Nur zur Sicherheit

1 06 2011

Im letzten Moment stürzte der Schutzmann auf mich zu. „Vorsicht!“ Irritiert blickte ich ihn an. „Sie müssen hier ziehen, sonst geht die Tür nicht auf.“ Ich musterte ihn von oben bis unten; er sah nicht aus wie ein Schwachsinniger, benahm sich aber so, und was noch viel schlimmer war: offenbar hielt er auch mich für einen. „Auf dieser Tür“, sagte ich langsam, „steht groß und rot und deutlich Ziehen, also wie sollte ich sie nicht öffnen können?“ „Ich wollte Sie bloß – Vorsicht!“ Schon war er vor mich gestürzt und hatte mir den Türdrücker aus der Hand entwunden. „Nicht ziehen, Sie könnten sich noch verletzen.“

Der Portier empfing mich. „Das ist alles eine Vorsichtsmaßnahme. Man muss vorsichtig sein, und ich kann Ihnen nur raten: passen Sie gut auf.“ „Eigentlich wollte ich nur zu Maschewski und Petereit“, antwortete ich. „Aber ich kann gerne bei ihnen anrufen und fragen, ob…“ „Nein“, rief der Portier, „machen Sie das bloß nicht! Seien Sie bloß vorsichtig!“ „Was um aller Welt soll passieren, wenn ich von hier aus mit Maschewskis Sekretärin telefoniere? Geht dann die ganze Bude in die Luft?“ Er rang nach Luft. „Das kann man auch nie wissen, aber schlimmer: Sie könnten sich verwählen. Oder jemand überhört Ihr Klingeln. Oder, und das soll schließlich immer wieder vorkommen, die Leitung ist besetzt!“ „Unsinn“, fuhr ich ihn an, „was reden Sie denn da?“ „Wirklich!“ Er war gekränkt. „Gerade neulich hat es so einen Fall gegeben, die ganze Zeit besetzt – schrecklich! Sie würden sich aufregen, und am Ende…“ „Jetzt quatschen Sie hier keine Opern!“ Langsam ärgerte mich der Kerl. Ich drehte mich abrupt um und ging zum Aufzug.

„Der Aufzug darf nur bis 750 Kilogramm belastet werden. Sie erreichen damit den ersten und zweiten und dritten und vierten…“ „Meine Güte!“ Der Portier verstummte. „Sie tun so, als sei ich noch nie mit einem Fahrstuhl gefahren.“ „Das weiß ich ja nicht“, verteidigte er sich. „Deshalb muss ich Sie dich in Kenntnis setzen, dass sie auf diesen Knopf hier drücken müssen, damit der Aufzug auch kommt.“ Mitleidig sah ich ihn an. „Aber er ist doch schon hier! Sehen Sie doch selbst, die Kabine ist unten, die Türen sind geöffnet.“ „Es hätte aber sein können“, quengelte er. Unterdessen klingelte mein Telefon. Maschewski begehrte zu wissen, ob ich den Termin verschlafen hätte. „Keineswegs“, beruhigte ich ihn. „Ich bin bereits in der Halle und stehe vor dem Aufzug, es kann sich nur noch um eine Minute handeln oder zwei. Momentan lasse ich mich von diesem Portier…“ „Nein! Nicht der Portier!“ In höchster Erregung schrie Maschewski aus dem Telefon. „Lassen Sie es, das geht nicht gut! Nehmen Sie lieber gleich die Treppe!“

So leicht ließ ich mich nicht anhalten. Ich betrat die Aufzugskabine, drückte das sechste Geschoss – da war er plötzlich neben mir und legte den Lift lahm. „Außer Betrieb“, teilte er mir mit und klebte ein Schild mit ebendieser Information auf die Rückwand der Kabine. „Nur zu Ihrer Sicherheit! Sie wissen, dass Aufzüge immer wieder stecken bleiben, und Sie haben bestimmt auch schon davon gehört, wie bei einem Schaden der Stahlkabel der ganze Aufzug in die Tiefe stürzt. Und wenn Sie dann noch berücksichtigen, wie oft in Deutschland ein Hochhaus in Brand gerät – es ist wirklich nur zu Ihrer Sicherheit!“

Ich hatte keine Chance. „Vorsicht Stufe!“ Kaum hatte ich das Treppenhaus betreten, war er auch schon da und hatte mich am Arm gepackt. „Vorsicht Stufe!“ „Das sehe ich selbst“, herrschte ich den Portier an. „Das hier ist eine Treppe, Sie Knalltüte! Eine Treppe besteht nun mal aus…“ „Vorsicht Stufe“, keuchte er. Ich versuchte, ihn von meinem Arm abzuschütteln. „Vorsicht…“ Irgendwie musste es mir gelingen, ihn loszuwerden und die sechs Stockwerke im Laufschritt zu nehmen. Ich zog ein Bein nach. „Vorsicht Stufe!“ Da hatte ich eine Idee. „Halt! Da, hinter Ihnen – gehen Sie in Deckung!“ Während er sich noch umdrehte, hatte ich auch schon seinen Arm ergriffen, ihn auf den Rücken gedreht und den Portier zu Boden gedrückt. „Vorsicht“, gurgelte er, „Vorsicht! Stufe!“ Ich gab ihm einen Schubs und sprang die Treppe hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.

Doch ich hatte nicht mit seiner Hartnäckigkeit gerechnet. „Vorsicht!“ Schon war er wieder hinter mir, krallte sich mit einer Hand an meinem Hosenbein fest und umklammerte mit der anderen das Geländer. „Ich muss Sie warnen“, japste er, „ich muss Sie doch vor der Treppe warnen! Vorsicht Stufe!“ Ich schlug wie ein Pferd aus und trat nach ihm. Sollte ich etwa die Hosen herunterlassen, um diesen Domestiken vom Leib zu bekommen? „Lassen Sie mich gefälligst los“, fauchte ich. „Ich werde mich über Sie beschweren.“ „Vorsicht Stufe!“ Unbeirrt hielt er mein Hosenbein fest, es störte ihn nicht einmal, dass ich ihm kräftig vor die Brust trat. „Vorsicht Stufe“, röchelte er, „Vorsicht!“

Maschewski kam durch die Etagentür gelaufen. „Neumann“, jammerte er, „was machen Sie denn da für einen Unsinn? Lassen Sie den Mann los, der kann alleine die Treppe hochgehen.“ Der Portier schlug die Hacken zusammen. „Selbstverständlich, Herr Direktor!“ Ich klopfte mir den Staub von der Jacke. „Ihnen ist hoffentlich nichts passiert“, erkundigte sich Maschewski. „Nicht der Rede wert, aber was war das für eine komische Type?“ Er wiegte den Kopf. „Den haben wir seit ein paar Tagen. Hat bis jetzt als Gewerkschaftssekretär gearbeitet und Warnschilder für Internetseiten gebastelt. Tragischer Fall, wenn Sie mich fragen.“


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