Ich bin kein Star – holt mich hier raus!

22 03 2011

Die Rezeptionistin war außerordentlich freundlich. „Wenn Sie noch einen besonderen Wunsch haben sollten“, säuselte die junge Dame, „stehen ich und unser Team Ihnen jederzeit zur…“ „Da ist er!“ Zwei Männer stürmten auf mich zu. „Oh mein Gott, er ist es wirklich!“ „Natürlich bin ich ich“, gab ich entgeistert zurück, „was soll das hier werden?“ „Ich bin Ihr größter Fan“, stammelte der zweite Kerl, ein etwas untersetzter, nicht mehr ganz junger Typ in zu engen Hosen, „ich lese alles, was Sie schreiben!“ „Gut jetzt“, sagte eine sonore Stimme hinter mir. „Sie können ihn ganz normal behandeln.“

Direktor Schölleimer dirigierte die beiden Männer mit sanfter Gewalt zum Aufzug. „Becker ist ein bisschen voreilig, und Klotzke ist erst seit zwei Wochen bei uns. Er macht alles nach, was man ihm vormacht.“ Ich sah mich um in der Hotelhalle. Blanker Marmor, Spiegel und edle Hölzer atmeten luxuriöses Ambiente. Dieser Ferienclub war seine exorbitant hohen Preise sicher wert. Umso erstaunter war ich, als ich einen alten Herrn im aufdringlichen Silberlamé-Anzug erblickte, der ganz offensichtlich ein billige Perücke trug. Er wackelte steif in den Hüften. „Bisschen alt für einen Rock’n’Roller“, bemerkte Schölleimer süffisant, „aber des Menschen Wille ist bekanntlich sein Himmelreich. Wir mischen uns da auch nicht ein. Er weiß schon selbst, was er tut. Alt genug ist er ja.“ Kaum hatte er es ausgesprochen, sammelten sich ein paar kreischende Teenager vor dem Fenster. Sie hämmerten gegen die Scheibe, während der King in seiner Frischhaltefolie sich hölzern um die eigene Achse drehte. „Elvis lebt“, sagte ich trocken.

Äußerlich unterschied sich der Hotelkomplex mit seinem Schwimmbecken, der Liegewiese und den Tennisplätzen nicht sonderlich von einem der Urlaubsparadiese in dieser Region. Allerdings liefen überall kleine Trupps auffällig unauffällig gekleideter Menschen über das Gelände, Kameras und Notizblöcke im Anschlag, immer bereit, sich auf wehrlose Feriengäste zu stürzen. Schölleimer schüttelte entschieden den Kopf. „Da täuschen Sie sich, die belästigen die Urlauber keineswegs. Sie tun vielmehr nur das, wofür sie bezahlt werden hier im VIP Heaven.“ Keine zehn Sekunden später schoss ein Trupp aufdringlicher Mädchen auf eine spätmittelalterliche Dame zu, die mit Hilfe eines Pudels über den Kiesweg stöckelte. Eines der jungen Dinger stellte sich in Positur, wurde neben der Diva geknipst, und schon waren die Fräulein wieder in die entgegengesetzte Richtung verschwunden. „Unser Rollkommando“, erläuterte Schölleimer. Sie können nicht nur die Anzahl der täglichen Überfälle buchen, sondern auch die Frequenz. Inzwischen sind wir flexibel genug, um vorher zu planen, ob wir Sie in der Hotelbar, am Pool oder vor Ihrem Zimmer belästigen. Und wenn Sie beispielsweise Lust auf eine Stalkerin haben, unser Team wird seit letzter Woche von einigen Studentinnen verstärkt, die sich ein bisschen dazuverdienen wollen.“

In der Bar flimmerte ein Boulevard-Magazin über die Bildschirme. „Wir produzieren längst unser eigenes Fernsehen hier“, prahlte Direktor Schölleimer. „Gar kein Vergleich mit dem Schrott, den Sie da draußen zu sehen bekommen.“ Ich zuckte zusammen. Eine Blondine hatte sich einen Sparkassendirektor vorgenommen. „Man trägt“, quäkte die Reporterin, „in diesem Jahr wieder das modemutige Einheitsgrau, der stylische Gentleman tendiert eindeutig zu Polyester in ganz und gar nicht gewagten Schnitten.“ Hinter ihr glotzte ein sichtlich selbstzufrieden schwitzender Endfünfziger mit zu wenig Haaren für seine Frisur in die Kamera. Er sah aus wie jemand, der höchstens aus Bad Salzschlirf kommen konnte. „Dafür scheinen die Menschen doch alles zu tun“, konstatierte ich, „sie wollen nur einmal im Fernsehen auftreten, und sei es auch in einer Sendung, die kein Schwein sieht. Einmal berühmt sein – meine Güte, wie abgeschmackt!“ Schölleimer lächelte. „Sie haben ja nicht unrecht, aber unser VIP Heaven befriedigt das Bedürfnis dieser Menschen nach Aufmerksamkeit. Sie wollen alle Stars sein. Einmal im Leben. Dafür steigen sie hier ab.“ „Sie bieten eine künstliche Glamourwelt an“, wandte ich ein, „die den Alltag ausblendet – wenn es in diesem Hotel vor Paparazzi und Autogrammjägern wimmelt, vor Fans uns Sternchen, dann hat das nicht besonders viel mit der Wirklichkeit zu tun.“ Der Hotelchef nickte. „Und was ist damit gesagt? Werden Schauspieler denn als das wahrgenommen, was sie sind? Jeder will seine fünfzehn Minuten Ruhm, jeder bekommt sie. Aber er besteht eben doch nur aus der Aufmerksamkeit, die ihm eine Kamera zollt, die Aufmerksamkeit des Zuschauers ist nicht im Preis inbegriffen. Deshalb sind die Superstars von heute auch so schnell wieder vergessen, weil keiner die Zeit hatte, sich ihre Gesichter einzuprägen. Sie versuchen auf einen fahrenden Zug aufzuspringen und sind in Wahrheit doch nur Trittbrettfahrer. Wie wär’s mit Ihnen, wollen Sie sich das Panoptikum nicht einmal von innen ansehen?“ „Danke bestens“, lehnte ich ab. „Ich bin kein Star, holen Sie mich bloß raus!“

Der Herr mit dem verwaschenen Mantel und der Sonnenbrille kam mir gleich so bekannt vor. Ich fasste Schölleimer am Arm. „Ist das nicht…“ „Oh ja“, nickte der Hoteldirektor. Ein begnadeter Charakterdarsteller. Haben Sie letztens ihn am Nationaltheater gesehen? Großartig!“ „Und warum diese Verkleidung?“ Schölleimer seufzte. „Er kommt seit zwanzig Jahren, da waren wir noch ein normales Haus. Er mag den ganzen Rummel nicht. Stars eben. Empfindsames Völkchen.“