Der Untergang

23 02 2011

„Und hatten Sie schon eine Vorstellung, wie das heißen soll?“ „Nicht wirklich. Der Gedanke der Erwartung sollte natürlich schon im Vordergrund stehen. Oder dass wir darin den Sinn des Lebens begreifen. Und natürlich die Bedrohung. Und dass es irgendwie alles mal anders wird, unvorstellbar anders. Verstehen Sie?“ „Eine Religion, die auf einem zukünftigen Terroranschlag beruht? Nein, das verstehe ich nicht.“

„Sehen Sie, in vielen bisherigen Religionen gab es doch schon Geschichten von Zerstörung und Wiederaufbau, von Weltuntergang und Erneuerung. Warum soll sich ein Terroranschlag nicht auch für eine Religion eignen?“ „Das ist doch unsinnig, wie stellen Sie sich das überhaupt vor? Wollen Sie jetzt Gottesdienste abhalten und von irgendeiner Bombe erzählen, von der Sie noch einmal wissen, ob es sie überhaupt gibt?“ „Halten Sie das nicht für eine ganz exzellente Idee? Ich jedenfalls kann mir gar nichts Besseres vorstellen. Es ist so angenehm sagenhaft.“ „Ach hören Sie doch auf! Alles nur Gewäsch!“ „Das wirft man dem Bundesinnenminister auch vor, aber er behauptet, dass die nationale Sicherheit davon abhinge.“ „Sie meinen also, dass der Terror, den uns der Innenminister androht…“ „Ankündigt – dass er selbst damit droht, ist Ihre Interpretation. Wobei sicher auch die ihren besonderen Reiz haben dürfte, das muss ich schon zugeben.“

„Könnten Sie sich mit Kirche der Angst anfreunden?“ „Mann, ich bin doch nicht Schlingensief!“ „Aber irgendwas müssen Sie doch aufs Türschild schreiben, und wenn es Deutsch-depressiver Religionsersatz wäre. Übrigens eine nette Abkürzung, das.“ „Nein, wir fühlen uns dem kapitalistischen Westen verpflichtet. Da weiß man wenigstens, dass es sich um ein dialektisch ausgeklügeltes Konzept von Wirklichkeit handelt, das gar nicht funktionieren kann.“ „Und Sie wollen trotzdem keine Katastrophe oder eine Naturgewalt in Ihre…“ „Naturgewalt? Bloß nicht! Das ist doch viel zu berechenbar, da zieht man eben nach Bad Münstereifel, wenn man nicht vom Tsunami erwischt werden will, und einen Vulkanausbruch werden Sie hier nicht ernsthaft in Erwägung ziehen, oder?“ „Aber denken Sie doch mal an die klassischen Darstellungen der Endzeit: es treten Blitz und Donner auf, Geschwüre und Seuchen…“ „Glaube ich nicht. Das ist doch alles viel zu exakt beschrieben.“

„Wenn ich als Sektenbeauftragter Ihre Gruppe einmal einordnen dürfte, dann sehe ich es richtig, dass Sie sich als ein messianischer Endzeitglaube verstehen, richtig?“ „Vollkommen korrekt. Wir sind davon überzeugt, dass es die Bestimmung der Menschheit ist, als Opfer in jenem Terroranschlag, gepriesen sei sein Name, er erscheine in dieser Welt und führe uns in die andere, alle zu sterben.“ „Das klingt jetzt nicht gerade spektakulär, hätten Sie auch noch ein paar Jenseitsversionen zu bieten?“ „Das wird kompliziert. Unsere zuständige Kommission besteht aus drei Katholiken, einen Protestanten, einem Parsen, zwei Juden, einer davon orthodox, drei Muslimen und einem Buddhisten, der vorher ausgiebige Erfahrungen mit Shintō und Totemismus gesammelt hat. Man ist heute breit aufgestellt, falls es Presseanfragen gibt.“ „Haben Sie vielleicht eine Art Gründungsmythos oder Dokumente wie die Lehren Buddhas oder die Aussprüche des Großen Vorsitzenden?“ „Wir haben den 11. September, das reicht doch. Das ist eine Pop-Ikone. Das hat wirklich Marketing-Qualitäten!“ „Und wenn ich jetzt einfach mal fragen dürfte, was Ihr ganzer Zirkus soll? Was das für eine Vortäuschung an Sinn?“ „Erlauben Sie mal, wollen Sie unsere Bundesregierung kritisieren? Das geht ja gar nicht – Sie denken wohl, wir seien Selbstmordattentäter? Dabei wählt hier gar keiner CDU.“

„Wenn man das systematisch betrachtet, geht es Ihnen vielleicht eher um die Wartezeit, bis der Terroranschlag alles auslöscht?“ „Auch, aber da ist doch noch ein entscheidendes Element. Etwas Rituelles. Was würden Sie denken, wenn in einer Zeremonie ein merkwürdig gewandeter Mensch irgendwelche Grunzlaute ausstieße und wirre Beschuldigungen gegen jemanden hervorbrächte, von dem Sie nicht einmal wissen, ob er lebt?“ „Wahrscheinlich würde ich denken, dass der Typ ganz dringend zum Psychiater muss.“ „Damit haben Sie den Bundesinnenminister schon recht gut beschrieben. Und Sie würden auch nicht daran zweifeln, dass er sein gesichertes Faktenwissen aus absolut sicheren Quellen hat?“ „Entschuldigen Sie mal, das muss man doch jetzt einfach mal glauben!“ „Glauben, ja. Ich würde Ihnen empfehlen, bei Gelegenheit einen Kardinal nach Beweisen für die Unbefleckte Empfängnis zu fragen.“

„Sie unterhalten eine weltlich ausgerichtete Religion, die ihren Glaubensinhalt aus einem nicht näher definierten Terroranschlag zieht. Dazu haben Sie eine ungenau ausgearbeitete Vorstellung von Weltuntergang, gar keine vom Jenseits, einen Klerus haben Sie auch keinen?“ „Beim BKA haben wir schon angefragt, aber wir zahlen denen wohl zu wenig.“ „Und das alles mit einer Praxis, die darin besteht, sich durch Sicherheitsschleusen und Straßensperren zu bewegen?“ „Na, sagen wir mal: ja, das trifft’s. Hauptsache, dass wir in der Wartezeit auf eine Anleitung zur säkularen Demut stoßen.“ „Gut, ich will mal nicht so sein, ich genehmige Ihnen das Ding. Zur Probe. Auf ein Jahr. Wann wäre dann Ihr religiöses Hauptfest?“ „Wenn alles gut läuft: dieses Jahr zum Weihnachtsmarkt.“