Gernulf Olzheimer kommentiert (XCVI): Leben im Standby-Modus

11 03 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Was den niederen Lebewesen – Kammerlinge, Haplosporidia, Investmentbanker – eignet, ist ihre rein auf Fressen und Vermehrung ausgerichtete, mithin im Lichte des Individuellen geradezu vernachlässigbare Existenz. Erst mit dem Schlaf, schließlich mit der Muße dringt jene metaphysische Gabe in das Dasein ein, die sich in der Betrachtung der Lotosblüte vollendet zum reinen Sein, zur Sphäre der Freiheit von allem Niederen, das kaut, rülpst, verstoffwechselt oder sich in der Glotze reinzieht, wie ein paar Knalltüten in aufgemotzten Blechbüchsen unter brüllendem Lärm im Kreis fahren, um sich hinterher mit drittklassigem Sekt zu besprenkeln. Das Symbol der Weisheit ist nicht ohne Grund die Schildkröte, die weiß, wie kann das Leben in aller Ruhe an sich vorbeiziehen lassen, denn sie wird noch hier sein, wenn der Rest der Rampenturner sich bereits der friedvollen Ruhe der Biomasse angepasst haben werden. Wie anders der geschäftige, der hysterische Mensch, der sich aus freien Stücken in den Standby.Modus begibt.

Vor dem Erfolg kommt die Vorbereitung, mit gewissenhafter Hand legt der Schütze den Bolzen in die Armbrust oder schmiert Wachs auf den Ski, bevor er zu Tal brettert und sich die Gräten bricht – das Leben, zumal der bunte Haufen humanoider Talentdetonation, ist kein Instant-Ponyhof. Doch ist der Jetztzeitler selten an qualitativ hochwertiger Arbeit interessiert, er lässt sich seine Werke lieber eine Stufe billiger in die Gegend klatschen, legt höchstens bei Organtransplantationen noch sein Augenmerk auf eine gewisse Güte der Ausführung und ist ansonsten zufrieden, die Domestiken durch die Gegend scheuchen zu können. In permanenter Anspannung wünscht sich der Fürst den Untertanen, bereit zum Sprung, bis zum Knie in der Adrenalinsuppe. Die natürliche Regenerationsphase darf er sich gerne vorstellen, doch sie ist wie der Trojanische Krieg: sie hat stattgefunden, aber es mangelt an einem Beweis dafür. Der Arbeitnehmer hat sich längst daran gewöhnt, dass er wie durch ein unsichtbares Seil verbunden ist mit der Firma.

Das Seil ist die Nabelschnur, die andererseits den Homo oeconomicus auch wieder aussaugt, ihn zu allen Nachtzeiten mit Stromstößen hochpeitscht, die Kugelkette, die ihn in die Erde zurückdrückt, wenn er seine Freiheit auszuleben beginnt, und sein Marionettenfaden, der ihm ins Bewusstsein ruft, für wen er sich abzappelt. Kein Wachzeitrhythmus, keine dem Kalkül sich unterwerfende Größe und erst recht kein gesunder Menschenverstand lassen den Bekloppten zur Besinnung kommen, dass er seiner eigenen Beseitigung beiwohnt; vermutlich ist er selbst inzwischen von der Zwangshandlung so angefixt, dass er zum Junkie der Arbeitswelt wird.

Er wird es nicht ohne Folgen. Unbeugsam wie Margarine wehrt er sich zunächst vor dem Dasein im Standby, stets per Fernbedienung anknipsbar, dabei einen bescheuert hohen Umsatz an Energie in die Gegend verpuffend, der sich nicht rechnet und nicht lohnt, doch irgendwann wird er weich und fängt an, Anrufbeantworter und Mailbox, Faxgerät und Briefkasten automatisch zu kontrollieren. Der Serotoninpegel kippelt, wenn nicht regelmäßig die Fußfessel seinen Bereitschaftsgrad testet, und bald schon hängt der seidene Faden der Selbstachtung an der Schlagader des Smartphones, das kalt wie der Rest des Anorganischen auf dem Nachttisch liegt, während sich der Blödmann fröhliche Hirnkirmes aus paranoiden Puzzleteilchen schwiemelt: Bin ich schon gefeuert? Komme ich mit mehr als zehn Sekunden sozialer Isolation überhaupt klar? Wird sich für mich noch jemand interessieren, wenn der Akku nach 36 Stunden plötzlich schlappmacht?

Die globalisierte Arbeitswelt nimmt derweil den Fetisch permanenter Abrufbarkeit hin wie ein Naturgesetz. Noch eine Generation, dann werden die Unternehmensberater ihren bildungsfreien Kunden die Mär von der genetischen Verwurzelung des Standby vorbeten und Karoshi zum Normalfall erklären. Sie werden es ihnen per SMS mitteilen.

Schon greift der Wichtigkeitswahn ins Private über, der Beknackte wähnt sich im Seitenaus, wenn er nicht einmal täglich gegruschelt, gestupst oder in den Gluteus gekickt wird. Erst der drahtlose Käfig scheint ihm pures Gold, in dem er seine beschissene Existenz zu führen vermag, und sein Schicksal ist besiegelt, wenn er erst verlernt hat, sich ohne künstliche Ablenkung auf Nahrungsaufnahme, Schlaf und Reproduktion zu konzentrieren – längst ist der Inkarnationsfreestyler dazu übergegangen, den Wert seiner täglichen Verrichtungen höher zu hängen als die eigentlichen Inhalte des Seins. Per Statusupdate wirft er dem genervtem Genpool vor, dass er sein Bäuerchen gemacht hat, weil er auf Reaktionen hofft. Immerhin hat er ein paar Süchtige mit Mobilmethadon versorgt, und sie werden sich nicht an den Bahndamm legen müssen, um alle drei Minuten vom Dezibelschwall in die Realität katapultiert zu werden.

Die Welt bräuchte eine Schocktherapie, einen globalen Ausfall aller Kommunikationskanäle, der die Menschheit wieder auf sich selbst zurückwerfen könnte. Aber sie würden es doch nicht merken. Die E-Mail, die es ihnen sagte, keiner läse sie.