Supermarketing

8 03 2011

07:48 – Kaum hat Karlheinz D. (43), der Leiter der örtlichen Supi-Filiale, seinen Laden aufgesperrt, da fällt sein Blick auf die gegenüberliegenden Straßenseite. Quer über die Fassade der Kaufdas-Niederlassung spannt sich ein Transparent mit roten Lettern: „Obst und Gemüse – frisch und gesund!“ Karsten F. (50) drapiert Kohlrabi und Äpfel in der Auslage. D. knirscht zornerfüllt mit den Zähnen. Diese billige Provokation lässt er sich nicht bieten.

08:02 – Während sein Stellvertreter Rudi T. (48) ihm die Leiter hält, hängt D. das eilig mit Filzstiften aus dem Sonderangebot gemalte Spruchband „Vitaminreicher Genuss mit Obst und Gemüse!“ über den Supi-Eingang. Karsten F. erbleicht. Dieser Doppelschlag lässt ihn in den Grundfesten seiner Macht erzittern. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf.

08:21 – Ein kurzes, aber heftiges Brainstorming der Kaufdas-Mitarbeiter bringt das für alle überraschende Ergebnis: es ist nicht unmöglich, den Gegner mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. „Fleischlos!“ verkündet der Pappaufsteller an der Fassade. Mehrere Passanten zucken irritiert die Augenbrauen über die angebotenen Äpfel.

08:27 – Hart schlägt die vegetarische Offensive dem Supi-Personal ins Gesicht. Mit allem hätte man gerechnet, nur nicht mit der perfiden Kraft des Faktischen. Rudi F. und Kassiererin Claudia Sch. (25) nippen verzweifelt an ihrem Automatenkaffee – mit einem Jubelschrei springt Sch. auf, kritzelt „Koffeinfrei!“ auf die Rückseite eines ausgedienten Aufstellers und schiebt eine Stiege Sellerie auf den Gehweg. Die Attacke des Feindes scheint abgewehrt.

08:42 – Kaufdas zögert nicht. Die Ausweitung der Kampfzone ist ohnehin nur eine Frage der Zeit, also ergreift Karsten F. mutig die Gelegenheit. Die Pyramide aus Eierkartons wird von einem überdimensionalen „Zuckerfrei!“ gekrönt.

08:50 – Auch die Supi-Filiale verfügt über die fragilen Hühnerprodukte, weshalb Claudia Sch. mit ihren Kolleginnen Sabrina P. (29) und Heike M. (56) den kompletten Vorrat in den Eingangsbereich verlasten. Erregte Diskussionen über Produktfeatures und Kundennutzen begleiten die Gewaltaktion, Filialleiter D. beendet den Disput mit einem Machtwort und einer zweckentfremdeten Tafel vom Imbissstand: „Von echten Hühnern!“ Seine beherzte Tat lässt die Untergebenen sprachlos zurück. Die Kunden ebenso.

09:17 – Kurzfristig kommt der Geschäftsbetrieb bei Kaufdas zum Erliegen. Azubi Ole J. (19) verbarrikadiert versehentlich den Eingang mit einem Rollcontainer voller Frühblüher – Primeln, Alpenveilchen und Buschwindröschen – da er das bereits fertig positionierte Schild „Fettfrei!“ nicht gelesen hat. Erregte Proteste von der anderen Straßenseite lassen in Chef Karsten F. jedoch den Entschluss reifen, den Zufallstreffer zu einer neuen Strategie auszubauen.

09:33 – Bahnbrechende Originalität kann man dem Supi-Team nicht vorwerfen, dennoch langt eine Palette voller Gartenerde im Zehn-Liter-Gebinde, um das Plakat „Alkoholfrei!“ zu rechtfertigen. Beide Seiten richten sich auf einen langen, erbitterten Stellungskrieg ein.

09:40 – Es wäre nicht Kaufdas, zöge die Belegschaft nicht an einem Strang: Azubi J. und Lagerist Chris W. (34) stemmen eine Ladung Kondensmilch in Weißblechdosen in die Nische zwischen Schiebetür und Käsetheke. „Beste Qualität!“ verkündet der dreieinhalb Quadratmeter große Papphänger über dem Großgebinde. Durch einen Zufall hängen die beiden Angestellten das Schild seitenverkehrt auf. Die Büchsenmilch lagert nun unter dem Hinweis: „Dermatologisch getestet!“ Diskussionen mit langjährigen Kundinnen geht Filialboss F. aus dem Weg.

10:07 – Die Aufrüstung über das Maß der konventionellen Mittel hinaus war nur noch eine Frage der Zeit; Supi-Strategin Melinda H. (39), hauptberuflich im Fleischereifachverkauf, nagelt resolut neunzöllige Stahlstifte in den Balken über der nun nicht mehr verschließbaren Tür, um sie mit grober Landleberwurst zu behängen. Passanten sehen der energischen Frau entgeistert zu, wie sie vor ihren Augen ein Bettlaken mit „Ohne Zusatz von Holzspänen!“ beschriftet und neben den Würsten in den jungen Frühlingsmorgen hängt.

10:16 – Das Kaufdas-Geschäft wird von ohrenbetäubendem Kreischen erfüllt. Insgesamt fünfzig Bürostühle, denen wegen eines Produktionsfehlers die Gumminoppen an dem Füßen fehlen, schrammen über den Bodenbelag. Der rote Pfeil, der auf jeder Stuhllehne prangt, deutet auf den Vorteil des Möbelstücks hin: „Grundwasserschonend!“ Karsten F. ist erschöpft, aber zufrieden. Jetzt kann sich alles wenden.

10:22 – Alles könnte sich wenden, doch auch Supi schläft nicht. Statt des Spirituosenregals füllen dutzendweise Korbständer mit Tütensuppen die Ost-West-Passage durch den Laden. Ein Störaufkleber auf dem Boden verkündet die klare Botschaft an den Kunden: „Keine versteckten Zusatzkosten!“ Der Erfolg ist mäßig.

10:40 – Rechtsanwältin Tanja O. (37) verschafft sich Gehör bei Kaufdas. Ob es Karsten F. passt oder nicht, die Juristin macht dem Filialleiter unmissverständlich klar, dass ein einziger Apfel mit Wurm ausreicht, um das Produktmerkmal der Fleischlosigkeit hinfällig werden zu lassen. Die Kollegen räumen das Obst ab. Sie ahnen, wer ihnen das eingebrockt hat. Sie sinnen auf Rache. Dieser Krieg wird schmutzig.

11:23 – Verstörte Supi-Kunden irren durch die Gänge. Der Hinweis „Ohne künstliche Aromastoffe!“ oberhalb eines Spaghetti-Kartons lässt sich nicht kommunizieren. Die Verbraucher weichen auf Kochbeutelreis aus.

11:37 – Keiner bemerkt Tim A. (28), der mit Cordhut, falschem Bart und dicker Sonnenbrille den Kaufdas durch den Hintereingang verlässt, um unauffällig in den Laden der Konkurrenz zu schlendern. Mit einem einzigen Handgriff hat er seine hinterlistige Tat begangen. Zur Tarnung erwirbt A. bei Supi noch eine Packung Gebissreiniger, die er bar bezahlt und nach dem Verlassen des Geschäftes sofort in einen Papierkorb wirft. Siegessicher ballt er die Faust. Filialleiter F. tupft sich den Schweiß von der Stirn.

11:54 – Ein längeres Kolloquium war der letzten Ausschilderung vorangegangen; während Karlheinz D. die Formschönheit des Produktes betont wissen wollte, legte Aushilfe Jenny E. (22) auf die Größe besonderen Wert. Die Supi-Kräfte einigen sich schließlich auf „Naturidentische Form!“ und geben der Tiefkühlpizza eine neue Chance, sich in der Verbraucher-Awareness zu etablieren.

12:00 – High Noon bei Kaufdas! Schon wieder muss O. die wettbewerbsrechtliche Front begradigen, da der Mitbewerber gegenüber ihnen die illuminierte Reklame „Aus 100% Wasser!“ streitig macht. Eine improvisierte Befragung der Kunden ergibt, dass dies als eine ganz normale Eigenschaft angesehen wird, die das Vertrauen in eine ordnungsgemäße Erzeugung stärkt. Die Käufer sagen einheitlich aus, sie würden andere Tomaten gar nicht mehr kaufen.

12:25 – Sabrina P. setzt auf Trading-up. Die Eier-Pyramide scheint ihr für Supi nicht mehr recht geeignet, sie erweitert die Schalendinger zur politisch korrekten Ware und beschreibt die Hinweistafel mit: „Ohne Kinderarbeit hergestellt!“ Es scheint, als sei biologische Kriegführung eine nicht auszuschließende Option.

12:34 – Kaufdas eröffnet den nun folgenden Schlagabtausch mit Walnüssen und „Biologisch abbaubar!“, von Supi mit Bananen und „In biologisch abbaubarer Packung!“ nur müde gekontert. Doch die Kontrahenten gönnen sich keine Atempause, auf „Im Einklang mit der Natur verpackt!“ (Zwiebeln im Kunststoffnetz, Kaufdas), folgt „Im Beisein einer Bezugsperson verpackt!“ (Magerquark, Supi), bevor sich die Fronten erneut verhärten.

12:48 – Triumphgeheul trifft auf Wutgeschrei. Tanja O. reibt Karlheinz D. eine strafbewehrte Unterlassungserklärung unter die Nase. Das Supi-Sortiment weist Tafelsalz als „Chemisch rein!“ aus, was es nachweislich nicht ist – die ruchlose Tat von Tim A., ein unauffälliges Schild am Regal des Mitbewerbers zu montieren, hat gefruchtet. D. tobt und kündigt den totalen Krieg an.

13:10 – Im Kaufdas knallen die Korken. Billiger Sekt, gespendet von Chris W. aus einem speziellen Depot in den hinteren Ecken des Lagers, lockert die Denkleitungen des Personals – waghalsige Werbeideen entstehen, während die Hemmschwelle rapide sinkt. Eine sehr gefährliche Kombination, die mit Wellness-Wäscheklammern und der Haarbürste für den Single-Haushalt die ersten Erfolge zu feiern versucht. Seit einer Stunde ist in keinem der Geschäfte ein Kunde zu sehen.

13:33 – Säckeweise kippt das Supi-Personal Kartoffeln in die mit Plastikfolie ausgekleideten Drahtkörbe. Der heilige Zorn über die erlittene Schmach schweißt die Belegschaft in der Anstrengung zusammen. Mit vereinten Kräften hieven sie ein von Lichterketten umschlungenes Riesenschild „Individuell geformt!“ an die Ladendecke. Es blinkt. Ab und zu bleiben Fußgänger stehen. Ein Lokalreporter verwechselt den Discounter mit einer Kunstgalerie und befragt die sichtlich verlegene Einzelhandelskauffrau Gina Ö. (31) nach ihrem persönlichen Verhältnis zu Beuys. Ö. gibt an, mehrere nette Jungs zu kennen, macht aber keine weitergehenden Angaben über ihre Pläne, durch individuelle Spiritualität und Mitverantwortung das Verhältnis von Mensch und Kartoffel neu zu definieren.

13:49 – Natürlich ahmt Kaufdas den Kartoffel-Clou sofort nach, wenngleich die Auszeichnung „Limitierte Sonderauflage! Einzelstücke!“ trotz der Untermalung mit Drehorgelklängen nur eine billige Kopie bleibt.

13:57 – Trommelfeuer! Claudia Sch. schmeißt wahllos Damen- und Herrensocken in einen mit Papierstreifen dekorierten Waschkorb und klebt den Zettel „Im Anwesenheit eines Bischofs sortiert!“ daran. Längst ist jede Vorstellung von Moral aus der Supi-Armee verschwunden.

13:59 – Ein Werk von Sekunden ist es, dass Ole J. das kippelnde Regal mit Feinstrumpfhosen quer in den Gang mit Gebäck und Süßwaren zerrt. Ein Hinweis „Vom Papst gesegnet!“ krönt seine kühne Tat. Kaufdas kann es schaffen.

14:04 – Erschöpft, aber im steten Bewusstsein, dass in der Erfüllung der Pflicht das Heil liegt, schaufelt Heike M. Margarinepäckchen auf eine mit Alufolie verkleidete Europalette. Wird Supi noch zu retten sein? Keiner weiß es, und inbrünstig streift ihr Blick das verknitterte, in aller Eile mit Klebebuchstaben improvisierte Schildchen: „Ganz im Sinne des Dalai Lama produziert!“

14:45 – Zwischen beiden Geschäften entladen sich längst die entnervenden Salven einer schier endlosen Materialschlacht. Mit letzter Kraft schleudert Kaufdas H-Milch im Karton auf den Gegner („Kühe wurden keinen Erdstrahlen ausgesetzt!“), doch Supi antwortet mit einem Ausfall auf abgepackten Eisbergsalat („Unter strengsten Datenschutzvorkehrungen gewaschen!“). Das Verdun des Detailhandels scheint vollends in die Sackgasse geraten zu sein.

15:02 – Karlheinz D. fällt als erster; der ranghöchste Supi-Kämpfer nestelt an einer blütenweißen Papierserviette, um die Waffenstillstandsverhandlungen einzuleiten. Ein Blick der Truppe zu Melinda H. genügt, und die stämmige Frau greift zu ihren Wurstwaren. Mit einer ganzen Lyoner (Handelsklasse I) streckt sie den Oberbefehlshaber nieder und verstaut ihn im Kühlraum. Wie zum Hohn baumelt die Wurst in der Vitrine: „Hergestellt in Brandenburg gemäß der Speziellen Relativitätstheorie!“

15:17 – Azubi Ole J. und Lagerist Chris W. haben es begriffen: der Krieg ist die höchste Steigerung menschlicher Leistung. Im Angesicht völliger Verderbnis, lallend und geschunden, schmeißen sie ohne Rücksicht auf Verluste Honig und Konfitüren in einen Bottich, überstrahlt von der Aufschrift: „Nicht im Widerspruch zum Grundgesetz!“ Längst befinden sich auch die Kaufdas-Söldner in Trance. Es gibt kein Entkommen mehr. Der Krieg ist zu Ende. Es gibt keinen Sieger.

15:28 – Unterdessen hat sich Karlheinz D. mit Hilfe seines Taschenmessers aus dem Supi-Kühlraum befreit. Sein ganzes Wesen schreit nach Vergeltung, auch wenn es möglicherweise seine letzte Handlung sein sollte.

16:03 – Während im Hauptquartier der Kaufdas-Generalität noch vereinzelte Stimmen zu hören sind, die über die kognitiven Dissonanzen zwischen Produkt (Kunststoff-Wäscheleine, 25 Meter, farbig sortiert) und Reklame („Für die schlanke Linie!“) diskutieren, schleicht sich Supi-Filialist D. hinter den Frischbacktresen, manipuliert mit einigen gezielten Griffen den Ofen und geht in Deckung.

16:04 – Nach wenigen Sekunden schwillt das sonore Summen knapp oberhalb der Hörschwelle bedrohlich an, doch da ist es auch schon zu spät: der überhitzte Backofen birst und speit spitze Stichflammen. Das mit Pappplakaten komplett verstopfte Ladenlokal brennt binnen weniger Augenblicke lichterloh. Schwarze Wolken quellen gen Himmel. Beim Eintreffen der Feuerwehr bemerken Schaulustige, wie Karlheinz D. mit rußverschmiertem Gesicht nach einer Schachtel Gebissreiniger in einem öffentlichen Papierkorb fischt. „Porentief ungezuckert“, stammelt er und lässt sich widerstandslos wegführen. So endet ein Tag in einer Kleinstadt, in der die Menschen einfach nur in Ruhe ein paar Einkäufe erledigen wollten.


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