Gernulf Olzheimer kommentiert (CIV): Das Reihenhaus

13 05 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Als bei der letzten Klimakatastrophe plötzlich die Wälder zurückklappten, linste der Hominide etwas doof in die Runde, bevor er in die Steppe steppte. Hie und da warfen Laubbäume Biomasse in die Gegend, der Himalaya knarzte aus der Kruste, aber sonst war die Sache ganz hübsch. Immerhin sah man auf der Freifläche jetzt schon eine Stunde vorher die Mammutherde antraben, wenngleich ohne schützende Vegetation die Witterung sich von oben herab äußerte. Lange vor Erfindung des ersten Abreißkalenders formulierte der Mensch im Miozän seine erste Bauernweisheit: man kann nicht alles haben. Nicht vor der Zivilisation, nicht außerhalb, und schon gleich gar nicht in der Zivilisation, was auch immer von ihr noch übrig sein mag nach dem Einzug ins Reihenhaus.

Sollte je intelligentes Leben auf der Abkürzung nach Al Kurud beim Sirius falsch abbiegen und in Flörsbachtal niedergehen, Existenz und Name der Doppelhaushälfte dürfte ausreichen, um den Aliens das bundesdeutsche Wesen einzuprägen nebst dem dringenden Wunsch, diesen Planeten nie wieder zu betreten. Hätte man nur rechtzeitig den Berufsirren damit konfrontiert, denn so wäre er nie in diese Wohnwabe geraten. Dicht an dicht zwischen zwei Brandschutzmauern gepfercht hockt der Honk wie im Schuhkarton, nur nicht so komfortabel, denn ein eigener Deckel wäre Luxus. Hier passt sich der Wohnmaschinenbenutzer an, gelber Balkon an gelbem Balkon, aufgereiht wie auf der Hühnerleiter und einkaserniert in die Verhaltensmaßregel des Duckmäusers: nicht auffallen, um keinen Preis. Kon- und Uniformität sind gefragt, wer hier auffallen will, tanzt aus der Reihe.

Was die Klinkerkolonnen so reizvoll reizlos macht, sind dann auch die feinen Unterschiede in der fruchtlosen Optik. Genauere Beobachter halten die Wohneinheiten anhand der Webfehler in den Küchengardinen auseinander, Anfänger haben immer noch Hausnummern, um sich in endlosen Reihen von Ziegelfassaden nicht zu verlaufen. Die isomorphen Stapelklötzchen lassen nur den Schluss zu, dass hier die konstitutiven Bestandteile eines Hochhauskomplexes in die Fläche gekotzt wurden. Man hockt einander auf der Pelle und hat jede Menge Möglichkeiten, Aggressionen aufzustauen. Was kann es Besseres geben für ein Volk, das Bratwurst und Stasi zu seinem Kulturerbe zählt?

Was die Bratwurst betrifft, schafft die räumliche Nähe der Kontrahenten über den Maschendrahtzaun hinweg genug völkerrechtswidrige Gehässigkeiten, um eine gesunde Selbstbehauptung im Bewusstsein des Bekloppten zu erzeugen. Dünner Grilldunst bereits reicht aus, um die übliche Spannung über dem Gartenzaun in eine prickelnde Eskalation zu verwandeln, in der jeden Augenblick mit dem Einsatz von Schusswaffen zu rechnen ist, ganz so, wie es den Sozialingenieuren der Neuzeit für die schaffende Mittelschicht vorgeschwebt haben muss in ihrem stetigen Ringen um Verbesserung der Lebensbedingungen durch Licht, Luft und Sonne – wann immer der Fahrstuhl nach unten gerade mal nicht defekt sein sollte.

Hundehaltung wäre hier vergeblich, bereits das verschwiemelte Quieksen eines Hamsterlaufrades wäre als Emser Depesche tauglich und beschwüre den Anfang einer blutigen Familiensaga für die kommenden Jahrhunderte herauf. Der Ortssatzung zuwider laufender Wäscheleinenbehang an Sonn- und Feiertagen, an denen bekanntlich heidnische Dämonen den Luftraum vorschriftswidrig zu durchkreuzen geneigt sind, Rasenmähen bis 13:01 oder Husten nach Einbruch der Dunkelheit werden von den Nachbarn als Angriff auf die öffentliche Ordnung empfunden, in heutigen Verhältnissen auch öfters als gefährlichen Eingriff in die innere Sicherheit des Planeten, der brutale Unterdrückung sowie strikte Strafen erfordert, sollte nicht das kosmische Gleichgewicht dadurch aus den Fugen geraten, dass der Rasen nicht gemäht ist. Dass sich über den Stickhusten sowieso vornehmlich Anlieger entfernterer Straßen beschweren, deren Hörhilfe just die Grätsche gemacht hat, stört nicht. Es geht, da in Deutschland, ums Prinzip.

Und da wäre sie, die Stasi. Wie im Locked-in-Syndrom, einigermaßen bei Bewusstsein und nicht ganz so verdeppt wie die Grützbirnen der jeweils anderen Behausungseinheiten, darf sich der Insasse der Reihenbutze an den Innenflächen seiner Bleibe ausleben, darf die Blümchentapete sogar schräg an die Wand pappen, sein home ist sein castle, er muss nur mit dem Gruppendruck und der schnell aus dem Ruder geratenden Dynamik eines Rudels Volleulen rechnen, sobald er sich nicht mehr an der dümmsten Dorfbratze des Wohnrudels orientiert. Die Reihenhaussiedlung ist öffentlicher Vollzug der Hausordnung, sonst nichts, und nur die Baustatik ist dafür verantwortlich, dass die Patrone nicht auf Balkonen klemmen und sich über Papierfähnchen echauffieren. So sind sie stolze Herren über die eigene Scholle, wenn sie es nur schaffen, die anderen Psychopathen an der Grundstücksgrenze rauszuwerfen. Was auch nicht leicht ist im Sinne der guten Nachbarschaft, aber das wissen wir ja seit dem Miozän: man kann nicht alles haben.