Schwatzarbeit

16 03 2011

Robbi glotzte. Den linken Ellenbogen hatte er immer noch angewinkelt, mit leicht eingeknickter Hüfte stand er zwischen Stuhl und Steuerpult. Doktor Hufbringer gab ihm einen kleinen Klaps auf den Hinterkopf. „Er macht mir heute Sorgen. Aber wissen Sie, jedes Mal gleich den Kopf abschrauben, das ist auf die Dauer zu kompliziert. Schließlich ist er ein Prototyp und wird noch verbessert.“

Die beiden Assistentinnen luden Ersatzteile aus einer großen Kiste. Eine von ihnen trug sie zum Regal im Nebenraum. Ich grinste. „Dass man mit dem Kopf unter dem Arm zur Arbeit kommt, ist ja nichts Neues. Aber mit zwei Köpfen unter dem Arm bei der Arbeit, das ist sogar für Sie ungewöhnlich.“ Hufbringer nickte. „Wir bauen unsere Roboter rein modular, das macht sie preiswerter, wartungs- und bedienungsfreundlicher. Unser Robbi wird mit dem nötigsten Zubehör ausgeliefert, der Kunde kann ihn dann ganz auf seine persönlichen Bedürfnisse programmieren.“ Damit zog er eine Lade aus dem großen Arbeitstisch. Ein grandioser Anblick, hier lagerten die Köpfe der politischen Oberklasse Deutschlands – bedauerlicherweise nur in Gestalt von Gummimasken. „Schauen Sie sich das an“, erläuterte Hufbringer, nahm eine Ministervisage aus dem Schubfach und reichte sie mir. „Diese beiden Stöpsel werden in der Stirn verankert“, konstatierte ich, „was nur logisch ist. Die meisten Politiker dürften da eine Macke haben.“ Er lächelte und krempelte den Minister auf Links. „Außerdem ist man es ja gewohnt, dass sie ihr Gesicht verlieren.“

Robbi straffte sich. Er knirschte ein bisschen im Rücken; offenbar bekam ihm die kriecherisch gebückte Haltung besser als der aufrechte Gang. „Es gibt drei Tendenzen“, keifte er, „denen wir Liberale…“ „Momentchen, gleich haben wir’s.“ Hufbringer flanschte ihm die Maske ins Gesicht. „Die Verweigerung der Zukunft! Die Wiederkehr der Staatsgläubigkeit! Die Renationalisierung der Ansichten!“ „Wie er leibt und lebt“, bemerkte ich anerkennend. Der Ingenieur betrachtete seinen Automaten. „Allerdings“, erwiderte er trocken. „Bis zum letzten Pickel.“ Robbi krähte inzwischen ohne Unterbrechung weiter. „Wer eine Umweltpolitik der besten Ergebnisse will statt der guten Absichten, der hat nur die FDP. Wer in neuen Technologien zuerst die Chancen sieht und nicht nur Risiken, der hat nur die FDP.“ „Sie füttern die Puppe also nur mit Phrasen?“ Hufbringer nickte. „Teilweise ja. Wo wir Rechenkapazität sparen müssen, bietet sich das einfach an zur Schonung der Maschine.“ Ich stutzte. „Zur Schonung?“ „Wer in der Bildung Chancengleichheit will“, plapperte Robbi dazwischen, „aber nicht Ergebnisgleichheit, der hat nur die FDP. Wer einen Sozialstaat will, der den Bedürftigen hilft und nicht den Findigen, der hat nur die FDP.“ „Das erhöht die Lebensdauer.“ Hufbringer zupfte nervös die Stäubchen von der weißen Weste. „Ohne diese vielen inhaltslosen Phrasen wäre er sicher längst weg vom Fenster.“

Er schaltete ein paar Mal hin und her. Robbis Repertoire war wirklich beeindruckend. „Als Röttgen bekommt er auf Knopfdruck schwerste moralische Bedenken und greint. Als Seehofer sondert er fremdenfeindliches Geschwätz ab. Als Westerwelle – na, Westerwelle halt.“ „Fantastisch!“ Hufbringer errötete leicht. „Bedenken Sie, was wir mit dieser Puppe alles machen können. Für den Bundestag, für den Wahlkampf, für Interviews und Pressekonferenzen, für die Keynote auf dem Jahrestreffen sächsischer Hamsterzüchter – und denken Sie nur an alle diese Talkshows!“

Ich war ein paar Schritte gegangen und hatte achtlos die anderen Schubladen aufgezogen. Eine lag voller Schrauben, Drahtspulen, Hämmerchen und Zangen, eine andere war vollgestopft mit Händen, Damenhänden mit lackierten und abgenagten Nägeln, schwieligen Fingern, rissigen Handrücken, blauen Äderchen wie von verzärtelten Strebern, braunen, rauen Arbeiterpranken, eine dritte schließlich lag voll mit Masken – stapelweise Merkel und Merkel und nochmals Merkel, daneben ein Pofalla neben dem anderen, ein Rösler schob sich in den nächsten, Aigner lagerte auf Aigner. „Wie das denn“, fragte ich entgeistert. Hufbringer schmunzelte. „Es sind ja nur Schwatzarbeiter, und unsere Robbis lassen sich beliebig vervielfältigen.“ Ich stöhnte auf. „Drei Westerwelles zeitgleich in der Glotze – grauenvolle Vorstellung!“ Hufbringer kicherte. „Malen Sie sich das doch nur mal aus. Versehentlich treffen sich zwei Westerwelles, einer beschimpft den anderen und am Ende kippen beide um! Aber immer noch besser als zweimal Guttenberg – die würden sich zum ersten Mal von außen sehen, einander zum Kotzen finden, einen Prozess wegen Urheberrechtsverletzung gegen sich selbst anstrengen und zugleich behaupten, der andere sei schuld!“ „Hufbringer“, ächzte ich, „das ist nicht mehr witzig!“ Doch er war nicht mehr zu halten. „Da geht noch viel mehr, mein Lieber! Auf der einen Seite lehnt Merkel alle Verantwortung für den Euro ab, und zack! stimmt sie sofort einem Rettungsschirm zu. Die SPD ist vehement gegen diese winzige Erhöhung der Hartz-IV-Sätze, und was passiert dann? Sie sind natürlich dafür. Röttgen sträubt sich gegen…“ Ich packte Hufbringer an den Schultern und schüttelte ihn durch. „Sie sind doch nicht mehr ganz bei Trost, Mann! Kommen Sie zur Besinnung! Das dürfen Sie nicht mal denken!“ Die Assistentin mit dem Rollkoffer räusperte sich vernehmlich. „Herr Doktor, wir wären dann soweit. Wo sollen denn nun unsere beiden Mappusse hin?“