Gernulf Olzheimer kommentiert (CV): Lernen im Säuglingsalter

20 05 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Schnabeltier und Nacktmull, Tapir und Tapeti, kurz: Säuger wie Du und ich verbringen zwar eine erheblich längere Spanne auf diesem netten Rotationskörper irgendwo zwischen Epsilon Indi und Ross 248, doch bedarf es auch längerer Zeit, um die jeweils kommende Generation an ihre dürftige Existenz zu gewöhnen, länger allemal als beispielsweise Prokaryoten, die die Kohlenstoffwelt erblicken, zur Klärung aller Sachfragen einmal kurz den Nebenmann anrempeln und unverzüglich starten mit dem Normalprogramm aus Fressen, Vermehrung und Verteidigung des angestammten Reviers – das, was der an seinem gefleckten Feinrippunterhemd zu identifizierende Beknackte zwischen zwei Flaschen Bier vollzieht, wenngleich es viel mehr Mühe gekostet hat, ihm den aufrechten Gang anzutrainieren. Bis der Dummlurch sein Auto waschen und Kernkraftwerke in die Landschaft klotzen kann, vergehen etliche Lenze. Gerade in Zeiten des Effektivitätswahns dürfen wir keine Zeit verplempern. Nur Lernen im Säuglingsalter hilft.

Bevor sie noch das erste Lebensjahr vollendet hätte, darf die Hominidenmade schon dreisprachig lallen, Oxford, Mandarin und Mutterlaut, obgleich das hysterische Getue völlig umsonst ist, denn noch ist nichts unter der Kalotte verschaltet, was durch Vokabelgeplapper in Bewegung gesetzt werden könnte. Möglicherweise ist dem Pädagockel die Wortschatzexplosion kollateral an die Birne geraten, vorher ist jedes Gebimse mit dem Wickelpeter nur linguistischer Lackschaden wundgedachter Geschäftemacher. Und bekäme der Infant seine zweite Sprache erst im dritten Jahr durch Umzug in andere Breiten serviert, er spräche sie bis zur Grundschule sattelfester, da nicht aus dem Bildungsaquarium herausgefischt. Aber wer will davon wissen? Nicht Eltern, die man schneller, höher, weiter in den Orbit knüppeln sollte, weil sie dem Baby Kung-Fu und Ausdruckstanz reindrücken, damit es sich später beim Gehen nicht so plump anstellt wie Nachbars Zweibeiner. Doch der Lernerfolg gibt den Zeremonienmeistern des Hirnschadenkaraoke Recht; Kleinstkinder, die beim Klang fremder Sprachen verstört gucken und plärren, haben immerhin kapiert, dass es mehr als nur eine Möglichkeit gibt, sich missverständlich auszudrücken. Grund genug, sein Erfolgshonorar einzutreiben.

Schon blubbert eine ganze Industrie aus der trüben Brühe hoch, die den Eltern ins löcherige Gewissen hämmert, dass nur mit einem straffen Terminkalender das zweite Lebensjahr überhaupt zu schaffen sei. Eifernde Schreihälse setzen die Knirpse auf Sozialentzug, aber wenn der Dreikäsehoch nur rechtzeitig eine Geige unters Kinn kriegt, wird sicher alles gut. Und ganz nebenbei verinnerlichen sie auch die wichtigsten Dinge des Menschseins: dass einem nichts geschenkt wird, dass man in dieses Dasein gekippt wird von ein paar elitären Drecksäcken, denen man nichts zu verdanken hat als die Hoffnung auf ein frühes Magengeschwür, und das Bewusstsein, dass nur Stress erstrebenswert ist, wozu auch immer.

Die Güte dieses pädagogischen Konzepts zeigt sich daran, dass Kernphysik und Molekularbiologie im Lehrplan vorsichtshalber nicht berücksichtigt werden, geschweige denn die Anfangsgründe der Mathematik. Denn was bräuchte ein Kind mehr als zehn Finger fürs Milchmädchenrechnen? Dass es auf Transferwissen, Kreativität oder Abstraktion ankäme, um einen Nobelpreis zu wuppen, wer würde das ernsthaft behaupten?

Wie jeder pseudolastige Schnickschnack arbeitet die Krabbelalterverschulung nach dem Viel-hilft-viel-Prinzip, vulgo: wenn Schackeline nicht unbedingt auch Wirtschaftskoreanisch für Windelkinder mitmacht, waren mindestens vier Monate Aufbaukurs Klatschen für die Tonne. Vater zahlt, weil die dumme Trine es einmal besser haben soll als er – ob sie will oder nicht. Außerdem hat sie im Gegensatz zu Üffes zweimal öfter Wauwau und Hottehü auf den bunten Bildern erkannt, wenigstens sah es so aus. Wer würde denn seine Kinder vernachlässigen, wenn nur das Geld zählte?

Gier ist das, was zählt; Gier, die den findigen Windbeuteln in den Augen steht, Gier in den Hirnen verschnöselter Elitemammis, die ihre Bälger lieber zu Psychokompott verdeppen lassen, statt sie anständig und mit eigener Hand zu erziehen. Gier, die Brut am Handgriff zu Markte zu tragen und einen möglichst guten Preis dafür auszuhandeln, was doch nur ihrem eigenen Ansehen dienen soll. Es dient zur Eingewöhnung in die Ichlingspest, sich vom frühesten Stadium an als Topprodukt für eine schöne neue Weltwirtschaft züchten zu lassen, um zu funktionieren, wenn das Kapital pfeift. Allein es könnte noch amüsant werden, wenn die Sache ins Kippen gerät. Schon gehen Kindern grundlegende motorische Fähigkeiten verloren, sie können nicht mehr auf Fahrrädern sitzen oder unfallfrei den aufrechten Gang vollführen, der sie als höhere Trockennasenprimaten kenntlich macht. Die Bescheuerten überfordern ihre Töchter und Söhne so zielgerichtet, dass eine komplette Lieferung Elitenachschub im Raster der Regelschule sich verheddert und versagt, und so war es ja wohl auch vorgesehen: wer in diesem als Rattenrennen inszenierten Neuaufguss von Lebensborn und Napola nicht aufs Siegertreppchen kommt, ist eben eine Nulpe und darf aussortiert werden. Kopf hoch, liebe Eltern – auch stotternde Bettnässer können es zu etwas bringen. Notfalls als Postkartenmaler.


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