Alte Liebe

14 02 2011

„Sandwich-Boden“, informierte die Verkäuferin. „Mit der Arretierfunktion können Sie auch dosiert abgießen, und dann haben wir auch den Fleischtopf mit 24 Zentimetern Durchmesser.“ Herr Breschke guckte mich Hilfe suchend an. „Doktor Klengel sagt aber, sie soll mehr Gemüse machen.“ Warum nur musste ich ausgerechnet dann mein Küchengarn besorgen, als er die Haushaltsabteilung betrat? Und warum ausgerechnet für ein Geschenk? Und warum ausgerechnet eins zum Valentinstag?

Offensichtlich wurde ich gerade Zeuge eines Selbstmordversuchs mit tätiger Unterstützung. Herr Breschke begutachtete Kochtöpfe, vollverkapselt, mattstahlblinkend, weltraumtauglich. Mit einer seltsamen Mischung aus ängstlicher Zurückhaltung und nüchternem Pragmatismus fingerte er an den verschweißten Handgriffen und drehte die Behälter um, als wolle er sich vergewissern, dass kein Loch im Boden lauert. Ein stolzer Preis für etwas Blech.

Der pensionierte Finanzbeamte war nicht davon abzubringen. „So ein Topfset ist doch wenigstens haltbar. Da hat man doch etwas fürs Leben!“ „Sehr richtig“, sprang ihm die Kaufhauskraft bei, doch ich schnitt ihr einfach das Wort ab. „Breschke, jetzt nehmen Sie doch Vernunft an! Was schenken Sie ihr dann nächstes Jahr – neue Wohnzimmergardinen vielleicht?“ Er konnte sich nicht entscheiden; zwar war ihm die Angelegenheit selbst nicht geheuer, aber die Dame lockte. „Wenn Sie bitte mal den Pressomat-Profil-Druckboden anschauen möchten“, schwafelte sie weiter, „diese energieflussoptimierte Schichtbauweise besteht aus mehreren Lagen von Leichtmetall, die mit mehr als tausend Tonnen Druck…“ Erschrocken riss Breschke die Augen auf. „Tausend Tonnen“, stammelte er. „Also wir sollen ja nur leichte Kost. Sagt Doktor Klengel.“ „Ach was“, warf ich ein, „sie hat doch keine Ahnung. Reiner Unfug.“ Sofort giftete die Topffrau zurück. „Ich verbitte mir diese Einmischung! Schließlich verkaufe ich dies Set mehrmals am Tag!“ Ich runzelte die Stirn. „Glauben Sie ihr kein Wort, Herr Breschke. Druck misst man in Pascal, nicht in Tonnen. Da fängt’s doch an.“ Er schaute hin und her. „Hier, die Topfwand! Die ist dünner und wird nicht so schnell heiß, dadurch tropft Garflüssigkeit wieder in den Topf zurück!“ „Und verwässert dann natürlich sofort die Suppe.“ „Der Deckel, wenn Sie mal schauen wollen…“ „Und noch was, Breschke: Sie wollen Ihrer Frau doch wohl zum Valentinstag kein Topfset schenken. Ich bitte Sie!“ „Aber sie steht den ganzen Tag in der Küche – außerdem sagt sie selbst, dass wir mal einen neuen Milchtopf bräuchten, der Henkel vom alten ist schon nicht mehr ganz fest.“ Es reichte mir. Ich packte ihn am Arm und zog den Widerstrebenden zur Rolltreppe. „Sie rennen in Ihr Unglück, Breschke. Ihre Frau drückt Ihnen die Scheidung rein. Auch wenn Sie ihren Namen in diese dämlichen Pötte gravieren lassen.“ „Aber wir sind seit 45 Jahren verheiratet“, protestierte der Alte. „Eben“, entgegnete ich.

Horst Breschke stapfte wie ein Schuljunge durch das Erdgeschoss des Warenhauses. Mit hochrotem Kopf und eingezogenen Schultern schlängelte er sich durch die Gänge, jeden Moment bereit zum Ausbruch. „Und links“, kommandierte ich. Wir hielten vor einer aufwändig geschminkten Schaufensterpuppe. „Darf ich Ihnen helfen“, fragte die Puppe hinter Grundierung, Schmierfilm und Rouge, „oder wollen Sie erst einmal nur schauen?“ „Es soll nämlich für meine Frau sein“, stammelte der valentinsgeplagte Gatte. Die Parfümerette gab ein nachsichtiges Lächeln von sich. „Eine Flasche Kölnisch Wasser, sehr gerne. Bei der Größe sparen Sie auch mehr als…“ „Nichts da“, wimmelte ich sie ab. „Die Dame muss noch keinen Leichengeruch überdecken. Zeigen Sie uns mal ein paar Düfte für die anspruchsvolle Genießerin.“ Breschke zupfte mich am Ärmel. „Fragen Sie sie doch lieber nach etwas für meine Frau.“ Dreizehn Pröbchen später – Lavendel, Zedernöl und sehr viel Maiglöckchen – waren wir bei L’Incroyable angelangt. Breschke zuckte zurück. „Das geht schon in Ordnung“, beruhigte ich die Verkäuferin. „Zu dem Preis hätten wir ja gerade einmal ein halbes Topfset bekommen.“

Ein silbrig glitzerndes Tütchen verlegen in den Fingern drehend verließ Breschke das Kaufhaus und machte Anstalten, den Heimweg anzutreten. „Haben Sie nicht noch etwas vergessen?“ Er lief rot an. „Hören Sie mal“, jammerte er, „was wollen Sie denn noch? Meine Frau wird jetzt schon nicht mehr wissen, was Sie davon halten soll!“ Ich blieb ungerührt. „Was hätte sie gesagt, wenn Sie tatsächlich mit Töpfen angekommen wären?“ Er musste nicht lange überlegen. „Sie sagt dann, ich soll mich nicht so in Unkosten stürzen.“ „Und wann haben Sie ihr zuletzt Blumen geschenkt?“ „Das war letztes Jahr im – nein, gar nicht wahr, da kam ja unsere Tochter aus Spanien zurück, das muss im Sommer, oder war es doch schon im…“ Breschke grübelte. Ich bugsierte ihn über die Straße zum Floristen. „Denken Sie daran, was Sie schon alles im Vergleich zu den Töpfen gespart haben. Da sind doch zwei Dutzend Rosen drin, oder?“

Hildegard war nachhaltig verwirrt, als sie die Küche betrat. „Dass Breschke Dir eine Flasche Champagner schickt, mag ja sein. Aber heute? Und dann hatte er auch noch so ein entrücktes Lächeln im Gesicht.“ Ich schmunzelte. „Das ist doch ausgesprochen geschmackvoll, oder?“ Sie zog eine Augenbraue hoch. „Geschmackvoll? Ich sage Dir, der Valentinstag ist entlarvend. Den meisten Männern fällt sowieso nicht mehr ein, als Blumen und Parfüm zu schenken.“


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4 responses

14 02 2011
Doktor Peh

Da ist er wieder, der Floy-Ropp-Tag, jene feste Institution, die den niederländischen Wassergärtnern Millionen in die Kassen spült. Für Schnittgemüse, das keine Woche später jede Biotonne verstopft und so den Müllmännern Zusatzschichten verschafft. Jener Tag, an dem Juweliere juwilieren ob der Umsätze, die den Sommerurlaub auf den Seychellen in greifbare wie auch greifkreditige Nähe rücken lassen. Jener Tag, von Männern gehasst, von Frauen ersehnt, um endlich wieder einen Streit vom Zaune brechen zu können und sich den Frust von der Seele zu laden, ohne krampfhaft nach einem Grund zu suchen. Jener Tag der kommerzialisierten Liebe, der dafür sorgt, dass Zuhälterei in einem Atemzug mit Anlageberatung genannt werden darf. Die Parfumindustrie tut ihr Übriges dazu, damit auch derjenige bedacht wird, der vor all dem Konsumterror versucht, seine Augen und Ohren zu verschließen.

14 02 2011
bee

Man muss aber neidlos anerkennen, dass die Pralinen-und-Schnittblumen-Branche PR-technisch in Bereiche vorstößt, die Wahlkampfmanager haltlos schluchzend zurücklässt. Wenn man mit dieser Durchschlagskraft, mit religiös-romantisch verbrämten Konsumappellen auf niedermolekularer Ebene im Gefolge des Iss-Popcorn-trink-Cola-Bombardements die Synapsen in eine Festverschaltung überführen könnte, dann ist Huxleys Plan einer Konditionierung im Schlaf (und was sonst wäre das Werbeumfeld in Glotze und Springerschmadder) den Sozial- und Politikknetern aus den schwitzigen Fingern geschwuppt, weil die Wirtschaft mal wieder schneller war. Und das ist ja so neu auch wieder nicht.

14 02 2011
Doktor Peh

Politik und Wirtschaft, ist das nicht sowieso dasselbe?

14 02 2011
bee

Ein kluger Text, gerade wenn man sieht, wie unsere postdemokratischen Parteienmachtblöcke sich kaum um die ethischen Grundlagen scheren, was objektiv als Gemeinsinn bezeichnet werden darf, sondern nur noch um den Verwaltungsapparat – Adorno war erschreckend klarsichtig, in seiner Dialektik die Auslöschung des Einzelnen durch die instrumentelle Vernunft so zu beschreiben. Gleichzeitig spielen wir als Marionetten das sorglose Leben in einer ritualisierten Quasi-Bourgeoisie nach, die solche Handlungskonstrukte wie Schnittblumenkauf aus Drittweltländern zum Token erklären, doppelt perfide übrigens, da uns zugleich erklärt wird, wir bräuchten diese Eintrittskarten zum Konsumismus, denn wer nicht mitspielt, ist schon Feind. Deutschlands Hindukusch wird längst in den ARGEn verteidigt, christlichjüdisch, aber kalt. Das Empowerment, die Freisetzung des Bürgers, dient eben doch nur, ihn auszupowern. Aber er darf sich wenigstens sein Riester-Krankenversicherungs-Paket selbst besorgen. Noch, denn auch das wird enden.

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