Das Beben der Anderen

21 03 2011

„Sie kommen auf Empfehlung?“ „Uns blieb nichts mehr übrig.“ „Na, jetzt werfen Sie mal die Flinte nicht gleich ins Korn, junger Freund. Wir haben schon ganz andere Kühe vom Eis geholt.“ „Aber bedenken Sie, es ist diesmal die CDU.“ „Eben, Sie müssten doch langsam an den Zustand gewöhnt sein. Ihre Partei hat mal wieder einen Störfall.“

„Meinen Sie denn, da ist noch was zu machen?“ „Wie gesagt, nur die Ruhe. Die Erfahrung zeigt, ein bissel was geht immer. Wenigstens nicht total in Verzweiflung versinken.“ „Und das können Sie? Sind Sie so gut?“ „Lieber Freund, wir sind das erste Haus am Platz. Dass Spinat viel Eisen enthält, dass Mülltrennung ökologisch sinnvoll ist, dass Guido Westerwelle den aufrechten Gang beherrscht – alles unsere Arbeit. Wir beherrschen unser Handwerk. Uns glaubt man alles.“ „Und wie machen Sie das?“ „Wir arrangieren Ihr Image neu. Dazu ist es…“ „Vergessen Sie’s. Das hat sich bei der CDU gerade in seine Einzelteile zerlegt.“ „Umso besser. Dann können wir ja auch die Vergangenheit etwas flexibler modellieren.“ „Natürlich. Es ist eine Frage der Argumentationsmuster.“ „Der – was?“ „Eine Frage der Argumentation. Des Blickwinkels. Entweder die Türken nehmen uns die Arbeitsplätze weg und heiraten unsere Frauen, oder die Islamskis schmarotzen sich in die soziale Hängematte und bringen mit ihren muselmanischen Weibern lauter Kopftuchmädchen auf die Welt. Wir beweisen Ihnen alles, was Sie brauchen. Sie müssen uns nur sagen, was rauskommt, den Grund liefern wir.“

„Das Problem ist, dass wir unsere bisherigen Äußerungen über Atomenergie nicht mehr unter Kontrolle bekommen. Die Leute haben den Eindruck, wir würden mit der Fliegenklatsche einen Flächenbrand beseitigen wollen.“ „Sehr gut, dann empfehle ich Reframing. Wir deuten die Sache mal ins Positive um. Zunächst hat die rot-grüne Bundesregierung sich viel zu sehr gegen den scheinbaren Widerstand der CDU gewehrt.“ „Wieso scheinbar? Wir haben diesen linken Spinnern…“ „Unterbrechen Sie mich gefälligst nicht. Wir haben Widerstand geleistet. In Wahrheit wollten wir durch unsere fanatische Unterstützung von Windenergie und Solarstrom ja dem politischen Gegner in die Hände spielen.“ „Aber wir haben doch gar nicht…“ „Meine Güte, Sie sind mir vielleicht begriffsstutzig! Sie haben eine grüne Agenda gefahren, aber so versteckt, dass sie jetzt der Opposition den Wind aus den Segeln nehmen können, kapiert?“ „Das nimmt uns doch keine Sau mehr ab, das geht nun wirklich nicht mehr.“ „Meine Güte, versuchen Sie’s doch wenigstens! Hinterher können Sie immer noch sagen, dass die Opposition schuld ist an dem ganzen Dilemma.“ „Und wenn wir mitmachen, was sagen wir dann über die anderen Ausfälle unserer Klimakanzlerin?“ „Sie wollten den Atommüll im Biosprit verklappen, um Greenpeace in einen Bürgerkrieg zu treiben, der dann ein für allemal nachhaltige Umweltmaßnahmen durchsetzt.“ „Und das ist realistisch?“ „Im Vergleich zu dem, was Sie der Öffentlichkeit jetzt erzählen: allemal.“

„Bisher hat sich die Kanzlerin aufs Atomgesetz berufen und eine Abschaltung wegen einer akuten Gefahr beschlossen. Kann man das hinbiegen?“ „Sie müsste jetzt natürlich einmal ausblenden, dass die Gefährdung vorher gar nicht bestanden hat, und zum zweiten nachweisen, dass die Gefahr, die daher jetzt besteht, nicht durch die SPD bekämpft wurde.“ „Wie sollte die SPD denn eine Gefahr bekämpfen? Und womit?“ „Was weiß denn ich? Möglicherweise schieben sie Kurt Beck zwischen die Brennstäbe.“ „Müssten wir nicht jetzt besser so argumentieren, dass alle, die die atomare Gefahr in Deutschland kleinreden, im Grunde genommen schon immer für Kernenergie waren, weil sie davor gewarnt haben?“ „Das ist zu kompliziert.“ „Wollen wir’s nicht lieber so darstellen, dass man über die Risiken der AKW nicht mehr reden darf, weil das gegenüber Japanern nicht…“ „Das ist die Guttenberg-Masche mit den toten Soldaten. Nicht dran rühren, seien Sie lieber froh, dass Sie den Strahlemann so schnell in die Endablagerung gekriegt haben.“

„Und was müssten wir sonst noch so ändern, um wieder in die Siegerspur zu kommen?“ „Alles. Also wenigstens mal ein bissel rhetorisch aufräumen mit dem ganzen prähistorischen Zeugs. Alternativlos, rechtsfrei…“ „Aber das Internet ist…“ „Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Der Luftraum über Libyen. Oder der Stuttgarter Schlossgarten. Das sind rechtsfreie Räume.“ „Das wird jetzt eng.“ „Wir haben da eh kaum Spielraum. Würde es Ihnen notfalls reichen, wenn wir kommunizieren, dass Mappus nicht wegen des Bahnhofs und seiner Wasserwerferorgie, sondern wegen des EnBW-Deals nicht gewählt wird?“ „Was soll das bringen?“ „Dann sagen sich die Leute, er ist halt ein korruptes Schwein, aus dem kann in der CDU noch etwas werden. Man muss auch mal nachhaltig denken.“ „Und wenn wir das Wahlvolk mit ein paar eher versöhnlichen Botschaften ruhigstellen?“ „Sie könnten beispielsweise Seehofer sagen lassen, dass die Muslime auch irgendwie Menschen…“ „Haben Sie noch alle Tassen im Schrank!?“ „Naja, war auch nur ein Beispiel.“ „Und was machen wir dann?“ „Dann haben Sie immer noch die Chance auf die Fundamentalopposition und können in der nächsten Legislaturperiode kritisieren, dass die anderen Parteien enorme Kosten werden aufwenden müssen, um die Folgen Ihres unfähigen Getues zu kurieren.“ „Und das klappt?“ „Ich würde mich nicht darauf verlassen. Am besten wäre immer noch ein Ausstieg mit Augenmaß?“ „Aus der Kernkraft?`“ „Nein, von Merkel. Aus der Regierung.“