Der reine Wohnsinn

21 04 2011

„Herzlichen Glückwunsch, Herr äääh… also wir kommen dann mal rein.“ Die dicke Blondine versuchte, sich an mir vorbei in die Wohnung zu rollen. Aber ich blieb breitbeinig in der Tür stehen. „Jetzt machen Sie doch mal Platz“, quengelte sie, „wir kommen ja gar nicht rein!“ „Genau das ist auch der Sinn der Sache“, teilte ich ihr ungerührt mit. „Ich weiß nicht, wer Sie sind und was Sie hier wollen, ich weiß nur, dass Sie damit keinen Erfolg haben werden.“ Jonas tauchte plötzlich aus der unüberschaubaren Menge von Menschen auf dem Treppenabsatz auf und zog mich beiseite. „Jetzt lass doch Sina erst mal reinkommen. Dann kannst Du es Dir immer noch überlegen.“

Sina Wippstock, wie mir Jonas auf dem Weg in die Küche beibrachte, wollte nur mein Bestes. Wahrscheinlich stürzte sie sich mir ihren Begleitern aus genau diesem Grund auf das Bücherregal. „Das kann man dann gleich mal weg hier“, verkündete sie. „Günni haut dann die beiden Sljörksvigs aus Buche furniert rein, ja?“ Schon fingerte Günni an den Pfosten. „Was machen diese Vollidioten da?“ „Reg Dich doch nicht gleich auf“, beschwichtigte Jonas meinen aufbrandenden Zorn, „Sina macht doch diese Sendung mit den Möbeln, und wir dachten, da Du gerade erst Geburtstag hattest…“ „Das war vor zehn Monaten“, erwiderte ich trocken. „Was will dieser Trampel hier?“ Statt einer Antwort ging Günni zu Boden „Das kriegt man gar nicht raus hier“, jammerte er, „ich brauche eine Säge!“ Jonas wurde bleich. „Halt, die sind in die Wände eingebaut!“

„Wo stell ick det hin?“ Ich konnte den Mann mit der Latzhose gerade noch davon abhalten, seinen Metallkoffer schwungvoll auf den Schleiflack zu hebeln. „Schaffen Sie mir diese Idioten vom Hals“, schrie ich. Das rührte den Mann mit der Kabeltrommel nicht. „Wer waren Sie noch gleich?“ „Das ist meine Wohnung“, brüllte ich, „und Sie sind derjenige, der sie gleich über die Balkonbrüstung verlässt!“ „Reg Dich nicht auf“, stöhnte Jonas. „Reg Dich jetzt bloß nicht auf – aber ich hatte Sina erzählt, dass Du heute Geburtstag hast, und deshalb wollten sie die Folge schon heute Abend – he, wo willst Du denn hin?“ Ich rollte unterdessen Kabel auf und schob zwei Scheinwerferstative wieder aus der Küche heraus. „Ich zähle bis zehn, und dann hat der Letzte diese Wohnung verlassen! Sieben, acht, neun…“ „Wippstock mein Name.“ Offenbar war sie erst jetzt dazu gekommen, die Situation abzuschätzen. „Was machen wir denn jetzt? Ich muss doch bis sechs Uhr eine Folge im Kasten haben. Können wir vielleicht irgendwo hier im Haus…“ Jonas und ich blickten einander an. „Sigune“, sagten wir, wie aus einem Mund.

„Herzlichen Glückwunsch, Frau äääh… also wir kommen dann mal rein.“ Schon stand die ganze Mannschaft im Flur der esoterischen Nachbarin. Lavendelräucherstäbchen hatten einen erkennbaren Duft hinterlassen, leise grunzten tibetische Mönche meditativen Singsang vor sich hin, eine Armada von Grünpflanzen wippte im milden Sonnenlicht. „Wo stell ick det hin?“ Der Latzhosenmann steckte den Kopf unschlüssig in die Tür; hier war kein Rein- und kein Durchkommen.

Günni drückte mir die Kamera in die Hand. „Machen Sie mal, Sie schaffen das schon. Ich muss gleich mal eben runter, die beiden Sljörksvigs holen und den Örneblorbel.“ „Den was?“ „Klapphocker, weiß lackiert und abwaschbar, im Doppelpack mit Sitzkissen Snokkekøppar.“ Sina Wippstock zwängte sich zwischen mehreren Messingkübeln hindurch ins Wohnzimmer. „Ihr könntet hier das Gestrüpp rausholen und dann ein bisschen Dekostoff über die Couchgarnitur machen, ja?“ Sigune war verwirrt. „Was soll das hier werden? Was machen Sie da?“ Die beiden trafen erste Anstalten, das Mobiliar durcheinander zu kegeln, hatten aber nicht mit der Geschwindigkeit gerechnet, mit der Sigune sich ihnen in den Arm warf. „Sie dürfen das hier nicht verrücken, sonst ist das Chi gestört!“ „Wir kaufen Ihnen ein neues“, tröstete Günni die entsetzte Frau im wehenden Seidengewand, die mit ihren Spiegelaufnäherchen durch die Wohnung blinkerte. „Haben Sie überhaupt eine Ahnung, was Sie da anrichten? Trixi, Thyra, Tabitha, verzeiht ihm!“ Günni schaute sich irritiert um. „Ist hier jemand?“ „Sie redet mit ihren Topfblumen“, informierte ich den Assistenten. „Seien Sie bloß vorsichtig, sonst schlägt das Gestrüpp aus.“

In der Zwischenzeit hatte der latzbehoste die Elektrik aus dem Dachgeschoss wieder nach unten geschleppt und rollte einige Lampen durch Sigunes Flur. „Wo stell ick det hin?“ „Schließ erst mal die Leuchten an“, beschloss die TV-Tante, „wir machen dann gleich Lightcheck, ja?“ „Ein Sljörksvig haben wir da“, verkündete Günni. „Stell doch mal jemand wenigstens einen Hocker ins Bild, sonst kriegen wir noch Ärger mit dem Sponsor.“ Jonas drückte sich vorsichtshalber nur im Hausflur herum und ließ sich gar nicht erst blicken. „Ich brauche Li-hicht“, jodelte Sina. „Det hammwa gleich“, brummte der Techniker und zog den Stecker an der Fußleiste. Im Nu verstummte das monotone Geplätscher des Zimmerspringbrunnens. Sigune riss ihm das Kabel aus der Hand. „Das Chi ist zerstört! Der ganze Energiefluss gerät außer Kontrolle!“ Ich deutete zum Ausgang, aber er verstand nicht. Plötzlich hielt Sigune ein monströses Buschmesser in der Hand. „Ihr werdet dafür büßen, dass Ihr mein Chi kaputt gemacht habt!“

Mit quietschenden Reifen verschwand der Kleinbus um die Straßenecke. „Wir könnten heute Abend ins Kino“, überlegte Jonas. „Im Fernsehen kommt ja wohl wieder nichts Vernünftiges.“


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