Die Antwort

30 05 2011

Der Alte rührte sich nicht. Er war. Wie ein Fels, so saß er reglos auf dem weißen Podest inmitten des weißen Saales. Kaum eine Falte seines weißen Gewandes rührte sich, während er dort thronte, die Augen verschlossen, kaum merklich atmend, in tief gelöster Ruhe. Es schien, als sei er gar nicht von dieser Welt. „Schweigen Sie“, flüsterte Chalumier, „wer weiß, worauf er sich konzentriert.“

Wir gingen auf Zehenspitzen hinaus. In den Wartezimmerchen rumorte es, Manager, Minister und andere Klienten warteten darauf, vorgelassen zu werden. Im späten Vormittagslicht färbte sich die weiße Umgebung – Wände und Vorhänge, Teppiche und Türen – leicht blau ein, wie dünne Milch in einem Glas. Eine aufgeregte Stimme polterte dazwischen, tobend vor Jähzorn; man konnte die Angst dahinter spüren. Der Direktor runzelte die Stirn. „Dabei wissen sie ganz genau, dass ich in meinem Haus keine Telefonate dulde. Er wird mir das Institut nicht mehr betreten, diesmal ist Schluss damit. Alles lasse ich mir nicht bieten. Nicht einmal von ihm.“ „Es sind hochgestellte Persönlichkeiten“, gab ich zu Bedenken. „Wer Entscheidungen trifft, muss sie in aller Regel schnell treffen – wo immer er sich gerade befindet.“ „Genau das ist ja Teil des Problems“, erwiderte Chalumier verärgert, „das ist einer Glaubensgrundsätze in ihrer Heilslehre, die keine ist. Und sie sind schließlich hier, um sich die Augen öffnen zu lassen.“

„Das ist doch – “ Er hielt mich am Arm zurück. Natürlich hätte ich ihn an der Stimme erkennen können, doch wer hätte schon damit gerechnet. „Er ist regelmäßig hier“, raunte Chalumier. „Nehmen Sie das Knie da weg, man kann Sie von hier aus sehen!“ Der Gast aber schien überhaupt keine Notiz zu nehmen von seiner Umwelt. Wie aufgezogen lief er hin und her, brüllte in sein Telefon und fuchtelte mit der Hand herum. „Ein schwerer Fall“, bestätigte Chalumier. „Ein außergewöhnlich schwerer Fall, er ist nicht einmal hier in der Lage, sich wie ein erwachsener Mensch zu benehmen.“ Ich blickte auf den Staatsmann, wie er wüst und herrisch den Untergebenen anbrüllte. „Weil er sein Personal nicht einmal so weit im Griff hat, dass sie hinter seinem Rücken Dinge tun, derenthalben er sich so in Harnisch bringen lässt?“ Er schüttelte den Kopf. „Weil man hier überhaupt keinen Empfang hat.“

Vorsichtig tastete Chalumier sich die letzten Stufen hinauf, bevor sich er mit unterdrücktem Keuchen an die Wand lehnte. „Wir leben in einer schrecklich sinnentleerten Gesellschaft. Und das Schlimme ist: wir leben alleine darin, wie in den Käfigen eines vollkommen aseptischen Labors, wie Ratten, die in einem imaginären Selbstversuch ihr Verhalten für ein bisschen Futter anpassen, als gäbe das dem Ganzen irgendeinen Sinn.“ „Dagegen sollte Entspannung helfen“, antwortete ich trocken, „bei der Intelligenz der meisten Leute tendiere ich allerdings eher zu Schnaps.“ „Das ist es nicht“, wehrte er ab. „Es ist der Sinn. Der Sinn des Lebens oder wenigstens das, was Sie dafür halten, wenn Sie es zufällig finden.“ „Was eine Suche voraussetzen würde.“ Ich blinzelte aus dem Fenster. Die helle Mittagssonne hatte sich wieder durch die Wolken gekämpft und spiegelte sich vielfach in den Glas- und Stahlfassaden der Hauptstadt. Keiner hätte hier den weißen Raum mit dem kahl geschorenen Mann auf seinem weißen Thron erwartet. Aber auch niemanden, der ihn regelmäßig konsultieren würde.

„Den Sinn werden Sie nicht finden, wenn Sie ihn suchen.“ Chalumier hatte ein grotesk großes, altmodisches Stofftaschentuch hervorgezogen, das er nun umständlich entfaltete, um sich den Schweiß auf der Stirn abzutupfen. „Und die Erleuchtung schon gar nicht. Sie verbirgt sich da, wo Sie sie nie erwarten würden. Was Sie bis dahin treiben, ist bestenfalls Betäubung – Betäubung mit Mitteln, die Ihnen die Gesellschaft bereitwillig zur Verfügung stellt. Extremsport, Kunstsammeln, Mord aus Langeweile. Ihr ganzes Leben besteht aus billigen Surrogaten, bis sich der Deckel über Ihnen schließt, weil Sie nicht genau das gefunden haben, was Sie suchten. Wenn Sie einigermaßen perfektionistisch veranlagt sid, werden Sie vermutlich sogar aus der Suche selbst einen Fetisch basteln und fröhlich in die Klapsmühle wandern, weil Sie von der Welt da draußen nichts mehr mitbekommen, erst Recht nicht die Korrekturen, die man Ihnen schenkt. In jedem Scheitern und in jedem Stolpern steckt auch eine Chance – aber wer darf sich heute schon ein Scheitern leisten, Zweifel, oder die Einsicht, sein halbes Leben lang etwas falsch gemacht zu haben?“

Durch das Oberlicht sah man, wie der Klient in den weißen Raum eintrat. „Jetzt werden Sie sehen. Bisher hatte er nur die üblichen Therapiesitzungen, die Sie an jeder Straßenecke bekommen. Heute wird er den Meister treffen.“ „Sie bieten eine Art Instant-Erleuchtung an?“ Ich runzelte die Stirn, doch Chalumier rührte sich kaum. „Er wird eine Antwort bekommen. Eine Antwort auf alle Fragen, wie er sich sein Leben bisher zurechtgelegt hat.“ „Sie ersetzen seine Heilslehre durch Ihre eigene? Dann liefern Sie hier in der Tat nichts anderes als ein Erweckungserlebnis.“ Jetzt lächelte er doch. „Ja, das ist richtig. Ein Erweckungserlebnis, ganz recht. Eins, das sie nicht gesucht haben, wenn sie hierher kommen. Das ihr Dasein erklärt, abseits von den üblichen Modellen – Frieden, Freundlichkeit, Bescheidenheit, Liebe, Selbstlosigkeit, nennen Sie es, wie Sie wollen, es ist doch immer dasselbe. Diese Antworten berühren Sie nicht.“ Inzwischen hatte der Mann begonnen, den Alten auf seinem Podest zu umrunden. Er redete auf ihn ein, lauter und immer lauter. Noch immer regte sich nichts; massig und schweigsam hockte er auf dem Podium, während sich der Novize ereiferte. Er stieß sich selbst mit dem Zeigefinger ein ums andere Mal auf die Brust, er breitete die Arme aus, er beugte sich weit zurück, und noch immer saß der Alte mit geschlossenen Augen, sein weißes Gewand warf nur wenig Schatten inmitten der lichten Weißheit. Ich ahnte mehr, als dass ich verstanden hätte, was dort unten gebrüllt wurde. Schon streckte er die Hand aus und wollte nach den Falten des Umhangs greifen, da schlug der Alte zu, ein einziges Mal mit der geballten Faust, und es klang, als bräche in dem dumpf-metallischen Klang etwas entzwei, als er ihn ins Gesicht traf, so dass der Getroffene unvermittelt fortgeschleudert wurde und zu Boden fiel. Der Alte aber sank zurück in seine Bewegungslosigkeit.