Die Macht der Gewohnheit

31 03 2011

„Ganz ruhig! Bleiben Sie gelassen und machen Sie sich jetzt nicht – ruhig, habe ich gesagt! Sie bleiben entspannt und reagieren mit… Moser, die Spritze. Wir kriegen ihn nicht mehr in den Griff.“ Der junge Mann wand sich, aber der Pfleger war viel stärker; wehrlos ließ er die Injektion über sich ergehen und sank schließlich auf dem Stuhl zusammen. „Sehen Sie“, sagte Karla Oppenheim, „es wirkt. Er wird es lernen. Wozu werden wir von den Banken auch bezahlt, wenn wir ihr Personal nicht vernünftig auf die Zukunft vorbereiten.“

Sie streifte ihre Handschuhe ab und reichte mir das Handbuch. Ich war doch recht erstaunt. „Das ist alles? Die Behandlungsmethode hatte ich mir viel komplizierter vorgestellt.“ Oppenheim lächelte mit einem leicht schnippischen Ausdruck. „Das ist ja gerade das Faszinierende daran: Sie müssen kaum Gedanken machen, die Sache ist inzwischen universell einsetzbar. Wie Sie sehen.“ Von fern dröhnte und rauschte es. „Ihr Grundkonzept“, fasste ich zusammen, „besteht also daraus, den einmal eingeschlagenen Weg beizubehalten und sich nicht von etwaigen Ereignissen abbringen zu lassen?“ Karla nickte. „Genau, das ist die eine Säule unserer Auffassung. Eine einmal gewonnene Erkenntnis, sagt unsere Erfahrung, kann gar nicht falsch sein, sonst hätte sie nicht zu einer Erkenntnis geführt.“ Das Rauschen schwoll an und wurde bedrohlich. „Die Aufgabe ist es, diese Erkenntnis nun mit den Mitteln der Vernunft gegen alle Einwände zu verteidigen.“ „Sehr vernünftig“, spöttelte ich, während der Fußboden schon leicht zu vibrieren begann. „Sie stellen also fest, dass die Erde eine Scheibe ist, und Ihre Vernunft teilt Ihnen mit, dass eine Auseinandersetzung mit der Empirie nur Verwirrung stiftet? Ihr Weltbild steht also fest, mit Tatsachen kann man Sie nur verwirren?“ Sie drehte sich um und lief schnurstracks auf die Tür zu.

Der ganze Raum schien zu wackeln. Auf der Leinwand sah man brennende Häuser und wilde Seebeben, jeden Moment schien ein Meteorit auf die Erde zuzustürzen. Grollen und Poltern drang aus den Lautsprechern, eine Alarmsirene kreischte zwischendrein, aus einigen unauffällig in den Fußleisten angebrachten Düsen strömte brandig riechender Qualm, der in den Augen biss. „Sehr lebensecht“, keuchte ich, „mein Kompliment!“ „Beachten Sie unsere Kandidaten!“ Oppenheim hielt sich an einer Stuhllehne fest, denn die Windmaschine lief auf voller Stärke. Die jungen Leute saßen fast bewegungslos in ihren Sesseln, die Finger fest in die Lehnen gekrallt. Plötzlich war der Spuk vorbei. Das Licht ging an, Vorhänge flogen wie von Geisterhand auf, die Projektionsfläche schnurrte an einer verborgenen Apparatur in die Decke. Hüstelnd erhoben sich die Eleven, die eben noch starr vor Angst gewesen waren. „Wir können gerne einmal die Probe aufs Exempel machen“, meinte Oppenheim und wandte sich an den Schüler vor ihr. „Wie sehen Sie die Lage, was können Sie der Öffentlichkeit sagen?“ Unwillkürlich versteifte sich sein Rückgrat; das Gesicht nahm maskenhafte Züge an. „Es besteht kein Anlass zur Besorgnis, wir sind mit den neu gewonnenen Erkenntnissen, die die Lage völlig verändern, weil die nachhaltige Veränderung, die aber kein Anlass zur Besorgnis ist, wie die Opposition, und ich betone: vorübergehend, mit den sich neu…“ „Er ist noch ein wenig übermotiviert“, erklärte sie. „Gegen einen GAU wird man ihn nicht von der Leine lassen können, aber bei einem Großfeuer oder bei der Erhöhung der Krankenkassenbeiträge dürfte es schon gehen.“

Karla Oppenheim zog sich mit obsessiver Langsamkeit neue Handschuhe an; sie machte in einer Liste einige Häkchen. „Das ist das Schöne an der Methode, sie lässt sich überall einsetzen.“ „Wo landet denn Ihr Personal?“ Sie lächelte. „Da unser Kurs von einem internationalen Waffenexporteur und einem Pharmaunternehmen bezahlt wird, können Sie es sich wohl denken: im Bundestag. Es ist schließlich gleichgültig, ob man die Folgen einer Atomkatastrophe vertuscht oder die Bankenkrise. Die Sache ist dieselbe. Man muss weitermachen. Sonst geht es nicht weiter.“ „Sie verordnen den künftigen Lenkern des Gemeinwesens Verdrängung als Mittel zur Realitätsbewältigung“, konstatierte ich. Sie schüttelte den Kopf. „Prokrastination wäre der richtige Begriff. Sie wissen schon, was richtig ist. Sonst würden sie ja auch nicht so eine Energie entwickeln, um davor wegzulaufen.“ „Sie meinen, der Reformstau käme letztlich nur zustande, weil Ihre Sprösslinge sich so erfolgreich drücken?“ Oppenheim zog eine Braue in die Höhe. „Sie haben es erfasst. Das Wesen des Konservativen ist es, die Verhältnisse zu erhalten.“ „Sie meinen ernsthaft“, ereiferte ich mich, „dass Sie eine komplette Gesellschaft in dem Zustand zementieren können, in den Sie ihn durch Nachlässigkeit gebracht haben? Sie denken, Sie könnten bis zum jüngsten Tag die Augen verschließen? Wer wird Ihre Fehlentscheidungen ausbaden? Eine künftige Generation?“ „Das ist mir verhältnismäßig egal“, gab Oppenheim kühl zurück. „Dann bin ich schon nicht mehr am Leben, und an die Reinkarnation zu glauben überlasse ich anderen. Übrigens hätten Sie mir besser zuhören können; es geht durchaus nicht um eine Gesellschaft, dem Konservativismus geht um ihre Verhältnisse. Es reicht doch, wenn Sie die Bankenkrise bezahlen, oder haben Sie etwa Geld?“ „Und ich hatte es für die Macht der Gewohnheit gehalten.“ Sie zupfte nervös an ihren Handschuhen. „Eher schon die Gewohnheit der Macht.“