Biografie: Ein Spiel

2 03 2011

„Hm. ‚Er war ein fauler, aufsässiger Rotzlöffel, unbegabt, arrogant, verlogen, großkotzig und bei allen unbeliebt.‘ Was machen wir denn da? So kann das doch nicht stehen bleiben.“ „Lassen Sie mal sehen. Schlage vor: ‚Abseits vom Gymnasium lebte der junge Karl-Theodor seinen wahren Charakter aus.‘“ „Brillant, mein Lieber, brillant! Teufel auch, wenn wir bloß früher auf so einen Ghostwriter wie Sie gekommen wären!“

„Sie hatten da so einen Ferienjob erwähnt?“ „Ja, hier steht: ‚Er war in einem Zeitungsverlag für zwei Wochen als Praktikant untergebracht.‘“ „Gut, das hätten wir gleich. Wie wär’s damit: ‚Schon zwei Wochen nach seinem ersten Tag in der Hauptstadt-Redaktion wurde er zu einem allseits geschätzten, bewunderten Mitarbeiter der Welt.‘“ „Aber er war doch niemals dort angestellt.“ „Und? Hat das einer behauptet?“ „Aber wo es doch ein Schülerpraktikum…“ „Papperlapapp! Weiter!“ „Das mit dem Klinikum.“ „Da war er noch nicht volljährig? Noch besser: ‚Schon frühzeitig sah der junge Guttenberg die Bestimmung als Aufsichtsrat des Klinik-Konzerns und regte erste Verhandlungen an.‘ So ungefähr?“ „Hm, dann müsste man aber irgendwie noch sagen, dass sie die Klinken gekauft haben, bevor er dort…“ „Jetzt reden Sie nicht herum, was steht da?“ „Da steht: ‚Obwohl von jeder Sachkenntnis ungetrübt, übte er auf dem Papier einen Aufsichtsratsposten aus, war also am operativen Geschäft nie beteiligt.‘“ „Dann sagen wir doch: ‚Er durfte mit teilnehmen an einem Gang, den die Familie mit begleitet hat – und zwar federführend mit begleitet hat – eines großen Konzerns, der an die Börse geführt wurde und der ein MDax-Unternehmen wurde.‘“ „Das hört sich wunderbar an! Ich bin entzückt!“

„Steht da etwas über seine Studien?“ „Da steht: ‚Er beendete seine universitäre Karriere mit dem Ersten Staatsexamen auf einer miserablen Note.‘“ „Das ist natürlich Interpretationssache. Schauen Sie mal, wie viele Deutsche wissen überhaupt, was so ein Staatsexamen ist und wie viele es davon gibt? Und wenn Sie befriedigend hören, ist das nicht auch schon toll? Na?“ „Also bitte?“ „Wir sagen: ‚Seine universitäre Laufbahn beschloss das Staatsexamen, das er mühelos mit einer tief befriedigenden Note bestand.‘ Und jetzt beweisen Sie mir das Gegenteil!“ „Langsam werden Sie mir unheimlich.“

„Dann dies Intermezzo. Die Wirtschaft, verstehen Sie?“ „Ach, wie er in seiner kleinen Klitsche das Familienvermögen verwaltet hat? Ja, das hatte ich noch auf dem Schirm. Lassen Sie mich mal überlegen: ‚Vor dem Eintritt in die Politik arbeitete er in der freien Wirtschaft, er war dort tätig – die Von Guttenberg GmbH ist ein Name von einigem Renommee – und hat Verantwortung im eigenen Familienunternehmen getragen.‘“ „Aber diese Firma, dieser Baustoffhändler, der hat doch nichts mit denen zu tun. Die sind ja noch nicht einmal miteinander verwandt!“ „Steht das da? Wird das mit einem Wort behauptet?“ „Das nicht, aber…“ „Überhaupt, mit einem dahergelaufenen Bürgerlichen verwandt – wenn die das behaupten sollten, dann werden wir denen aber die Justiz auf den Hals hetzen!“ „Das sagt doch keiner, im Gegenteil: die streiten das doch sogar ab!“ „Na, um so besser.“

„Aber weiter. ‚Als Wirtschaftsminister sprach er sich alleine gegen die Opel-Rettung aus, er ging der US-Regierung unsäglich auf die Nerven und wurde schließlich hochkant rausgeworfen.‘“ „Großartige Vorlage! ‚Schon früh erkannte die US-Regierung den wahren Charakter Guttenbergs – er, der Querdenker, änderte schließlich seine Meinung komplett, so dass alle anderen ihm zustimmen mussten.‘ Na, ist das gut?“ „Prima, und dann gleich der Wechsel ins Verteidigungsministerium.“ „Da würde ich mal vorschlagen: ‚Er war nur kurz im Amt, doch er durfte bereits an der Entlassung vieler großer Bundeswehrangehöriger teilnehmen.‘ Oder klingt das zu offensichtlich?“ „Was machen wir mit den toten Soldaten?“ „Hm, ich würde sagen: ‚Er zeigte sich stets aufs Neue wieder routiniert betroffen.‘“ „Einverstanden, das ist gut!“

„Aber dann diese Vorfälle im Ministeramt, da bräuchten wir eine gute Sprachregelung. Was machen wir denn da?“ „Was liegt an?“ „Die Affäre von Kundus.“ „Warten Sie mal. So: ‚Auch nach dem tödlichen Luftangriff war Guttenberg irgendwann informiert oder nicht informiert und wusste genau oder nicht Bescheid über die Sachlage oder das Gegenteil oder gar nicht.‘“ „Das klingt aber komisch.“ „Entspricht aber unserer Wahrheit.“ „Und wenn wir jetzt die Gorch Fock…“ „Da sage ich: ‚In äußerster Entschlossenheit entschloss sich der Minister in treuer Zusammenarbeit mit den wichtigsten Informationskanälen, entschlossen den nächsten zu entlassen, der verantwortlich aussah.‘“ „Hm. Etwas dick, finden Sie nicht?“ „Wir müssen auch ein bisschen Rücksicht nehmen, manche Journalisten mögen das Gerede gar nicht.“

„Ähm, da ist noch… Sie wissen schon…“ „Raus mit der Sprache!“ „Die Briefe.“ „Welche Briefe?“ „Die Feldpost aus Afghanistan.“ „Ach so. Hm. Also: ‚Aus einer menschlichen Regung heraus ließ der Minister die private Kommunikation seiner Soldatinnen und Soldaten analysieren.‘“ „Aber ich bitte Sie, das ist doch nun echt…“ „Ich bin doch noch gar nicht fertig! ‚Die so gewonnenen Erkenntnisse schweißten ihn noch enger mit der Truppe in Not und Tod zusammen.‘“ „À propos, Kerner. Was machen wir damit?“ „Was steht da?“ „Da steht: ‚Zusammen mit seiner völlig überflüssigen Gattin besuchte er Afghanistan und zog auf Kosten des Steuerzahlers eine elende Tränendrüsenshow unter Beteiligung der TV-Schwurbelgurke Johannes B. Kerner ab.‘ Was machen wir daraus?“ „Gut, das geht so: ‚Zur Weihnachtszeit zeigten er und seine Gattin, die geborene Gräfin von Bismarck-Schönhausen, ein Herz für die tapferen Krieger in der Wüste, und gaben ihnen einen Lichtblick durch die…‘“ „Jetzt wird’s langsam messianisch, bremsen Sie sich!“ „‚… Anwesenheit im Militärlager, dessen karge und heroische Anmutung sie in lebendigen Bildern von großer Wirksamkeit in die deutschen Wohnzimmer brachten.‘ Zufrieden?“ „Na, geht so.“

„Dann hätten wir jetzt ja noch ein Thema: diese Dissertation.“ „Da steht nichts.“ „Ah, verstehe. Das Staatsexamen war derart beschissen, dass die Uni ihn gar nicht hätte…“ „Reißen Sie sich am Riemen, Mann! Sie sind hier als Sprachrohr eingestellt!“ „Schon gut. Was haben wir noch auf dem Zettel? War’s das jetzt?“ „Da. Lesen Sie.“ „Aha. Und Sie wollen das wirklich übersetzen lassen?“ „Ich bitte darum.“ „Na dann: ‚Schließlich beendete er seine politische Karriere so, wie er sie bisher geführt hatte: als ein erbärmlicher Waschlappen, der sich beim leisesten Lüftchen wegduckt, nicht, ohne allen Beteiligten noch einmal ordentlich vors Knie zu treten und zwei für Deutschland gefallenen Soldaten ins Grab zu spucken. Er war ein korrupter Nichtsnutz, ein unbegabter Schauspieler, ein in den besten Momenten drittklassiger Rhetoriker und ein ehrloses Kameradenschwein, das zur Befriedigung seines lächerlichen Standesdünkels über Leichen ging und sein Vaterland vorsätzlich und nachhaltig beschädigte.‘ Gut so?“