Zicke, zacke

4 04 2011

„Moment, ich muss mal eben nachfragen. – Und? Kollegen, wie ist es? Hatten wir… ach so, ja. Gut. – Hallo, hören Sie? Seit kurz nach zehn ist die Frau Bundeskanzlerin doch wieder für Solarstrom. Bis so ungefähr um und bei zwölf, danach ist das alles wieder Merkulatur. Also falsch. Passé. Sie müssen halt wissen, was Sie wo investieren, weil es ja dann irgendwann – Planungssicherheit? Bester Herr, die hätten wir auch gerne!

Wenn Sie mich so fragen: ich weiß es nicht. Wir sind seit Tagen völlig aufgeschmissen. Jetzt klagt schon der erste Energiekonzern, weil sie sich nicht rechtzeitig widersprochen hat. Oder sie hat, und das war dann wieder der Ausstieg vom Widerspruch. Oder umgekehrt, wer kann das schon wissen. Derzeit hält die politische Großwetterlage hier kaum sechs Stunden lang an. Ganz schwierig. Es ging beim letzten, Entschuldigung: vorletzten Schwenk um die gemeinsame Verantwortung, das hatte ich noch behalten. Nein, keine Ahnung. Vermutlich irgendwas mit Opel, aber vielleicht war das auch schon länger her. Man verliert da schnell den Überblick.

Natürlich ist sie gerade gegen den Euro, das heißt, sie ist schon für den Euro, aber gegen die Griechen, also schon für die Griechen, aber gegen eine Umschuldung, genauer gesagt will sie die Umschuldung am besten jetzt sofort, weil sie die nämlich gar nicht will, denn sie ist ja gegen die Griechen, damit sie nicht gegen den Euro sein muss. Es ist, wenn Ihnen das vielleicht aufgefallen sein sollte, etwas kompliziert. Die Frau Bundeskanzlerin hat extra noch einmal betont, dass in der sozialen Marktwirtschaft die Banken eine dienende Funktion haben. Das muss sie gesagt haben, kurz bevor sie den nächsten Rettungsschirm aus Steuermitteln angeregt hat. Oder kurz danach. Keine Ahnung. Es ist normalerweise nicht die Aufgabe des Staates, notleidenden Banken unter die Arme zu greifen. Doch, das hat sie gesagt! Allerdings hat sie auch gesagt, dass man hier von einem Normalfall gar nicht reden kann, dass es keine notleidenden Banken geben kann, weil die alle viel zu groß sind, wegen der Systemrelevanz für die Finanzkrise, und dass es in den Alpen gar keine Tsunamis gäbe. Glauben Sie nicht? Natürlich gibt es keine Tsunamis in den Alpen. Fragen Sie den Ackermann, der muss es wissen. Und den Rest auch.

Immerhin, sie hat es gut gemeint. Das ist doch schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Sie handelt schnell, sie handelt konsequent, sie handelt erfolgreich. Also jetzt nicht direkt erfolgreich, eher so, dass es sich nur so katastrophal entwickelt, wie man es nicht hätte vorhersehen müssen, wenn man es hätte vorhersehen können. Wegen des Dingsda mit Restrisiko. Sie müssen wissen, die Frau Bundeskanzlerin hat ja keinerlei Erfahrung in politischen Führungsaufgaben; vorher hatte sie ihre Minister, die haben die Politik gemacht, und sie war für die Hosenanzüge zuständig. Die Lage der Situation ist jetzt so, dass ihre Erkenntnisse neue Erkenntnisse gewonnen haben, wenn Sie verstehen.

Atom? War da mal was? Können Sie das präzisieren? Ich würde mich nicht festlegen wollen, was das seit heute Vormittag passiert ist. Röttgen ist für irgendwelche Tests, laut Stundenplan müsste sie dann dagegen sein. War das durchgesickert? Nein, sie hält sich nicht immer an die Tagesordnung. Die Zacke zickt, nein: die Zacke, die Zicke zackt. Zickzack. Zicke, zacke, Hühnerkacke. Und auf jeden Fall wird nach dem Moratorium entschieden, wie wir auf die Klage der Atomkraftwerksbetreiber reagieren, die ohne Moratorium… Kollegen, was war jetzt? Doch keine Abschaltung, weil jetzt klar ist, dass wir die gar nicht vom Netz nehmen können wegen der Versorgungslücke? Das ist dann die Gefahr, die das Moratorium rechtfertigt, und damit nehmen wir die hinterher vom Netz? Kann mir gerade mal jemand erklären, was hier gespielt wird? Es fehlt nicht viel, und wir erfahren aus der Zeitung, dass die Regierung Schwarz-Grün ist!

Das Drama ist ja, dass die politischen Entscheidungsträger nicht mehr an die Frau Bundeskanzlerin herankommen. Ich meine, das ist jetzt alles so willkürlich, man spürt nicht mehr die ordnende Hand, es gibt keinen Konsens, die große Linie fehlt, man weiß nicht, wie es bis zum Ende der Legislatur noch weitergehen – Schäuble? Friedrich? Wieso de Maizière? Hören Sie doch mal hin, es geht um die Entscheider. Die, die Deutschland politisch gestalten. Ich rede hier vom BDI, von den Großbanken und Waffenexporteuren!

Bedaure, aber das geht jetzt zu weit. Ich kann Ihnen nicht verbindlich zusagen, dass die Frau Bundeskanzlerin eventuell einen neuen Herbst der Entscheidungen anleiert, um Stuttgart 21 zu torpedieren, wenn der Volksentscheid doch für den Bahnhof ausfallen sollte. Sie hat vor ein paar Tagen vehement den Baustopp verteidigt (weil sie ihn im Eifer des Gefechts mit dem Elterngeld-Moratorium verwechselt hat, aber sagen Sie das jetzt bitte nicht weiter!), aber das hieße jetzt eher, dass wir sofort nach dem Moratorium und wenn der Volksentscheid tatsächlich mal vorliegt, mit dem Bau beginnen. Obwohl, die Wasserwerfer sind ja schon bestellt. Da müsste sie doch eher Bildungsinvestitionen ablehnen.

Manchmal kann man den Eindruck haben, die Frau Bundeskanzlerin spielt mit uns Stresstest: viel Lärm, aber es wird nur ausprobiert, was im Ernstfall sowieso egal ist.“


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4 responses

4 04 2011
Doktor Peh

Much Ado about Nothing von Shakespeare beschreibt dies wohl am besten.

Ja, das Leben ist schwer geworden, nicht mehr so leicht wie früher, als ein Lobbyist lediglich mit einem gut gefüllten Aktenköfferchen zu Besuch kam. Heutzutage reicht das Köfferchen ob der geforderten Zuschläge nicht mehr aus, ein Rollkoffer indes erregt da schon Aufsehen und Innenminister, die da gleich ein Sprengkommando losschicken wollen.

Auch muss ein Lobbyist heutzutage zeitkritisch seine Aufgaben lösen, just-in-time ist nicht nur bei warenlagerfreien Industrien angesagt, auch die Klientel muss im richtigen Zeitpunkt des Pendelausschlages erwischt werden. Heute dafür, morgen schon dagegen. Ständig muss man sich der Wähler- oder Geldgebergunst beugen, einmal hierhin und einmal dorthin. Die Japaner machen es einem ja vor, mit den tiefen Verbeugungen in alle Richtungen. Um dann, unbehelligt von den Meinungen der anderen, das eigene Schäfchen ins Trockene zu bringen.

Und so eben auch das Hängemundferkel: gestern noch den fehlkopierten Verteidigungsminister geschützt, heute bereits den zurückgetretenen FDP-Vorsitzenden vergessen.

4 04 2011
bee

Sie werden irgendwann merken, dass auf Politiker kein Verlass mehr ist. Sie werden irgendwann entdecken, dass dieses System zu viele Schwachstellen hat – Wahlen, Verfassungsgerichte, Grundgesetz – die man zwar eindämmen, aber nicht unbemerkt beseitigen kann, auch wenn sich das die Gewerkschaft BILD & Debile Medien mit ihren BDM-Vorsitzenden Springer und Mohn ganz anders vorgestellt hatte. Sie werden irgendwann überlegen, ob es nicht kostengünstiger käme, die Parteien zu kaufen, statt sie projektbezogen zu leasen. Der oft kritisierte Wechsel von der Politik in die Wirtschaft wird damit der Vergangenheit angehören, Verkaufskanonen wie Koch und von Beust bleiben in der Firma, die Synergieeffekte zwischen der DVAG-Bundestagsfraktion und der FDP GbR lösen enorme Kursanstiege aus (die Liberalen schießen kometengleich auf 0,9% hoch), und dann werden die Aktionäre durchgreifen. Oder wir.

4 04 2011
Doktor Peh

Der Bund deutscher Mädels wurde aufgelöst? Seit wann denn das? Neulich sah ich doch noch die Muttersteißträgerin von der Leier, ebenso das „so nicht“-Beispiel Ferkel? Nun ja, nachdem Guidos Rücktritt einen herben Rückschlag für die Frauenquote bedeutet, kann das ja nur die Folge sein. Oder Ursache.

Was die Vergesellschaftung der Parteien betrifft: kann man da mit Steuernachforderungen für die vergangenen Jahrzehnte rechnen? Also der Parteien an den Bund? Oder können wir Wähler wenigstens einmal hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, wenn der Parteienverwaltungsrat beschließt, aufgrund der hohen Personalkosten die gesamte Partei nach China outzusourcen?

4 04 2011
bee

Rollewolle hat zur Steuersenkung gerade die Verlustverrechnung mit ausländischen Tochterfirmen beschlossen; dann zahlt nur noch Steuern, wer von Westerwelle als die Schicht diffamiert wird, die den Staat ausplündert. Es ist also nicht auszuschließen, dass bald Filialbetriebe von Fa. Haider&Wilders im Bundestag herumturnen, wobei die Frauenquote von Rösler übernommen wird. Als Mann wird diesen wegen Inkompetenz nach oben durchgereichte Zivilversager wohl hoffentlich niemand bezeichnen wollen.

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