immer so einen Mist, der glaubt ja auch an Marsmännchen, die die Löcher in den Käse bohren, und an Vollbeschäftigung – und die Koalition mit den Liberalen beschlossen. Und jetzt fängt das Dilemma an: hohe Potenzen, ganz und gar aus der Regierung rausverdünnt werden muss die FDP, aber glauben Sie, dass das hilft? Schauen Sie sich die Merkel an. Die schnieft.

Man soll mit so einer Erkältung nicht spaßen, Herr Kollege. Es ist nicht nur das Fieber, es zehrt auch an den Kräften. Schwindsucht, kennen Sie das? Schlimm. Systemisches Versagen. Überhaupt kein Volumen mehr vorhanden. Schwere Störungen. Baden-Württemberg, Hamburg, Rheinland-Pfalz, alles nicht einfach. Die FDP steht ja nur noch in homöopathischen Dosen zur Verfügung, und Sie wissen ja, wie das ist. Wenn Sie das immer und immer wieder verdünnen und verwässern, dann ist halt nichts mehr übrig. Sie rechnet zwar noch so wie ihre Geistheiler aus dem Kanzleramt: vierzig und drei Prozent sind dreiundvierzig, als gäbe es keine Fünf-Prozent-Hürde, aber das werden Sie ihr nicht mehr austreiben. Abteilung Agitation und Propaganda, Sie wissen schon.

Völlig unvorbereitet. Wie aus heiterem Himmel, wissen Sie? Gut, ab und zu unterhält man sich mal mit dem Briefträger an der Haustür, aber sonst hat man doch keinerlei Kontakt mit der Außenwelt. Nichts. Höchstens mal eine Diskussion um die Steuersenkung vor der Steuererhöhung, aber das zählt ja wohl kaum. Nichts. Absolute Ruhe. Auch der Herbst der Entscheidungen, erinnern Sie sich? Das waren die zwei, drei Tage, wo Merkel beim Nichtstun kurz weggenickt ist.

Was meinen Sie, was sie für ein Theater gemacht hat bei den Essigwickeln. Wollte sie nicht, konnte sie nicht vertragen, durfte nicht sein – muss der blöde Pofalla ihr aber auch vorher verraten, dass das von Trittin kam. Wollte sie nicht! Na, Sie kennen ja die Merkel. Wie beim Rettungsschirm: sie weiß, dass es vernünftig ist, und dann macht sie es nicht, weil es ihr nicht selbst eingefallen ist.

Momentan arbeiten wir ja vorwiegend am Wohlfühlfaktor. Das mit den Viren kriegen wir schon in den Griff, aber erstmal muss natürlich das Publikum von der Krankheit verschont bleiben. Wenn jetzt jeder in Panik gerät, weil die Kanzlerin krächzt, das wäre kontraproduktiv. Also arbeiten wir mit den üblichen Mitteln. Zuversicht, Salbei, Vollbeschäftigung, Spitzwegerich, Codein, und wenn gar nichts mehr funktioniert: Terrorismus. Man muss ja irgendwie über die Runden kommen.

Wissen Sie, Herr Kollege, das ist das typische Bild: der Patient verspricht gute Compliance, lobt den Arzt und seine Ratschläge, aber zu Hause pfeift er auf Diät und Tabletten und stopft sich voll. Tolle Ratschläge an die Wirtschaft, dass sie auch ja die Arbeitnehmer nicht vergessen, und Mindestlohn für die Zeitarbeitsbranche. Und wenn der Arzt wieder weg ist, erstmal ein Schnaps auf den Aufschwung. Dagegen kommen wir nicht an, im Gegenteil: wenn wir dagegen reden, sind wir schon Dagegenpartei, verstehen Sie?

Will sie nicht. Keine Chance. Sie wird der FDP etwas husten! Die haben sich jetzt strikt an die Anweisungen zu halten, die der Arzt für die Merkel ausgibt. Wegen Sparens im Gesundheitsweisen: wenn Sie jemanden mit denselben Symptomen finden, Regierungsmüdigkeit, deutsche Depression, Lustlosigkeit, Denkschwäche, unkontrollierter Redefluss, dann schicken sie den zum Arzt, das kommt billiger, weil sie selbst nicht die ganze Zeit im Wartezimmer sitzen müssen. Gruppentherapie, verstehen Sie? Einmal zum Onkel Doktor für die ganze Koalition. Deshalb pöbelt jetzt Lindner, der demnächst Westerwelles Nachfolger als designierter Ex-Vorsitzender wird, die CDU an und bettelt um Leihstimmen, damit er wieder Mehrheitsbeschaffer ohne politisches Programm werden darf. Man wird bescheiden, wenn man krank ist. Vor allem, wenn man erst begriffen hat, dass jede Krankheit durch die Behandlung schlimmer wird.

Dabei geht es ihr ja vornehmlich um die Industrie. Und in erster Linie um Ehe und Familie, vor allem für die begüterte Mittelschicht im oberen Bevölkerungsdrittel. Herr Kollege, Sie kennen das. Man weiß nicht, wie man es dem Patienten beibringen soll, also sagt man: ich habe so den Eindruck, innerhalb der nächsten Tage werden Sie die Klinik verlassen. Und das tut er dann auch.“





Kassensturz

19 01 2011

„… um einen durchaus ernst gemeinten Vorschlag handelte: eine Vermögensabgabe von zwei Prozent, abgegeben über zehn Jahre, würde sich auf jene 1,7 Billionen Euro summieren, die es bedürfte, um die Schuldenlast der Bundesrepublik Deutschland ganz abzutragen und der kommenden Generation…“

„… natürlich abgelehnt, denn diese Rechnung könne überhaupt nicht aufgehen, so Schäuble, sie sei viel zu logisch und bedürfe daher gar nicht erst einer eingehenden Prüfung auf…“

„… von den Banken durchaus nicht ohne Kritik aufgenommen, denn einerseits gehe ihnen dadurch ein Teil des Sparvermögens verloren, andererseits müsse man damit rechnen, dass die verzinslichen Kredite, die der Staat bei den Geldinstituten habe, nach der Rückzahlung zu einer erheblichen Schwächung der…“

„… hatte auch die Kanzlerin für diese Idee kein gutes Wort übrig. Man müsse, so Merkel, eine gemeinsame Lösung finden, diese dürfe aber nicht darin bestehen, dass auch alle Bürgerinnen und Bürger tatsächlich gemeinsam belastet…“

„… wiesen auch die Wirtschaftsweisen den Plan, jährlich 160 Milliarden Euro auszugeben, als eine finanzielle Überbelastung strikt zurück; das Geld fehle nämlich dem Konsum und müsse so…“

„… auch nicht durch ernsthafte Pläne, Steuern in Liechtenstein garantiert legal hinterziehen zu können, so dass achtundvierzig der fünfzig reichsten Deutschen mit sofortiger Kapitalflucht ins Ausland zu drohen…“

„… sich neben Wirtschaftsminister Brüderle auch der designierte Ex-Vorsitzende Westerwelle entschieden gegen eine Beteiligung der Spekulanten an der von ihnen verursachten Bankenkrise wandte. Man könne nach der Ruhestörung, die durch das Wachstumsbeschleunigungsgesetz entstanden sei, nicht auch noch durch stalinistische Maßnahmen in die Freiheit der Aktionäre eingreifen, die zudem durch ausbleibende Panik um die Schweinegrippe empfindlich geschwächt…“

„… zeigte sich Arbeitsministerin von der Leyen gemeinsam mit Arbeitgeberpräsident Hundt ungewöhnlich generös: wer die Möglichkeit habe, durch eigene Arbeit wenigstens einen Teil seines Lebensunterhaltes zu bestreiten, der dürfe auch mit massiven Steuererhöhungen zur Rettung seines Vaterlandes beitragen, vor allem in der unteren Hälfte der Bevölkerung…“

„… gerade von den Gewerkschaften nicht erwartet, dass sich der Deal auf ihre Initiative so leicht anließe – die Arbeitnehmerverbände rechneten schlüssig vor, dass auch mit der Hauptlast auf dem unteren Bevölkerungsdrittel eine solide Basis für die Entschuldung zu errechnen sei, so dass die Leistungsträger der Gesellschaft nur…“

„… den Auftrag annahm, bis zur Landtagswahl in Baden-Württemberg eine mehrjährige Studie vorzulegen, aus der klar hervorgeht, dass gerade das untere Viertel der Bundesbürger überproportional steigenden Reichtum…“

„… denn gerade die sogenannten kleinen Leute hätten verantwortungslos über ihre Verhältnisse gelebt, die unteren fünfzehn Prozent hätten in einem geradezu schamlosen Maße die FDP gewählt und damit in verräterischer Weise ihre Klasse…“

„… sich die Bezeichnung Soli schnell verbreitete – die Bundesbürger glaubten weder an eine zeitliche Begrenzung der Abgabe noch interessierten sie sich für den Vorwand, unter dem sie erhoben würde – worauf Finanzminister Schäuble eilig reagierte. Er berief die führenden Fachkräfte ein, die bereits mit der Umbenennung von Hartz IV in…“

„… dass gerade die muslimischen Einwanderer als Zeichen ihres Integrationswillens mit gutem Beispiel vorangehen könnten. Sarrazin errechnete auf der Basis einer von ihm auf der Basis einer von ihm errechneten Statistik eine Statistik, dass allein die Gemüsehändler den jährlichen Umsatz von…“

„… betonte Bundespräsident Wullf, dass der Islam jetzt auch zu Deutschland gehöre und sich die Muslime daher ebenso kritiklos unterzuordnen hätten wie die anderen Staatsbürger – es sei eine gemeinsame Aufgabe, die Last der Geschichte zu entsorgen, und wer sei besser für die Entsorgung prädestiniert als die türkischen…“

„… nur recht und billig, dass die Türken, die sonst nichts als Kopftuchmädchen produzierten, sich auch an der deutschen Wirtschaft beteiligten; um von weiteren Stigmatisierungen Abstand zu nehmen, schlug Seehofer vor, die Kosten zunächst nur von Migranten mit Transferleistungshintergrund einzutreiben, so dass nicht gleich jeder…“

„… eine konzertierte Aktion vorschlug, die mehrere Ziele deutscher Politik verbinden könne; Bosbach nannte neben der Verhaftung verdächtiger Nichtdeutscher auch die Kontrolle islamistischer Konvertiten auf kommunistische Killerspiele…“

„… in den frühen Morgenstunden gelöscht, während die Moschee von Memmingen von aufgebrachten Anwohnern gegen die Feuerwehr verteidigt wurde. Allein durch Glasbruch entstand ein Schaden, der dem deutschen Handwerk zu unerwartet vollen Auftragsbüchern verhalf – die Steuereinnahmen gaben einen gewaltigen Impuls für das Wirtschaftswachstum, das doch vor allen anderen Aspekten Wohl und Wehe des deutschen Volkes zu…“





Vor uns die Sintflut

18 01 2011

„Auf jeden Fall was mit Ausländern!“ Stifter schob energisch seine Brille zurecht; die anderen zogen die Stirn in Falten, nagten an der Unterlippe oder starrten einfach Löcher in die Luft und warteten, dass den anderen etwas einfiele. Siebels schwieg. Er war diesmal nur Beobachter. „Sagen Sie mal“, fragte ich ihn, „wird auf Redaktionssitzungen nicht üblicherweise erst einmal der Inhalt besprochen?“ Der große Fernsehmacher nickte. „Üblicherweise, ja. Aber was ist schon normal heutzutage. Und was ist heutzutage schon normal in einer Talkshow.“

„Also mit Ausländern“, wiederholte Stifter, sichtlich nervös und inzwischen leicht verärgert, weil dem Team nicht viel Neues in den Sinn kam. Eine kleine Blonde meldete sich schüchtern. „Und wenn wir das mit der illegalen Einwanderung nach Amerika…“ „Deutschland“, fiel Stifter ihr ins Wort. „Es ist Deutschland hier, kapiert? Wir können dem Zuschauer nicht irgendwelche Themen vorsetzen, die außenpolitische Zusammenhänge voraussetzen. Die Leute sind dumm, klar? Und dabei soll es auch bleiben.“ Verängstigt schlug sie die Hand vor den Mund. Doch Stifter war noch nicht am Ende. „In der nächsten Ausgabe macht Fratzberg etwas über die gefährlichen Einwanderungsbewegungen nach Griechenland, und Dienstag ist bei Schreckmann eine Sendung, wie der Sozialbetrug fast Frankreich ruiniert hätte, wenn er denn stattgefunden hätte.“ Petershagen, der unrasierte Typ mit der dicken Hornbrille, rümpfte demonstrativ die Nase. „Dass das Themen sind, die nur mit außenpolitischem Hintergrundwissen Sinn machen, ist Ihnen natürlich sofort aufgefallen.“ Der sarkastische Ton in seiner Stimme drängte Stifter in die Defensive. „Ich weiß selbst, dass das global bedeutsam ist.“ Da zog Petershagen genüsslich die Schlinge zu. „Also kein für Deutschland relevantes Thema, richtig?“

„Das verstehen die hier unter inhaltlicher Auseinandersetzung?“ Ich war empört, aber das brachte Siebels überhaupt nicht aus der Fassung. „Von Inhalt hat hier keiner etwas gesagt.“ Er nippte an seinem kalten Automatenkaffee. „Wenn Sie ab und zu Die Härte mit Hans Fratzberg ansehen, werden Sie feststellen, dass eine Sendung nur marginal mit dem Titel zu tun hat.“ „Also wird hier nur das Thema erfunden?“ Beinahe gequält sah mich Siebels an; ich begriff, als er antwortete: „Eben nicht. Das Thema ist so gleichbleibend wie egal, es geht um den Titel. Ohne einen effektiven Titel schaltet keiner die Glotze ein.“ „Und Sie glauben, dass das wirkt?“ „Haben Sie mal die Einschaltquoten gesehen?“ Ich verneinte. „Sollten Sie aber. Und Sie sollten sich auch dafür interessieren, was in diesen Sendungen geboten wird.“ Er zupfte ein Papier aus seiner Mappe. „Kalenderwoche vierzig: ‚Bänker, Bonzen, Boni – Wer vergeudet unser Geld?‘ Es kam klar heraus, dass Arbeitslose geldgierige Schmarotzer sind. Kalenderwoche einundvierzig: ‚Euro-Krise und kein Ende – Deutschland in der Schuldenfalle.‘ Tenor der Sendung war, dass die Arbeitslosen das Land ruinieren und zum stalinistischen Terrorstaat ummodeln wollen. Kalenderwoche zweiundvierzig: ‚Mission Impossible – Die Rache der Taliban!‘ Es ergab sich…“ „… dass die Arbeitslosen durch ihre unverschämten Forderungen nach Grundrechten dem Krieg in Afghanistan die finanzielle Basis entziehen und daher eigentlich wie Terroristen als rechtlose Personen verfolgt werden müssten.“ Siebels schmunzelte. „Ah, Sie haben die Sendung also doch gesehen?“

Inzwischen hatte Petershagen schon die Leitung an sich gerissen. „Natürlich wollen wir auch den sozialen Aspekt betonen“, verkündete er. „Kinder, Bildung, solche Sachen eben. Oder etwas über die Entbehrungen der Oberschicht.“ Ein dicklicher Glatzkopf schnippte mit den Fingern. „Hier, die Kinder kriegen nicht jeden Tag ein neues Pony geschenkt, obwohl die Eltern dazu durchaus in der Lage wären. Disziplin als Ziel in der vorbildlichen Erziehung.“ „Lensing“, ätzte die Hornbrille, „Sie wissen aber schon, dass wir das nicht machen können? Denken Sie vielleicht mal mit? Oder sind Sie damit schon intellektuell überfordert?“ Der Kahle murmelte etwas vor sich hin von Sozialporno und verantwortungsvoller Mediendarstellung, doch Petershagen machte seiner Empörung Luft. „Haben Sie den Sendeplan denn gar nicht mehr im Kopf? In zwei Wochen sendet Kreischzwerger ihre Show mit den drei Millionären, die ihren Kindern zum 18. Geburtstag keine Segeljacht schenken. Da können wir doch nicht fünf Tage später denselben Stoff nehmen, das gibt doch Stress mit den Darstellern!“

Siebels schloss für einen Moment die Augen, als kämpfe er gegen eine plötzliche Müdigkeit an. „Hatte ich Ihnen zu viel versprochen?“ „Es ist wirklich die Sintflut“, nickte ich, „aber so schlimm hatte ich es mir nicht vorgestellt.“ Er blickte ins Leere. „Sie schieben es vor sich her. Es wird eines Tages über uns hereinbrechen und wir werden sagen, wir hätten es wohl aufhalten können, wenn wir nur darauf regiert hätten. Die Sintflut liegt noch vor uns, aber es ist klar, dass sie kommt. Wir haben selbst die Dämme brechen lassen – alle Dämme.“ Er tastete nach seinen Zigaretten. „Kommen Sie“, sprach er heiser. „Ich brauche jetzt frische Luft.“

Während wir den Raum leise verließen, hörte ich noch, wie Petershagen hasardierend durch neue Themen stolperte. „Internet ist natürlich auch gut“, beschwor er die Redakteure, „da können wir auch voll auf die Kerninkompetenz der Zuschauer setzen. Was halten Sie denn von ‚Google, Facebook & Co. – Deutschland fast vernichtet im Würgegriff der Datenschnüffler‘?“





Stotterbremse

17 01 2011

„Meine Güte, das nennen Sie Orientierung? oder am Ende noch Neuorientierung? Fortschritt? Dieses Gehampel? Hören Sie mal, für jeden anderen hätte ich eben in die Schreibtischschublade geschaut, ob da noch ein Gutschein über einmal kostenlose Sterbehilfe liegt, aber für die SPD? Brauchen Sie den überhaupt noch?

‚Neuer Fortschritt und mehr Demokratie‘ – zwei Nummern kleiner war wohl gerade in der Wäsche? Das nennen Sie ein Programmpapier? Haben Sie sich noch nicht genug blamiert mit diesem elenden Schlingerkurs? Was soll das eigentlich werden, wenn’s fertig ist? Die Fundamentalopposition gegen die Ex-SPD der Großen Koalition oder die Endabrechnung mit Gas-Gerd? Oder suchen Sie sich jetzt einen vielseitig einsetzbaren Kriegsgrund, um den Grünen in die Hacken zu treten und nach alter Sitte wieder den Schwanz einzuziehen, falls sie irgendwann größer werden sollten als die SPD? Haben Sie sich wenigstens schon mal grob für die Richtung entschieden, in die Sie die Partei vor die Wand fahren wollen?

Also Fundamentalopposition. Einzusehen. Das, was Merkel und Westerwelle und Seehofer da gerade abziehen, ist auch mit sehr viel Schnaps nicht mehr zu ertragen. Diese aufgepumpten Wirtschaftsprognosen – wer nichts aus der Krise lernt, will sie wohl wiederholen. Und wenn man es nicht besser wüsste, würde man annehmen, Merkel kriegt jetzt die Rache für den verpatzten Euro-Rettungsschirm: sie kommt bei Schäuble unter die Räder. Aber dann hätte die Frau wenigstens einmal so etwas wie Profil im Gesicht, oder? Also was, ja oder ja? Sie wollten doch dagegen sein, schon vergessen? dann seien Sie es eben auch, aber bitte mit eindeutigem Programm. Was haben Sie denn zu bieten außer etwas Spektakel? Erst in Stuttgart die Landesregierung an die Wand nageln wollen und dann gemeinsam mit den Grünen rauf auf die Eier, sobald die Tanzmusik erklingt? Keine Meinung zum Euro-Krieg, fleißige Durchhalteparolen für die Versicherungsindustrie? Was für eine verpatzte Gelegenheit, ein für allemal die Geschichte hinter sich zu lassen und aus der Opposition heraus eine echte Perspektive zu entwickeln, eine Alternative für dieses schwarz-gelbe Fiasko! Fortschritt in Europa, Fortschritt mit einer richtigen Bankenaufsicht, mit einer richtigen Finanztransaktionssteuer, mit einer Reichensteuer, mit Atomausstieg, mit einer guten Bildungs- und Sozialpolitik und… Bundesrat? Sie meinen, Sie würden Ihre Ideen besser der CDU für die nächste Kanzlerschaft überlassen, weil sonst die Rentner Angst hätten? Dann doch lieber mal gar nichts ändern und zusehen, wie der Karren in den Dreck fährt? Stotterbremse? Das ist eine Option?

Also Endabrechnung? Sie wollen die ganzen Altlasten über Bord schmeißen und ohne den Agenda-Lobbyismus und den Privatisierungswahn eine neue sozialdemokratische Politik machen? Brillante Idee, wo fangen Sie an? Ah, lassen Sie mich raten: die Gewerkschaften haben Ihnen verboten, von Mindestlohn zu sprechen, weil sie sonst nicht mehr wissen, womit sie in die nächsten dreißig Jahren ihren Wahlkampf bestreiten sollen. Sie können sich noch nicht von den Hartz-Gesetzen distanzieren, weil sie sonst eine Forderung der Linken erfüllen müssten. Sie können nicht aus Afghanistan raus, weil sie sonst aus Afghanistan raus wären, stimmt’s? Großartig. Sie wollen nicht ertrinken, deshalb saufen Sie den Teich leer.

Bevor dann gar nichts mehr geht, machen Sie lieber den psychologisch wichtigen Wechsel in Baden-Württemberg kaputt, richtig? Das nenne ich neuen Fortschritt. Zumindest ist das die neueste Definition von Fortschritt, die mir untergekommen ist. Alternativlosigkeit haben Sie hoffentlich auch berücksichtigt? und immer schön das gute, alte Wo-wir-sind-ist-Mitte-Klischee bedienen, ja? Immer feste auf die Grünen eindreschen, damit die Partei im Falle eines ungeplanten Wahlsieges sich in die ideologische Grätsche flüchten kann? Sie meinen auch, wer oft genug gegen die Wand gefahren ist, der weiß inzwischen, wo’s lang geht?

Machen Sie sich keine Sorgen, Westerwelle kündigt die Koalition mit der SPD in Hamburg nur an, damit er verhindern kann, dass die Sozialisten mit einem antikapitalistischen Reformprogramm Deutschland beim Abschaffen helfen. Sein Hauptziel ist Regierungsbeteiligung, um inhaltliche Fragen geht es der FDP ja eher selten.

Verraten Sie mir doch mal, was denn der neue Fortschritt sein soll. Wenn wir sowieso gerade von Demokratie reden, weshalb nicht ausnahmsweise auch mal von Partizipation? Die Befragung der Parteibasis konnte nicht durchgeführt werden – woran lag es diesmal? Ach, sie hatten auch nicht mehr die Zeit, die Bürgerinnen und Bürger? Sie waren immer gerade auf Arbeit? Sie hockten vor dem Fernseher und mussten sich die SPD-Hanseln in den Talkshows ansehen, die auch nichts besser wussten als ihre CDU-Kollegen? Sie waren zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich mit Ihnen zu beschäftigen, während Sie zu beschäftigt waren, um sich mit ihnen zu beschäftigen?

Nun mal raus mit der Sprache, was ist denn Ihr Patentrezept? Was machen Sie denn nun, was wir in dieses Programmpapier noch hineinlesen könnten? Selbstbeschwörung? Ja, das ist eine Möglichkeit. Damit ist die Sozialdemokratie schon immer sehr gut gefahren.“





Der Schein heiligt die Mittel

16 01 2011

Man sagt, Münchhausen habe sehr gelogen.
Er packte sich niemals am eignen Zopf
und hat sich nie aus einem Sumpf gezogen.
Und doch bleibt uns dies Bild allein im Kopf.

Wenn man uns heute Zahlenwerk vorgaukelt,
so stimmt dies minutiös und ist nie schlecht,
auch wenn man damit nur das Volk verschaukelt.
Sag selbst, Münchhausen: wird man Dir gerecht?

Man kann im Lügen wahr sein, wahrhaft lügend,
dem Vorwurf ausgesetzt sieht man sich schwerlich,
das Ausgedachte ineinander fügend.
Das Zahlenwerk mag wahr sein, doch nie ehrlich.





In fünf Zeilen um die Welt. Limericks (XXIV)

15 01 2011

Zwei Schwestern, sie sahn in Karuse
im Kaufhaus die lindgrüne Bluse,
und die, kleidsam, passend,
der anderen lassend:
„Nimm Du!“ „Nein!“ „Doch!“ „Nein!“ „Doch, nimm Du se!“

Am Fenster stand Stavros in Delta.
„Bald schneit’s“, sprach er, „stündlich wird’s kälter!“
Die Töchter, die rannten
hinaus, denn sie kannten
den Schnee nicht: „Wo ist er? Wann fällt er?“

Giuseppe, dem Maler aus Bari,
war morgens nicht nach Larifari.
Der Lärm war ihm bitter;
er öffnet das Gitter,
und fort flog Rosettas Kanari.

Herr Sigurdson, der fährt in Ölfus
mitsamt seinen Dackeln im Schnellbus.
Doch die Passagiere,
die störten die Tiere:
„Jetzt ist aber mit dem Gebell Schluss!“

Old Mulligan, Pächter in Frosses,
erzürnte sich ob eines Rosses.
Es störte den Alten,
das Tier konnt nichts halten.
Schon wieder! ein Jammer, da floss es.

Passanten in Brunn an der Wild,
die stoppt der Gendarm meist am Schild.
Zur Ausweiskontrolle
man rechts gehen solle,
befiehlt er – was rechtlich nicht gilt.

Ein flinker Hotelkoch in Pecq
schnitt Zwiebeln, Kartoffeln und Speck.
Er glitt ab beim fetten,
beim Speck – nicht zu retten.
Die Schürze, die ziert nun ein Fleck.





Gernulf Olzheimer kommentiert (LXXXVIII): Lebensmittelskandale

14 01 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

So ist er, der Herrscher der Schöpfung: faustisch auf der Suche nach den Grenzen der Welt. Sei es in der offenen Aussprache mit einem Türsteher, auf dem Abwärtsflug am Bungeeseil, im Experiment mit Gammastrahlung, der Mensch braucht nichts so sehr wie die Aussicht auf eine Frontaldelle. Er will das Sein ausleiern, seine Geschichte ist bisher ein Hirnschrottplatz der Schnapsideen – und doch lässt er nicht locker, sich immer wieder in die Enge zu treiben, um sich den kollektiven Garaus in solider Eigenbauweise zusammenzuklöppeln. Natürlich weist er die Schuld weit von sich, es ist ja nicht der Behämmerte, sondern seine Flugzeuge in Regress zu nehmen, wenn sie aus der Troposphäre kippen, böse ist der Anschnallgurt, wenn man ihn vergisst, und maßlose Erregung, gepaart mit erbärmlichem Mitleid, fordern Lebensmittelskandale.

Aber warum eigentlich regt sich der Dummbatz der postkapitalistischen Käfigselbsthaltung auf über Dioxin im Ei? Warum schwillt ihm der Hals, wenn das Schnitzel in der Pfanne verpufft? Was bringt ihn, den marktwirtschaftlichen Mampfer, zu derart apokalyptischem Gewinsel, wenn sich BSE, PCB und DDT in seinem Chateaubriand häuslich einrichten? Pfeift sich die Kuh das Zeug selbst rein oder liegt sie damit dem Bauern in den Ohren? Betteln Hühner um Salmonellen im Flüssigei? Will das Schwein nur mit Weichmacher zu Wurst werden? Oder war es am Ende doch nur der Lauf der Dinge, der Grenzwert, der nachzugeben hatte?

Wir ernähren uns komfortabel von Risiken und Nebenwirkungen, die intellektuell im embryonalen Status bleibenden G20-Fresser finden sich moralfrei mit dem Weltlauf ab: es muss billiger werden, weil der Kapitalismus als Religion der Steigerung es kategorisch fordert – es darf nur nicht für alle reichen. Solange noch keine Pestizidrüben auf dem Feld blinken und kein Mangold nachts im Kühlschrank brummt, fürchten wir nichts. Gut ein Drittel der Erdlinge wird nach multikausaler Rezeptur schneller als erforderlich zu Biomasse; wir begegnen der planetaren Katastrophe mit Raps für die SUVs der Renditekassierer und gefriergetrocknetem Auswurf auf der Retortenpizza im Discountersortiment.

Kein Mensch hat bei wachem Verstand bemerkt, dass die industrielle Lebensmittelproduktion sich seit Jahrzehnten im Sturzflug befindet. Der Markt – das, was in Wirklichkeit der Verbraucher ist, denn der entscheidet, was auf dem Markt Bestand hat – forderte sich wund nach billigem Futter, nach schneller Produktion, wohl wissend, dass bei der Trias billig, schnell und gut immer nur zwei über die Ziellinie dümpeln und eins elend verreckt. Glykolwein, Schweinepest, Kälberchemiemast, alles hat der Verbraucher mit typischer Entrüstung abgenickt und als Kollateralpickel am Arsch einer unhinterfragten Ökonomie geduldet, statt den Produzenten den Stuhl wegzuziehen. Der Bescheuerte hat sich nie über den Sinkflug der Preise gewundert, er staunte dauerweihnachtlich bekifft vor dem Warenangebot, sah Mehl und Butter und Öl und Zucker weniger und weniger kosten und kapierte nicht, dass die Spirale der Preisgewalt nur in der betriebswirtschaftlichen Theorie weiter gegen Null tendieren kann – das Milchmädchen hat sich verrechnet, als die Wirklichkeit kam.

Die Ansprüche steigen überall. Will der untere Mittelbau sein Frühstücksei aus dem Geflügel-KZ in der Tiefebene, so greint die selbsternannte Elite ohne Flugmango bereits den sozialen Abstieg herbei; hier scheißen sich ein paar Phasianidae ins marketingkonforme Frühableben und werden, ätschibätsch, als Kollagen in der hochpreisigen Leberpastete reinkarniert, die sich der Wohlständler in die Eintrittsöffnung des Verdauungskanals schwiemelt, dort klappen Rindios fürs Roastbeef den Regenwald um und sorgen mit lustigen Wirbelstürmen für den Untergang des Abendlandes in Technicolor, während der Pangasius auf Spinat langsam den Mekong versanden lässt.

Schuld ist nicht der böse Hühnerschrecker, dem eine auf Schnellverdeppung getrimmte Medien- und Lobbyistenblase die Verantwortung in die Schuhe schieben will. Schuld ist nicht eine bis dato lieb und gut agierende Alimentationsindustrie, die von kosmischer Strahlung getrieben urplötzlich am Rad dreht und dem ahnungslosen Konsumenten Separatorendreck hinters Zäpfchen zwängt. Schuld sind wir. Schuld ist der bis zum Marktextremismus degenerierte Genomzonk, der dümmstmögliche Fehlgriff der Evolution. Denn Fressen heißt nun mal Gefressenwerden – eine wahrhaft clevere Idee, ausgerechnet in einem Stoffkreislauf alles um sich herum zu verpesten und zu hoffen, dass die eigenen Brötchen vom Mars herübergebeamt werden. Wir bekommen die Quittung, so oder so, sei es kurzfristig als Einlagerung im eigenen Körperfett, mittelfristig als Lochfraß im Erbgut oder final als Untergang dieses Rotationsellipsoiden mitsamt dem Doofheitscluster, der Bier trinkt, schlechte Musik hört und Hunde bellen lässt. Bio ist nur behutsame Vergiftung, das Zeug ist eh im globalen Verkehr angekommen und nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Die Elite wird genauso abnippeln wie die armen Schlucker, die sich Eier für acht Cent wünschen und Filetsteak zum Preis von Torf. Sie werden an der Würgstoffkombination ersticken, sie sterben an der Gier, die uns immer schon an den Knochen genagt hat – die Lebensmittelskandale sind die Bankenkrise des kleinen Mannes, der Geiz geil fand, den Hals nie voll kriegte und sich daran schließlich verschlucken wird. Unser Mitleid wird sich in Grenzen halten, denn die Gierigen haben es nicht anders verdient, als selbst gefressen, verdaut, recycelt zu werden. Das System verstoffwechselt seine Kinder.





Rasiergummi

13 01 2011

„Klingt komisch. Sehr komisch sogar.“ „Was klingt komisch?“ „Dieser digitale Radiergummi, den die Landwirtschaftsministerin jetzt überall anpreist.“ „Sie preist ihn nicht an, sie preist ihn ein. Bei zehn Euro pro Monat.“ „Und das soll sich durchsetzen? Ich kann mir das nicht vorstellen.“ „Wichtig ist doch, dass Sie wissen: die tun etwas. Sie kümmern sich zwar um vollkommen nebensächliche Dinge, aber sie tun etwas. Und darauf kommt’s doch bei dieser Regierung an.“

„Ich kann mir aber nicht helfen, es klingt nicht gerade Vertrauen erweckend, wenn Aigner einen digitalen Radiergummi als Allheilmittel zum Datenschutz anpreist.“ „Soll es auch nicht sein. Zumindest nicht für Sie als Verbraucher. Die Botschaft ist doch, dass Sie erst dann aktiv werden, wenn Ihre kompromittierenden Bilder längst jeder gesehen hat. Sie haben nichts gelernt.“ „Sie meinen, jeder kann kompromittierende Bilder herunterladen und unverschlüsselt speichern?“ „Sie haben nichts gelernt, nicht aus Wikileaks, nicht aus Duisburg, als die katastrophale Planung der Loveparade auf dem Tisch lag und sich einmal freigesetzte Daten verbreiteten – man kann es nicht einfach wie einen Verkehrsstrom absperren, wie ein Datenstrom, es ist ein Insektenschwarm, der sich vermehrt und nicht zu greifen ist. Als wolle man mit einem Bagger einzelne Sandkörner aufheben.“ „Man besorgt sich die Daten, man hebt sie auf, das Verfallsdatum ist erreicht und man hat sie immer noch.“ „Richtig, und das ist ganz legal. Es geht doch nicht darum, den Schutz der Bürger vor Missbrauch zu regeln, das hat die Vorgängerregierung schon mit Verve versaubeutelt. Es geht darum, Datenschutz zu definieren – vordergründig. Transparenz. Die Weiterungen des Netzwerks und seine Grenzen. Denn wir haben uns über verpixelte Häuser und den Datenauskunftsbrief erregt, weil diese Ministerin es so wollte, aber wir haben keine Kritik gehört bei der Vorratsdatenspeicherung, keine Kritik beim E-Post-Brief, beim elektronischen Personalausweis, bei ELENA, keine Kritik bei Versicherungskarte und INDECT und SWIFT.“

„Es ist also die falsche Perspektive?“ „Diese Regierung schwafelt von Leitplanken auf einer Datenautobahn, sie wendet Eigentumsbegriffe der Kaiserzeit auf Digitalgüter an, sie versucht, ein Internet in nationalen Grenzen auf legaler Basis zu schaffen.“ „Dass sie es im Iran und in China gerne kritisiert, ist eine Sache, aber selbst dort klappt es nicht.“ „Weil das Denken dieser Internetausdrucker und Kugelschreiberverwender dem Fortschritt mit panischer Angst begegnet und die Konfrontation mit ihm vermeidet. Sie begegnen den Problemen von übermorgen mit Lösungen von vorgestern. Der Steinzeitmensch, der mit Steinen nach dem Mond schmeißt, weil er nachts nicht einschlafen kann. Eine lächerliche Vorstellung, aber auch eine beängstigende – wir werden von ihnen regiert. Und das ist nicht der Idealzustand.“

„Meinen Sie, dass wir überhaupt eine Chance haben?“ „Auf einen vernünftigen Umgang mit Daten?“ „Auf einen vernünftigen Umgang mit neuen technischen Möglichkeiten, das würde doch erst mal reichen.“ „Es wird an der Realitätsresistenz der politischen Klasse scheitern. Sie halten das Internet für einen Rundfunk, den man um 22:00 Uhr anschaltet, als wäre es ein Fernseher – wir haben längst Aufzeichnungsmöglichkeiten und zeitversetztes Senden, wir haben Video on demand und Live-Streams und Spartenkanäle, aber sie haben nicht begriffen, dass es das alles im Netz gibt und mehr, und doch wollen sie es unbedingt nach deutscher Ortszeit kontrollieren. Sie erfinden eine Art Bildverschlüsselung über den Server eines Rechte-Managements, wohl wissend, dass der die Daten ausspähen kann, die man über ein weiteres unnötiges Sicherheitsleck preisgibt. Sie predigen den gläsernen Bürger und empfehlen ihm, sich in die Obhut eines Staates zu begeben, der gerade dies verteufelt. Wie schizophren kann man sein!“ „Und doch ist dieser Radiergummi…“ „Nennen Sie es nicht einen Radiergummi, das ist eine Täuschung. Eine Illusion von Zensur. Eine Wunschvorstellung, das Internet auszuradieren. Darin herumzufummeln, damit man schnell vergisst, was sie für einen Murks unter sich gelassen haben. Sie wollen alle irgendwie etwas mit diesem ominösen Interdingsda machen, von dem sie nicht viel mehr begriffen haben, als dass es irgendwo da ist. Wenn es dieses Ding gäbe, es wäre längst in Gebrauch. Alle Politiker würden es am Wahlabend sofort einsetzen, damit sich niemand mehr erinnert, was sie einen ganzen Wahlkampf lang an Lügen heruntergeleiert haben.“ „Es ist also kein Radiergummi? Was dann?“ „Ein Rasiergummi. Der Bürger wird geschoren – es geht um Geld, um Lobbyismus und um Korruption. Marketing, nicht mehr. Marketing besteht darin, einen Bedarf künstlich zu erzeugen; etwa damit, dass man den Leuten irrationale Ängste einredet, sie mit der Vorstellung verwirrt, dass jetzt jeder in ihren Vorgarten starren kann – falsch, aber durchaus effektiv. Das Internet wird verteufelt, man trennt es von allem anderen ab und baut es zu einer Horrorvision auf, die man eindämmen, zensieren, abschalten muss, bevor sie die öffentliche Ordnung mit so schlimmen Dingen wie Transparenz oder Demokratie verseucht.“ „Und wie sieht die Lösung aus für das Problem?“ „Simsalabim, sie taucht plötzlich auf – zufällig eine, an der schon seit ein paar Jahren gearbeitet wird, zufällig hat man auch selbst die Firma im Wahlkreis sitzen oder hat, zufällig, Aktien gekauft.“ „Man verbindet das politisch Opportune mit der Freundschaftspflege.“ „Und es werden gerne Freundschaften gepflegt. Schröder, Wulff, Rürup, Riester für Maschmeyers Heißluftfonds, Rösler für die Impfstoffhersteller, Westerwelle für die DVAG, de Maizière für Kartenleser und Nacktscanner. So gold kann’s uns gar nicht gehen, dass wir nicht immer noch einen drohenden Weltuntergang in Reserve haben, dem man mit einem alternativlosen Superprodukt gerade noch entrinnen könnte.“ „Und dafür brauchen wir die Aigner?“ „Eine Landwirtschaftsministerin hat sich nun mal darum zu kümmern, dass den Schweinen der Stallgeruch behagt.“





Zucker für die Affen

12 01 2011

Zwei Tag lang hüstelte ich. Zwei Tage lang konnte ich vor Husten nicht einschlafen. Dann beschwerte sich die Nachbarin über meine Erkältung, und ich wusste, dass ich einem Arztbesuch langfristig nicht würde ausweichen können; schließlich wohnt sie seit Jahren schon im Erdgeschoss, und zwar im Nebenhaus.

Die Praxis war ungewöhnlich voll. Nicht nur die älteren Herrschaften mit Knochenreißen und Gicht, auch das zahlungskräftige jüngere Publikum aus den Privatkassen war zur Vorstellung erschienen. „Das klingt wie ein recht normaler Reizhusten“, konstatierte Doktor Klengel. „Sie hatten einen ganz herkömmlichen grippalen Infekt, eine knappe Woche Halsweh und Schnupfen, vielleicht etwas Fieber, möglicherweise auch Heiserkeit und leichte Kopfschmerzen, und Sie haben die Heizung aufgedreht. Dadurch sind Ihre Atemwege trocken und gereizt, und jetzt husten Sie eben.“ „Es ist wegen der Nachbarn“, bat ich den Hausarzt, „sie leiden unter der Leichtbauweise dieser Häuser – wenn ich abends im Bett einen Krimi lese, müssen sie hinterher Ohrstöpsel gegen das Herklopfen nehmen.“ Klengel wiegte den Kopf. „Ich würde Ihnen Tee verordnen, vielleicht eine dünne Suppe vor dem Einschlafen, oder auch Zwiebelsud mit Kandis. Wenn diese Regierung so weitermacht, werden Zwiebeln vermutlich bald rezeptpflichtig.“ Er blätterte in seinem Almanach. „So eine richtige Bombe mag ich Ihnen nicht geben – den Tussolini lässt sich meist nur unser Amtsarzt zwischen den Entziehungskuren verschrieben, der wurde früher auch gerne von Schlagersängern und Filmstars geschluckt – aber das hier könnte etwas für Sie sein. Bronchiflux forte, Spitzwegerich und Eibisch, ein neues Präparat. Wenn Sie mir mal die kleine grüne Flasche vom Regal herunterreichen mögen?“

Die Packung stand auf dem obersten Bord, ich musste mich recken. Fast hatte ich den Hustensaft in der Hand, da streifte ich das Tablett mit einigen Dutzend Schälchen, die auf mich draufkippten und unter Geräuschentwicklung zu Boden fielen. Kleine weiße Kügelchen sprangen umher. Ich war entsetzt Klengel lief schamrot an. „Das müssen Sie doch verstehen“, stammelte er. „Das dürfen Sie jetzt nicht in den falschen Hals bekommen, das ist alles gar nicht so, wie es aussieht.“ „Das hatte ich mir gedacht“, antwortete ich lakonisch und schnippte mir eine der Milchzuckerperlen vom Ärmel. „Das ist alles ganz anders.“ Die Tür öffnete sich einen Spalt. Fräulein Dickmann schon den Kopf hinein und zischte: „Achtung! Die Schmedecke, sie sagt wieder, es sei ein Notfall! Sie ist in zehn Sekunden hier!“ Die Tür schloss sich; Klengel packte mich an der Schulter. „Hinter den Paravent“, entschied er.

„Das war ja alles ganz wunderbar“, jubelte Frau Schmedecke und knipste erregt ihre Handtasche auf und zu. „Dies Ziehen in der Schulter ist seitdem fast verschwunden, und die Schwindelanfälle sind seit über einer Woche gar nicht mehr aufgetreten. Und was der Hans, also mein Mann ist, dem sein Ischias ist ja auch so viel besser geworden, der spürt den schon gar nicht mehr – Hans, sage ich gestern Vormittag zu ihm, Hans, wenn Du die Pillen immer ordentlich einnimmst, dann hast Du auch bald nicht mehr diese Last mit den Nieren und…“ „Schön“, unterbrach Doktor Klengel ihren Redefluss. „Sehr schön, nur hatte ich Ihnen das Präparat ja vor allem wegen Ihrer allgemeinen Abgespanntheit verordnet. Haben Sie denn seitdem irgendwelche Änderungen festgestellt?“ Frau Schmedecke holte gewaltig aus und zählte einiges auf, von den fettigen Haaren bis zum langsam nachlassenden Hautausschlag in der Steißregion. Ich fühlte meine Hinterpartie ebenfalls kaum noch, zusammengekrümmt zwischen einem Rollschränkchen und einer Klappliege. „Gut, dann nehmen Sie diese hier regelmäßig alle zwei Stunden ein.“ „Auch nachts?“ Klengel nickte entschieden, wie ich durch einen Spalt in der Spanischen Wand sah. „Auch nachts. Bis die Dose leer ist. Danach sollte Ihre Müdigkeit auch weg sein.“

„Ich glaube es einfach nicht!“ Fassungslos hielt ich dem Medizinmann ein Tütchen mit Globuli unter die Nase. „Klengel, Sie sind ja mit der Muffe gebufft! Das kann doch alles nicht wahr sein!“ Er stützte seinen Kopf in die Hände. „Sie haben ja Recht“, murmelte er. „Das hat mir die Höppelmann eingebrockt.“ „Doktor Friedegund Höppelmann-Reisberger?“ Da hörte sich doch nun alles auf. Die Frau kurierte mit Heilsteinen und Ohrkerzen, blies Pflanzenasche in den Wind und verschrieb Dörrobst gegen Bandscheibenschäden. „Sie hat doch in den Weihnachtsferien meine Praxis übernommen. Ich hatte keine Ahnung, dass sie diesen Alternativkram macht – aber sehen Sie es sich an, das Wartezimmer ist voll. Und es kommen auch die Bionadetrinker mit dem Volvo-Kombi, die Homöopathie gegen ihre eingebildeten psychosomatischen Wehwehchen wollen. Also gebe ich es ihnen. Zucker für die Affen. Milchzucker, um genau zu sein.“ „Aber Sie verstehen doch gar nichts von Homöopathie?“

Klengel stand wortlos von seinem Stuhl auf und zog die unterste Schublade des Schranks heraus. Ein Karton stand darin, bis oben gefüllt mit kleinen Tütchen. „Globuli“, stellte er fest. „Dreitausend mal fünfzehn Globuli. Milchzucker. Keine Hundehaare und kein Nieswurz. Reiner Milchzucker. Wenn schon Placebo, dann richtig.“ Er schob die Lade mit einem Ruck wieder zu und kehrte zu seinem Stuhl zurück. „Die Homöopathie ist ein Bombengeschäft für Idioten, die lieber Schüßler-Salze, Bach-Blüten und Schlangenöl nehmen, als das Gehirn zum Denken zu verwenden. Es ist auf eigene Rechnung, auf eigene Gefahr und meist auf gut Glück. Aber was soll’s, sie verlangen danach.“ Er seufzte tief befriedigt auf. „Seit die Höppelmann-Reisberger mir diese ganzen Spinner in die Praxis geschleppt hat, steigen die Heilerfolge stetig an.“ „Und was war mit der Diagnose für die Schmedecke?“ Klengel grinste. „Vierzig Globuli im Abstand von je zwei Stunden, so lange hält keiner durch. Sie wird irgendwann so kaputt sein, dass sie ins Bett fällt und einfach wegpennt. Und dann sollten sich auch ihre Schlafstörungen erledigt haben. Man muss dies homöopathische Zeugs eben nur richtig anwenden.“