Der Schnittlauchflüsterer

29 03 2011

Er hielt das Ohr ganz dicht an die Erde. „Ihr müsst Euch keine Sorgen machen“, flüsterte er.. „Die Sonne scheint heute ganz bestimmt noch, und dann wird es ab morgen wieder schön warm. Alles wird gut!“ Dann verharrte er regungslos, und ich weiß nicht, ob es an seinen Bandscheiben lag oder an der Tatsache, dass er just in diesem Augenblick meine Schuhspitzen durch den Jägerzaun erblickte. Herr Breschke riss die Augen auf. „Ich kann Ihnen alles erklären“, stammelte er. „Es ist nicht so, wie Sie denken!“

Ich half dem pensionierten Finanzbeamten auf die Füße. „Die Flecken an Ihren Knien erklären Sie Ihrer Frau“, beeilte ich mich, „ich kenne Sie – nicht, dass ich wieder als Entschuldigung herhalten muss.“ Er war beleidigt. „Also bitte, Sie kennen mich doch!“ „Eben“, gab ich ungerührt zurück. „Und Sie sollten bei diesem Wetter durchaus etwas Besseres zu tun haben, als in Ihrem Vorgarten herumzukriechen wie ein Regenwurm.“ An sich war Breschke ein ruhiger Mensch, abgesehen von den Momenten, in denen er die Nerven verlor, das Gleichgewicht oder die Fassung. Was er zerstörte, und das war nicht eben wenig, das war auch ganz kaputt; eine gewisse Gründlichkeit konnte man ihm halt nicht absprechen. „Und jetzt regen Sie sich mal wieder ab, Sie holen sich ja den Tod an diesem kühlen Morgen!“ Schon hatte er sich wieder an den Rand seines kleinen Kräuterbeets gekniet. „Lassen Sie mich nur eben die Morgenzeremonie beenden. Man muss das ganz genau machen, sonst wirkt es am Ende nicht. Sagt jedenfalls Ihre Nachbarin.“

Sigune. Diese Frau ist die ideale Testkandidatin für die Leistungsfähigkeit einer psychiatrischen Anstalt. Sie vollführt im handgewebten Burnus Fruchtbarkeitstänze vor ihrem Ficus und gießt das Gestrüpp mit handgerührtem Vollmondwasser, wenn sie nicht gerade die tragenden Wände ihrer Wohnung einreißen will, um den Energiefluss zwischen den Fenstern zu erhöhen. Welcher Teufel auch immer diese esoterische Eule auf Horst Breschke losgelassen haben mag, sie muss ihm den Kopf mit okkultem Unfug vollgestopft haben, mit mystischem Hokuspokus und schauerlichem Quark.

„Wir sollten die Natur mehr respektieren“, verteidigte er sich. Ich schlug mir mit der flachen Hand vor die Stirn. „Und deshalb robben Sie bei Temperaturen knapp oberhalb des Gefrierpunktes auf der Krume herum und quatschen der Petersilie einen Blumenkohl ans Ohr? Breschke, Sie machen sich ja lächerlich!“ „Das können Sie sagen, aber ich weiß eben Bescheid! Wir sollten den Pflanzen viel mehr Anerkennung zeigen für das, was Sie für uns tun!“ „Beispielsweise für den Windenknöterich und den Gauchheil, der Ihnen den Garten versaut“, höhnte ich. „Oder teilen Sie Ihre allumfassende Liebe für die beblätterte Kreatur nicht mit dem ganzen Genpool?“ Er druckste herum. „Wir treten diesen Pflanzen oft zu nah, da muss man doch ein gutes Verhältnis pflegen und…“ „Meine Güte“, fauchte ich, „Breschke! Sind Sie noch ganz bei Trost? Sie lullen diese Kräuter ein, und danach reißen Sie sie aus, hacken sie klein und streuen sie auf die Kartoffeln, denen Sie vorher noch schöne Augen gemacht haben? Haben Sie denn überhaupt kein Mitleid?“ Der Alte riss erschrocken die Augen auf. „Um Gottes Willen“, wimmerte er. „Lassen Sie das bloß den Majoran nicht hören! So habe ich es ja noch gar nicht bedacht – wenn die Kräuter das hören, dann sind sie am Ende beleidigt und wollen gar nicht mehr wachsen!“

Hastig griff Breschke zur Harke, die auf dem Rasen lag, und strebte dem Haus zu, wobei er sich mehrmals durchaus panisch umsah, ob auch ja kein Kräutlein ihm aus der Erde drohte. „Sie haben das gehört“, keuchte er, „die haben das bestimmt…“ Da hatte er mit dem Rechenstiel auch schon die kleine Blumenampel vom Frontbalken der Pergola gefegt. Das Ding segelte ihm knapp am Kopf vorbei und zerschellte am Boden. „Der Fluch der bösen Tat“, sprach ich mit todernster Miene. Das Pflanzenreich ist eben ein geheimnisvoller Kosmos, der seiner eigenen Logik folgt, grausame Rache übt und sich auch von Menschen nichts gefallen lässt. Das zumindest glaubte er, da ich die schauerlichsten Geschichten erzählte. „Meine Urgroßtante starb an dem Freitag, an dem auch die Geranien im Garten plötzlich verwelkten.“ Breschkes Knie schlotterten. Ich hätte ihm noch erzählen können, dass es an der mangelnden Wasserversorgung lag – Tante Amalie hatte drei Tage nach ihrem Herzinfarkt das Zeitliche gesegnet, was im Hochsommer ausreichte, um auch den Topfblumen den Rest zu geben. „Und wenn ich sie einfach nur züchte und nicht abschneide, dann werden sie mir vielleicht nichts tun?“ „Lassen Sie’s darauf ankommen“, versetzte ich kühl. „Sie haben inzwischen einige Übung als Schnittlauchflüsterer, doch sollten Sie immer auf der Hut sein.“ Ich zog ihn zu mir heran. „Nicht auszudenken, wenn jemand den Dingern erzählen würde, dass Sie sich rein vegetarisch…“ Mit bebenden Knöcheln krallte Breschke sich ins Beet, als wollte er die Petersiliensaat sogleich wieder ausgraben. „Hört Ihr mich“, flehte er. „Es wird alles gut, ja? Alles wird gut!“ „Ich hatte da wohl eine Kleinigkeit übersehen“, kicherte ich. „Die Sämereien sind ja meist niederländischen Ursprungs, es könnte also sein, dass das Grünzeug Sie gar nicht versteht.“

„Diese elende Schwindlerin“, schrie Breschke und zertrampelte planmäßig das ganze Kräuterbeet. „Wenn ich diese dumme Kuh erwische, diese verdammte Kräuterhexe! Ich mache mich hier ja zum Narren!“ Dem war ja nun nichts hinzuzufügen.