Emanzipiertes Programm

24 02 2011

Siebels stöhnte. „Was soll ich aus dem Ding bloß machen.“ Der TV-Produzent starrte verzweifelt in seine Papiere, ein Bild des Jammers, verzagt und vollkommen mutlos. Und er hatte allen Grund, sich die Haare zu raufen. Herlinde Grüb-Polterstein hatte zugeschlagen, die Frauenbeauftragte der Programmkommission.

„Wie soll ich eine gute Zuschauerquote kriegen, wenn diese alte Hexe mir jeden noch so seichten Unterhaltungsfilm kaputtquarkt?“ Er grub sein Gesicht in die Hände und ächzte leise. „Wir haben mit Müh und Not Rosen der Liebe auf die Reihe gekriegt!“ Ich grinste. „Diese grauenhafte Schmonzette? Entsetzlich, ich hätte fast die Glotze aus dem Fenster geschmissen!“ „Also haben Sie es gesehen“, konstatierte Siebels, „und darauf kommt es an. Das wissen Sie genau.“ Wieder blätterte er unschlüssig in seinem Skript. „Aber dann haben sie uns Traumhotel unter Kokospalmen im letzten Augenblick torpediert.“ „Weil Sie das ganze Team in die Karibik schleifen wollten für einen Film, der zu 95 Prozent aus Innenaufnahmen besteht.“ Er runzelte die Stirn. „Das ist doch nicht entscheidend – die Grüb-Polterstein wollte nicht, dass wir einen Klischeefilm über die Hotelbranche machen, in dem die weibliche Hauptrolle eine Hotelerbin ist, die sich in einen einheimischen Taxifahrer verliebt und mit ihm eine Pension am Rand der Slums aufmacht.“ „Dabei wäre das doch eine großartige sozialkritische Arbeit geworden“, sinniert ich. „Durchaus“, bestätigte Siebels. „Aber die Hoteltante wird im zweiten Teil des Films Hausfrau und Mutter, und das auch noch freiwillig, während ihr angeheirateter Vetter aus Bad Münster am Stein-Ebernburg das Hotel übernimmt.“ „Die Poltersteinsche wollte nicht, dass das traditionelle Frauenbild überbetont wird?“ Er nickte und schob mir den Papierstapel über den Tisch.

Eine Liebe fürs Leben – meine Güte, wer hat sich diesen Staubfänger ausgedacht?“ „Kommt aus der Redaktion“, antwortete Siebels wortkarg, „soll von einem sehr bekannten Autor sein.“ Ich blätterte und las. Und ich staunte. „Sandra, die Tochter aus dem Akademikerhaushalt, heiratet den Franzl vom Land.“ Der Fernsehpapst knirschte mit den Zähnen. „Gleich hier hat die Alte mir das Drehbuch zerfleddert“, schimpfte er, „angeblich ein klischeehafter Stadt-Land-Konflikt, das sei völlig unrealistisch, so viel Mobilität gebe es gar nicht, das sei nur ein Wunschtraum, damit man die neoliberale Schichtentrennungspropaganda nicht so stark spüre – ach, was rege ich mich auf…“ „Da bricht Franzls Vater, der Sägewerksbesitzer, mit einem Herzinfarkt zusammen. Der Sohn muss den Betrieb übernehmen, und so ziehen beide ins Glutschlertal nach Obergschwurbl.“ „Blöd fand sie das, der hätte nie den Job als Unternehmensberater für ein Sägewerk an den Nagel gehängt.“ „Es läuft gut an, sie leben sich im Dörfchen ein, da ziehen dunkle Wolken auf: Franzl deckt einen Schmuggel auf, denn in den hohlen Baumstämmen findet er Falschgeld.“ „Wieder nichts als der übliche Krimikram, sagt die Polterdings.“ „Heimlich legt er sich auf die Lauer und…“ „Schluss jetzt!“ Siebels schlug mit der Faust auf den Tisch, dass der leere Kaffeebecher einen Satz machte. „Ich kann diesen ganzen Mist nicht mehr hören!“

Ich blickte aus dem Fenster über die Dächer der Stadt. „Was soll man da noch machen? Was soll man auf diese Haltung antworten?“ Der bekannte Medienmacher legte die Stirn in tiefe Furchen. Herlinde Grüb-Polterstein, Quoten-Gutmenschin, Gender-Betroffene und Produktionsbremse der Sendeanstalt, hatte sich redliche Mühe gegeben, das Abendfilmchen zu zerhacken. „Sie hat doch allen Ernstes die Verfilmung vom Stechlin für nicht politisch korrekt gehalten, weil die Darsteller alle so merkwürdige Namen haben“, wimmerte er. „Die Frau ist doch nicht ganz dicht!“ Und er verbarg wieder sein Gesicht in den Armen.

Da hatte ich plötzlich eine Idee. „Siebels“, sagte ich atemlos, „geben Sie mir doch noch mal das Skript. Ich weiß, was wir machen.“ Dann zückte ich den Bleistift. „Eine Liebe fürs Leben, das lassen wir, und dann legen wir mal los.“ Siebels guckte mich erwartungsvoll an. „Sandro, Sohn aus dem Akademikerhaushalt, heiratet die Franzi vom Land.“ Seine Miene heiterte sich innerhalb von Sekunden spürbar auf; er grinste von einem Ohr zum anderen und rieb sich schadenfroh die Hände. „Da bricht Franzis Vater, der Sägewerksbesitzer, mit einem Herzinfarkt zusammen. Die Tochter muss den Betrieb übernehmen, und so ziehen beide ins Glutschlertal nach Obergschwurbl. Es läuft gut an, sie leben sich im Dörfchen ein, da ziehen dunkle Wolken auf: Franzi deckt einen Schmuggel auf, denn in den hohlen Baumstämmen findet sie Falschgeld. Es ist die Bande von Bürgermeister Xaver Gröllpiesler, die heimlich Dollars aus dem Stausee in Sankt Kathrein holt. Sie verfolgt die Bösewichte – mit dem Geländewagen durch die Glutschlerschlucht und auf den Gschwurblkogl hinauf bis nach Glump am Kraxlbachfall, dann wird sie von Gröllpiesler und den seinen gestellt. Ein wilder Kampf, und endlich kommt auch Sandro, der Göttergatte, der nur fragen wollte, ob er für den Abend Gemüsegratin kochen dürfe. Gemeinsamer Kampf auf Leben und Tod, Gröllpiesler fällt in den Wasserfall und ertrinkt, Franzi wird seine Nachfolgerin.“ Siebels klatschte in die Hände. „Großartig! Toll! Sie wird es uns abkaufen!“ Er grinste diabolisch. „Und das Tollste daran: so eine gequirlte Scheiße hat noch nie jemand so leicht an einem Verantwortlichen vorbeibekommen!“


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2 responses

24 02 2011
Doktor Peh

Warum mal nicht was ganz Schräges machen? Sowas in der Art wie „Vom Herd ins Parlament – 7fache Mutter wird Ministerin“ oder „Als Pfarrerstochter hätte ich mir nie träumen lassen, dass mich der französische Präsident küsst“? Oder eine Bischöfin in eine Alkoholkontrolle kommen lassen? Sie wissen ja, Messweinmissbrauch. Oder eine Geschichte vom hässlichen Entlein, das irgendwann ein wunderhüb…nein? Gut, kein Schwan, aber vielleicht Landwirtschaftsministerin? Das ist so abstrus, das glaubt niemand. Das geht als Fiction bestimmt durch.

24 02 2011
bee

Psssst… es gibt da in Berlin ein Wurmloch ins Paralleluniversum. Lauter merkwürdiges Zeug, läuft mühsam aufrecht und ahmt teilweise auch humanoide Verhaltensweisen nach wie Promovieren oder Steuern senken. Sie sind schwierig, man muss sie einzeln jagen. Und wenn man sie loswerden will, sollte man den Sarg besser verlöten.

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