Verwählt

19 05 2011

„Stellen Sie durch, und bitte keine Termine mehr heute Vormittag. – Ich grüße Sie, Herr Steinbrück! Schön, dass Sie sich mal bei mir… Durchaus nicht, Herr Steinbrück, ich hatte schon damit gerechnet, dass Sie auf mich zukommen, aber dass das jetzt so schnell… Sicher, das ist ein gutes Zeichen, und wir sollten uns jetzt auf die Kanzlerschaft intensiv und gründlich vorbereiten. Wer auch immer es macht.

Klare Botschaft, Herr Steinbrück. Ganz klare Botschaft, das verlangt der Wähler. Das hat schon damals bei Schröder… Nein, Herr Steinbrück, so war das nicht gemeint. Ich dachte an 1998. Ja, das ist möglich, obwohl ich bei Ihnen eher ein bisschen differenziertere Wortwahl… ‚Die SPD ist wieder da‘ – das würde ich jetzt nicht so betonen, Herr Steinbrück. Da schwingt die latente Drohung mit.

Was Schmidt gesagt hätte? Ja, das dürfen Sie mich nicht fragen, Herr Steinbrück, da sind doch eher Sie… Hallo? Moment, Herr Steinbrück, ich habe hier auf der anderen Leitung eine… Keine Störung! Ich hatte Ihnen doch ausdrücklich gesagt, dass ich keine… Herr Steinmeier, das ist aber eine Überraschung! Ich hatte schon damit gerechnet, dass Sie… Keineswegs, Herr Steinmeier, aber dass das jetzt auch alles so plötzlich…

Es ist schon eine neue Herausforderung, die wir da eingehen. Wir müssen jetzt ganz entschieden auf die Reaktionen reagieren, die uns… Natürlich, Herr Steinmeier. Da bin ich bei Ihnen. Die Agenda 2010 war nicht in allen Teilen richtig, da müssen wir… Genau, so sehe ich das auch. Wir sollten uns an den Marsch durch die Ebene machen und die Agenda 2010 endlich vollenden, Herr Steinbrück. Gar keine Frage, das will der Wähler. Also wenigstens die, die noch Arbeit haben und trotzdem SPD wählen.

Man kann es so oder so sehen, Herr Steinbrück. Jedenfalls sollten Sie als Kanzlerkandidat… doch, da müssen wir schwerpunktmäßig rangehen, ganz unbedingt, und ich finde… allerdings, da sind Sie auch der Richtige, und wir brauchen durchaus eine völlig neue… weil man in der Krise plötzlich den Überblick verliert und die Karre an die Wand fährt, Herr Steinbrück. Damit kennen Sie sich doch aus.

Ja, Herr Steinmeier, das kann man… also ich bin da jedenfalls… Absolut richtig, aber wenn Sie sich entschließen sollten, dass wir als in Zukunft ehemaliger Exportweltmeister… Herr Steinmeier, da will ich Ihnen nicht widersprechen, ich warte lieber, bis Sie von selbst… Ja, Herr Steinmeier, den linken Rand müssen wir viel aufmerksamer… Die inhaltliche Nähe zu Lafontaine ist auch eine… Hallo? Herr Steinbrück, das sehe ich ganz genau so – wenn wir jetzt nicht den rechten Rand, und mit rechts meine ich schon: rechts, wenn Sie wissen, was ich meine… Ja, das ist durchaus eine… Hallo? Ich hatte doch… Nein, ich habe schon zwei Gespräche, ich muss doch dann… Ja, das geht doch nicht, das ist doch eine… Verdammt, ich hatte Ihnen doch… Hallo? Aber ja, wir müssen Schluss machen mit diesem arbeitnehmerfreundlichen Gesülze, es muss wieder mehr für die Arbeitgeber getan werden. Schließlich sind die das Rückgrat des Aufschwungs, nicht wahr, Herr Steinbrück? Das ist doch alles längst nicht mehr…

Hallo? Hallo, ist da… Herr Gabriel? Na, das ist mal eine… Ich grüße Sie, Herr Gabriel! Gerade sage ich noch zu meiner Sekretärin, sage ich so, ich habe ja ganz fest damit gerechnet, dass der Herr Gabriel auch auf mich zukommt, aber dass Sie jetzt so schnell… Na, das ist doch großartig, da bin ich aber ganz bei Ihnen. Auf jeden Fall, auf jeden… Sie sind ja schließlich der Meinung, wir müssen nun viel mehr Aufmerksamkeit in die Mitte… nicht wahr, Herr Gabriel? Sehen Sie, das hatte ich mir gedacht. Wir müssen jedenfalls Schluss machen mit diesem arbeitgeberfreundlichen Geschwätz, es muss wieder mehr für die Arbeitnehmer getan werden. Schließlich sind die und nur die das Rückgrat des Aufschwungs, nicht wahr, Herr Gabriel?

Hallo? Ja, ich bin noch hier, Herr Stein… Steinbrück, ich bin noch… also noch nicht weg, wenn Sie das meinen. Sie sind auch noch da? Na, dann ist ja alles gut. Hallo? Nein, Herr Steinmeier, Sie haben nichts verpasst. Wenn sich die SPD abschafft, erfahren Sie es als Erster.

Und den Euro müssen wir jetzt natürlich so schnell wie möglich… ich habe ja gar nichts gesagt, es ging doch nur um… nein, Herr Steinbrück, Sie… Gabriel, wollte ich sagen, Gabriel, wie komme ich auf Steinmeier, das… Hallo? Oh, tut mir Leid, ich war eben einen Augenblick lang etwas… Das ist eben so, wenn man sich zu intensiv mit der Krise im Euroraum beschäftigt, man weiß gar nicht mehr, was richtig und was falsch ist, weil man vergisst, ob man für die Finanzindustrie oder für den Wähler… Hallo? Hallo? Ist denn da noch jemand? Hört mir da einer zu? Ah, das ist gut, mit Ihnen hatte ich schon gar nicht mehr… Selbstverständlich sind Sie der Richtige, Herr Steinbrück – selbstverständlich, allein Ihre Erfahrung als Bundesminister, wie Sie… Selbstverständlich sind Sie der Richtige, Herr Steinmeier – selbstverständlich, allein Ihre Erfahrung als Bundesminister, wie Sie… Aber selbstverständlich sind Sie der Richtige, Herr Gabriel – selbstverständlich, allein Ihre Erfahrung als Bundesminister, wie Sie… Hallo? Hallo?

Hallo? Wer da? Wie? Wer? Ich kann nicht hören! Hallo? Nahles? Wen wollten Sie denn… Nein, wüsste ich jetzt nicht. Da werden Sie wohl falsch gewählt haben… ganz falsch gewählt… Hallo?“


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