Kabbelgruppe

7 04 2011

„Jetzt leg das sofort wieder hin! Christian, wenn Du das nicht sofort wieder – Christian! Diese Blagen rauben mir noch den letzten Nerv, es ist nicht zu fassen! Christian, das sollst Du nicht anfassen, ich habe es Dir schon – Christian! Leg das sofort wieder in die Kiste mit den Wirtschaftssachen! Dafür bist Du noch viel zu klein, davon verstehst Du sowieso nichts.

Es ist nicht leicht, jetzt, wo die Firma so kurz vor der Pleite steht. Da können Sie einen vernünftigen Betriebskindergarten gar nicht mehr aufziehen. Nein, das bezahlt einem keiner mehr. Die notleidenden Besserverdienenden, die stehen ja alle kurz vor dem Hungertod. Die können ihrem Nachwuchs noch ein Auto kaufen oder einen Platz auf dem Eliteinternat, aber für Bildung ist nichts mehr vorgesehen.

Jetzt lass das doch mal, Philipp! Meine Güte, der Bursche ist aber auch unerträglich. Er hat ja dies Talent, das muss man ihm lassen. Der Bub kann lügen, das glauben Sie nicht! Also das glauben Sie dann doch, verstehen Sie, das ist es ja gerade. Der steht hier den ganzen Tag am Fenster und zuckt Löcher in die Luft, der will nicht mit den anderen spielen, und dann kommt er plötzlich an und erzählt Ihnen Märchen – sagenhaft! Christian, jetzt lass doch mal! Der Junge ist aber auch hyperaktiv. Die Eltern, schätze ich. Eindeutig die Eltern. Er will immer alles haben, was er sieht, und dann kann er damit nicht umgehen, und dann macht er es kaputt. Wissen Sie eigentlich, was uns das kostet?

Aber der Philipp. Der denkt sich Sachen aus, das halten Sie nicht für möglich. Neulich höre ich da Gepolter und dann klirrt etwas, dann kommt er die Treppe runter, da zupft er mich an der Schürze und sagt, Tante, sagt er, da haben die bösen Grünen die Scheibe eingeschmissen. So im Brustton der Überzeugung, verstehen Sie? Genau wie ein kleiner Erwachsener. Und dabei war es bloß das Fenster zum Hof, die Suppenkelle kam aus der Küche und die Scherben lagen alle draußen. Kommt die Frau Direktorin, nichts zu machen. Er bleibt dabei. Der Arzt sagt, das ist nur eine blühende Fantasie. Aber ich habe da so meine Zweifel.

Christian! Jetzt hör doch mal auf, die Birgit an den haaren zu ziehen! Ja, ich weiß ja selbst, dass die doof ist. Aber das ist doch kein Grund. Das Kind hat es auch nicht leicht, die kann sich nichts merken. Schlimm. Aber wir als Betriebskita können uns das eben leider nicht aussuchen. Und stellen Sie sich mal vor, wir hätten lauter solche – Christian! Leg das sofort wieder weg! Du sollst doch nicht immer alles aus dem Müll rausholen!

Wobei die Silvana noch schlimmer ist. So ein hübsches Kind, und so strunzdumm. Ehrlich, da mache ich mir manchmal direkt Sorgen, was die später mal werden soll. Hausfrau und Mutter? Wäre eine Alternative, aber dann möchte ich ja nicht ihr Kind sein. Scheußliche Vorstellung, das.

Der Philipp wieder! Jetzt hat er schon wieder seine Phase, wo er anderen Kindern alles erklärt. Sie, der hat neulich von jedem hier einen Euro haben wollen. Der hat die so lange beschwatzt, bis sie alle von zu Hause einen Euro mitgebracht haben, und dann hat er das Geld eingesammelt und sich davon Naschkram gekauft. Wissen Sie, was er den Kindern erzählt hat? Er würde nur selbst die ganzen Süßigkeiten essen, damit die anderen keine schlechten Zähne bekämen – ich frage Sie, woher hat denn der Bub das bloß? Können Sie sich das vorstellen? Ich bin da überfragt. Das müssen die Eltern – Christian! Du hörst jetzt sofort auf mit dem Unsinn, sonst musst Du später mal Außenminister werden und alle Leute finden Dich blöde! Jetzt lass doch den Daniel in Ruhe, der will nicht mit Dir spielen. Menschenskinder, nie vertragen die sich. Die reinste Kabbelgruppe!

Von außen sieht das vielleicht ganz hübsch aus, da haben Sie Recht. Alte Villa in angenehmer Lauflage, gepflegter Vorgarten, das ist für die Öffentlichkeit sicher sehr vorteilhaft. Aber sonst? Gucken Sie sich nicht zu genau um hier. In jeder Ecke liegt Dreck.

Meine Güte, Christian! Jetzt lass das endlich, es hört Dir doch sowieso keiner mehr zu! Was dieser Junge einem an den Nerven zerrt, Sie möchten sich die Haare ausraufen! Dieses altkluge Geschwätz, ich möchte bloß mal wissen, woher er das bloß hat? Vor einer Woche fing das an, da erzählt er allen: Spinat ist pfui, Spinat ist bäh, wer Spinat isst, der wird grün im Gesicht – Sie konnten ihn gar nicht mehr beruhigen. Am dritten Tag, da drehte er schier durch! Spinat hier und Spinat da, dabei gibt’s hier weit und breit keinen Spinat. Auf was für Ideen er kommt, das ist nicht zu fassen. Und dann gestern, wie ausgewechselt – er kommt hier an bei mir und sagt, er sei bei Tante Angela gewesen, die habe ihm gesagt, Spinat sei so gesund und so lecker, er will jetzt jeden Tag Spinat haben. Und dann meint er noch, wenn er nicht jeden Tag Spinat kriegt, dann sorgt er dafür, dass wir alle rausgeworfen werden und dass der Kindergarten schließt und dass – Christian! Jetzt leg das doch mal weg! Der Junge ist nicht ganz richtig im Kopf, wenn Sie mich fragen. Jetzt hat er der Birgit schon wieder ihren Teddy weggenommen, und jetzt versucht er, dem Ding die Augen auszureißen. Christian, lass das gefälligst nach! Der macht mich noch ganz rammdösig, der Junge. Gestern hat er eine Puppe mit der Schere aufgeschlitzt, und dann hat er so getan, als ob ihm das alles Leid täte – wissen Sie, was er gesagt hat? Mitfühlende Grausamkeit. Ernsthaft, wo lernen die Kinder das? Das ist doch alles nicht mehr normal?“

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