Biowahn

1 03 2011

„Vorsicht, Mann! Sie stehen im Weg!“ Der Arbeiter im grauweißen Gummimantel stieß keuchend den Stahlcontainer mit den Eierpaletten vor sich her. Der Behälter verschwand in der großen Maschine an der Längswand. Bruno Bücklers Schnurrbart zuckte bedenklich, als der Apparat knirschend anlief und mit Getöse Kartons mit Eiern auf das Laufband entließ. „Da können Sie mal sehen“, strahlte der Mann, „das nenne ich total beschissen!“

Ausgerechnet Bruno, leidenschaftlicher Koch und Küchenchef in seinem eigenen Landgasthof, ausgerechnet der, den die respektvoll Fürst Bückler nennen, musste mit ansehen, wie diese Maschine Hühnereier aus der Legebatterie mit weit gehend identischen Dreckspritzern versah und als Bioware kartonierte. „Wie echt“, strahlte der Maschinenführer. „Und jetzt viel billiger als vorher, da haben wir die Hühnerscheiße noch mit dem Pinsel…“ „Dimpfler, stehen Sie hier nicht im Weg herum!“ Der Ingenieur war ganz plötzlich auf uns zugekommen. „Schlörmann, ich bin hier der Chef. Kann ich Ihnen behilflich sein?“ „Was macht denn diese Maschine so“, wollte ich wissen. „Zehn Eier pro Sekunde“, führte er aus, „also 750 pro Minute, 50.000 in der Stunde. Und das Tollste: sie kann auch braune Eier!“

Nebenan kippten zwei kräftige Burschen Obst in einen großen Trichter. „Unsere Apfelmaschine“, informierte Schlörmann uns. „Wir geben den Früchten ein sortentypisches Aussehen durch die Behandlung mit naturbelassenem Leitungswasser, Warmluft und mechanischen Wirkeinflüssen.“ Bruno stutzte. „Was bitte darf ich mir unter einem mechanischen Wirkeinfluss vorstellen?“ Ratternd begann das Ding die Äpfel durcheinander zu schmeißen. „Wie Sie sehen, bekommen die Schalen natürliche Schrammen und Druckstellen – keine Einwirkungen von Metall oder Kunststoff, nur die natürliche Umgebung! Der Verbraucher bevorzugt leichtes Vorgammeln, wenn die Haut schon etwas zuckrig ist durch austretenden Saft.“ Bruno runzelte die Stirn. „Das ist doch alles ein Beschiss am Kunden!“ Schlörmann lächelte. „Nein, das müssen Sie verwechseln. Beschiss ist an den Eiern.“

Offensichtlich funktionierten die Geräte schräg gegenüber auf dieselbe Art; ein großer Korb reifer Bananen wurde herangeschleift. „Dann hauen Sie hier folglich Bananen zu Brei“, murrte Bruno. Unser Führer schüttelte entschieden den Kopf. „Das würden wir bei unseren Kunden nie los. Bedenken Sie, dass es sich um das Premium-Segment handelt, die kaufen nicht einfach irgendetwas – das muss schon gewissen Qualitätsansprüchen genügen, denn eine Banane ist erst durch braune Druckstellen so richtig…“ Ich tippe ihn auf die Schulter und zeigte auf den Bottich, der keine zehn Meter von uns entfernt darauf wartete, aus der Halle geschoben zu werden. „Was“, fragte ich, „soll das darstellen? Hat sich ein Alligator als Bananenhaufen verkleidet?“ Schlörmann errötete. „Kommen Sie mal ganz unauffällig mit.“

Halle 23 lag abgeschirmt vom Lärm der Fabrik. Stählerne Kästen säumten die Wände, kaltes Licht leuchtete bis in die letzten Winkel des gekachelten Raums. „Das sind unsere neuen Produkte. Sie dürfen keinem Menschen etwas verraten, hören Sie? Keinem!“ Nervös blickte er um sich, als sei er schon von Feinden umgeben. Bruno ächzte leise. „Wenn ich das gewusst hätte“, wisperte er mir leise zu. „Hansi bringt mich aber auch immer in solchen Schlamassel!“ Dabei hatte es sein Bruder bestimmt gut gemeint und nur den besten Lieferanten für Biowaren herausgesucht. Bruno grollte. „Biowahn, genau! Die bio-logen schon immer, die Biologen!“

Schlörmann zog die Klappe auf. „Dies ist unser Bananenprojekt K-23, pre-shrunk, unter Gas mehr als drei Monate lagerfähig. Beste Produkteigenschaften, wir haben damit ein Niveau erreicht, das man sonst nirgends findet.“ Bruno guckte ungläubig auf die Schlauchfrüchte. „Die sind ja mindestens ein halbes Jahr alt“, stieß er hervor. Doch Schlörmann widersprach. „Diesen Zustand erreichen wir innerhalb von drei Tagen. Alles eine ausgeklügelte Technik, Luftfeuchtigkeit, Säuren, Hitze. Aber dafür können Sie die Dinger auch drei Jahre lang in den Kühlschrank packen, die verändern sich nicht. Kein Stück!“ Ich griff nach dem Hülsenobst – tatsächlich, es fühlte sich trocken und fest an, gleichwohl es wie verfault aussah. Kalt lief es mir den Rücken herunter. „Und wofür stellen Sie das alles her?“ „Nun“, druckste Schlörmann herum, „Sie erinnern sich an Ihre Studententage? Man hat seine eigene Bude, und dann kommen die Eltern überraschend zu Besuch, um die Küche zu inspizieren.“ Mit Schwung riss er die nächste Klappe auf. Vergammelte Pfirsiche lagerten dort, grünlich schimmernde Wurst, ein Klumpen Graubrot. „Wenigstens muss man sich keine Sorgen machen, dass das Haltbarkeitsdatum übersprungen wird“, sagte Bruno trocken.

Der Inhalt der Kühlkammern war durchaus gut sortiert: reines Rinderhack, Gürkchen, Tomaten und Zwiebeln, Brötchen, vorgebratene Kartoffelstücke sowie diverse Saucenreste, die langsam vor sich hintrockneten. „Das dürfte für einen mittelgroßen Kühlschrank wohl ausreichen“, spottete ich. Doch Bruno blieb skeptisch. „Diese Zusammenstellung“, argwöhnte er, „das erinnert mich an etwas, und Sie wissen das genau. Raus mit der Sprache – sind Sie schuld an diesen versteinerten Hamburgern?“ Schlörmann wand sich. „Wie gesagt: verraten Sie mich nicht! Das Mumifizieren von Nahrungsmitteln mag ungewöhnlich sein, aber bedenken Sie, was wir da an Konservierungsmitteln sparen!“