Gernulf Olzheimer kommentiert (CVII): Medialer Narzissmus

3 06 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Der Tag, an dem Ngrr sich auf der Mammutjagd versehentlich die Axt an die Rübe hieb, war der Beginn eines langwierigen Erkenntnisprozesses. Da der Hominide der kranialen Materialkaltverformung zum Opfer fiel, musste einer seiner Begleiter, der die Sache mit-, vor allem aber überlebt hatte, sie weiterführen: Aufsehen erregende Handlungen sind geeignet, den sozialen Status nachhaltig zu verändern. Konnte man selbst keine Flugsaurier mit bloßen Händen erdrosseln, da die Biester peu à peu aus dem Genpool ausschieden, so musste immerhin das Verfügbare entsprechend aufbereitet unter die Leute gebracht werden. Laut, deutlich, und wo immer die Wahrheit sich als zäh erwies, wurde sie einem leichten Tuning unterzogen. So erfand der Bekloppte die Hilfsmittel einer gut arbeitenden Propaganda, Keilschrift, Flüstertüte, Buchdruck und Kintopp, und er begriff schnell, dass seine wahnhafte Egozentrik, die den ganzen Krempel zu verantworten hatte, seinerseits den Sprung in der Schüssel nicht zuwachsen ließ. Im Gegenteil. Medien und Narzissmus, sie haben einander so lieb.

Was nicht wahrgenommen wird, ist nicht, und was ist, soll daher wahrgenommen werden. So oder ähnlich formuliert der subjektivistische Schreihals sein Credo in eine wehrlose Mitwelt, die dem intellektuell niederschwelligen Geschwurbel nur schwer entrinnt. Jedes neue Medium, jede Form sich entgrenzender Verbalbulimie gebiert auch neue Wellen einer öffentlichen Belästigung. Zeitung und Moritat, Wochenschau und Newsletter rufen sie auf den Plan, die Verdeppten, de ohne ihr Sprachrohr armselig in der Hütte hockten. Schon Herostratos hatte sich die Sache gut ausgerechnet: einmal die antiken Abendnachrichten als erste Meldung anführen, schon würde sein Name auf ewig in die Geschichte eingehen. Dummerweise hatten die Ionier Besseres zu tun, schwiegen den Kokelgnom tot, und heute weiß keine Sau mehr, wer der Ziegenhüter aus Ephesos war. Das Medium ist die Message, und wo es fehlt, schweigt oder nicht nach Wunsch vergrößert und vergröbert, da orgelt keine Pfeife. Während das Medium, Massenmedien vor allem und die Glotze an erster Stelle, die Bedürfnisse einer indifferenten Menge definiert und weckt, verstärkt und befriedigt, macht es für den Rest gleichgültig, damit die abgestumpfte Schnauze des Dauerguckers sich anderen Dingen als der Volkszudröhnung gar nicht erst zuwendet. Als geschmackskonditionierter Sondermüllschlucker frisst er das Gepladder in sich hinein, das seine Dompteure unter sich lassen, klaglos und doof.

Natürlich wäre es einfacher, den Dumpfbratzen einfach nur so mit Verbalglutamat die Birne auszuspülen, ohne den Apparat aus Schunkelbedarf und Sülzwarenproduktion – wenngleich mediales Hirnab- und Gleichschalten immerhin den Vorteil birgt, orts- und zeitunabhängig die Beknackten in die Mangel nehmen zu können und ohne Vorlauf die maximale Anzahl neuer Opfer ins System einzuspeisen. Und man bietet mit Hilfe der Medien den Brezelbiegern ein billiges Forum, die sich kein eigenes Podest im Stadtpark leisten können. Das Medium macht die Botschaft – populistische Politiker kotzen sich ihre Hirnschäden erst aus dem Leib, wenn sie eine Kamera erblicken. Eine ganze Talkshowindustrie lebt davon, den Auswurf solcher Popelpriester zu verwerten.

Was noch nicht das Ende der Fahnenstange ist. C-, D- und ähnliche Prominenzen verdanken ihre pure Existenz überhaupt nur dem Umstand, dass jeder Flusenlutscher ungestraft in die Linse lallen darf, was die Synapsen sich zusammenkübeln. Längst solidarisieren sich die Geistesschäden, nicht nur die Macher, auch die Konsumenten und die potenziellen Selbst-Darsteller von Kleiderständer- und Heulbojen-Castingzwangsveranstaltungen krabbeln mit akutem Stockholmsyndrom in die Kapsel, die auf Nullniveau implodiert. Der Zuschauer ist so weit Teil des Ganzen, dass er nicht mehr will als eine Geiselhaft mit menschlichem Antlitz – und vielleicht eines Tages selbst die Chance, wenn schon nicht als Berühmtheit, so doch als Instant-Sternchen einmal über die Mattscheibe zu hüpfen, bis die Rutsche zur Deponie kommt.

Endgültig pervers wird es, wo jugendlicher Mehlsacknachwuchs, bei dem selbst Kant zu der Überzeugung käme, solcherlei Genomexperimente entstünden spontan aus Klärschlamm, sich bei allerlei Gekasper, Geplärr und Geprügel mit Mobiltelefonen aufnehmen, das eigene Bewegtbild wie eine Trophäe herumzeigen und alsbald ins Netz schwiemeln, um als Könige der Behämmerten zu punkten. Der sozialen Sättigungsbeilage ist es wohl schon derart wumpe, ob und vor welcher Kamera sie jodeln, strippen oder Körperverletzung mit Todesfolge begehen, dass die von rechtsdrehenden Law-and-Order-Honks montierten Überwachungs- und Datenanhäufungsautomaten ihnen gerade gut zupasskommen, wenn sie im Suff der Gewalttat frönen. So kehrt sich alles um, der Dummbatz konsumiert sich selbst, indem er sein bisschen Sein der Verwertungsmaschinerie zum Fraß vorwirft, und wundert sich wahrscheinlich noch, wenn die Resonanz seiner Tat ihm nicht als Applaus schmeichelt, sondern ihn von der Bildfläche wischt. Auch der mediale Suizid aus Angst vor sozialem Exitus ist für die neokonservativen Blähboys eine Ebene höher wieder nur Treibstoff, Profilblech zu reden, während sich die Gesellschaft zwischen Schulmassakern, Bandenkriegen und Totalitarismus häuslich einrichtet. Ob wir uns amüsieren, sei mal dahingestellt, aber zu Tode kommen werden wir. Das hätten wir auf der Mammutjagd jedenfalls wesentlich eleganter hingekriegt.