Guppies zum Tee

16 06 2011

„Acanthophacelus“, buchstabierte Breschke. „Frau Schmidt-Kälblein hat mir genau aufgeschrieben, wann ich sie füttern muss. Ihre Fische sind da ein bisschen eigen. Sagt sie.“ Der pensionierte Beamte hielt den Finger in das kleine Aquarium. Vier orange gefärbte Fischchen schwammen durch das Becken. Preisgekrönte Zuchtguppies, wie Frau Schmidt-Kälblein versichert hatte. Unersetzlich geradezu. Und ausgerechnet Herr Breschke musste auf sie aufpassen.

„Weil sie vor dem Umzug noch den Schwager von ihrer Cousine besuchen muss“, beteuerte er. „Das geht eben nicht anders, deshalb hat sie das Becken lieber bei mir abgeliefert – es ist ja auch nur für die paar Tage.“ Die kleinen Tiere stoben irr auseinander, sobald man sich der Wasseroberfläche näherte. „Sie sind ein wenig schreckhaft, aber das liegt sicher auch daran, dass es echte Leierschwanz-Zahnkarpfen sind.“ Ob echt oder nicht, die Zierfische machten nicht den Eindruck, so besonders zu sein. „Sie muss aber mit ihnen bald auf die große Ausstellung in Fulda“, berichtete er. „Da sind alle großen Guppyzüchter und zeigen ihre Zuchtguppies.“ Wehmütig sah er ins Bassin. „Meine Frau hätte ja auch so gerne Goldfische gehabt, aber wir haben doch Bismarck – ob sich das verträgt?“ Wer den dümmsten Dackel im weiten Umkreis kennt, der weiß, dass diese Frage durchaus berechtigt ist. Ich schwieg.

Wir schritten die Treppe herab und begaben uns in die Küche. „Ich werde uns rasch eine Tasse Tee brühen“, versprach Breschke. „Meine Frau hat nämlich gestern Butterkuchen gebacken, es ist noch ein halbes Blech da. Sie bleiben doch?“ Das ließ ich mir nicht zweimal sagen; den Blechkuchen der Pastorentochter zu kosten hatte ich nicht alle Tage die Gelegenheit. „Reichen Sie mir mal eben die Büchse, wir haben einen Assam.“ Er schüttete den Tee ins Sieb, schnitt den Butterkuchen, polierte zwei Silberlöffel, hielt dazwischen einen längeren Monolog über den Vorteil des hohen Torfanteils bei der Rosenzucht nebst einer genauen Anleitung, einen Spaten anzusetzen – was nicht kochte, war der Wasserkocher. „Habe ich etwa vergessen, ihn anzuschalten?“ Der ehemalige Finanzbeamte äugte erschrocken zum Küchenblock hinüber. „Die Lampe glimmt nicht“, stammelte er, „sie werden uns doch nicht den Strom abgedreht haben?“ „Ich bitte Sie“, gab ich zurück, „das Radio läuft, das hätten wir gemerkt.“ Der Alte guckte grimmig. „Es ist nicht auszuschließen – Gabelsteins Sohn soll im Elektrogroßhandel arbeiten, der ist imstande und dreht uns den Saft ab!“

Unerschrocken räumte ich die Kellerstellagen um. Neben einem Schnitzbesteck aus der Zeit der Völkerwanderung und diversen Gartenschläuchen fand ich einen Tauchsieder. „Füllen Sie das Wasser in einen Topf um“, riet ich Breschke. „Das wird ungefähr so schnell gehen wie mit dem Kocher.“ Tatsächlich sprudelte schon innerhalb weniger Minuten das Wasser im Milchtopf, Breschke goss Tee auf, ich übernahm den Kuchen. Da polterte es.

„Bismarck“, jammerte Breschke. „Er kann nichts dafür, er wollte sicher nur spielen, aber er hat wohl den Kasten umgerissen.“ Das Aquarium war glücklicherweise nicht zu Schaden gekommen, der weiche Perserteppich hatte seinen Fall gedämpft und auch einen Teil des Wassers aufgesaugt. „Aber wo sind bloß die Guppies abgeblieben?“ Wir krochen beide am Boden herum, fanden jedoch nichts, was nach Fisch ausgesehen hätte. „Wenn dieser Lump auch nur einen von ihnen gefressen haben sollte…“ Horst Breschke schüttelte furios die Fäuste und wollte die Treppen hinunterlaufen, da hielt ich ihn auf. „Überlegen Sie mal“, sprach ich besänftigend auf ihn ein, „vorhin schlief er doch noch auf dem Fernsehsessel.“ „Obwohl er genau weiß, dass ich das überhaupt nicht schätze“, grollte der Hundehalter. „Ach was“, wandte ich ein. „Er schläft immer dort, und Sie haben ihn noch nie daran gehindert – woher also soll das Tier wissen, dass es dort nicht schlafen soll? Aber egal, er hat die ganze Zeit das Erdgeschoss nicht verlassen. Wie soll er dann das Aquarium umgestoßen haben?“ Er grübelte. „Vielleicht hat er sich unbemerkt an uns vorbeigeschlichen? Auf jeden Fall war das ein Unfall, das war höhere Gewalt! Jawohl, höhere Gewalt – man kann nämlich so einem Dackel keine rechtsverbindlichen Anweisungen geben, jawohl!“ „Da haben Sie Ihre höhere Gewalt“, antwortete ich und hielt Breschke eine Schraube unter die Nase. „Die Steckverbindung an diesem Klapptisch hat sich gelöst, also ist das Aquarium umgekippt und damit auch die Fische – los, heben Sie mal den Teppich an!“

Eine Viertelstunde später schwammen die vier Guppies wieder in ihrem Element, das Aquarium war auf ein Schränkchen unter dem Fenster umgezogen, Bismarck lag noch immer schnaufend und unschuldig auf dem Fauteuil, und Breschke tupfte sich den Schweiß ab. „Hoffentlich sickert das Wasser nicht durch die Decke, und schlimmer: hoffentlich bekommt Frau Schmidt-Kälblein nicht mit, dass ihre zuchtgekrönten Preisguppies…“ „Ach was“, ermutigte ich ihn. „Sie müssen es ihr nicht auf die Nase binden, und ich werde schweigen wie ein Grab.“

Ich schwieg auch wie ein Grab – wie ein Seemannsgrab, immerhin hatte es etwas Feuchtes an sich. Dann aber, kurz nach dem Frühstück am nächsten Morgen, riss mich Breschkes Telefonat vollkommen aus der Ruhe. „Sie müssen sofort kommen“, wimmerte er. „Etwas Fürchterliches ist geschehen. Sie sind alle tot! Diesmal wirklich!“

Die elektrische Heizung hatte den Sturz nicht unbeschadet überstanden. „Es waren doch auch nur fünf Minuten, allerhöchstens eine halbe Stunde“, beteuerte Breschke. Ich schüttelte den Kopf. „Aber dass Sie auch gleich den Tauchsieder ins Becken halten – mein Lieber, das hätten Sie sich doch denken können!“ Tatsächlich lagen die vier Ex-Guppies gut gegart auf einem Papiertuch und regten sich durchaus nicht. „Ein Löffelchen Reis wäre ganz passend dazu“, witzelte ich, „und für alle vier zusammen reicht eine Scheibe Zitrone.“ Breschke war den Tränen nah. „Wenn sie ihre Guppies abholen will, dann bin ich geliefert! Was soll ich denn jetzt bloß anfangen?“ „Holen Sie ein leeres Marmeladenglas aus dem Keller“, trug ich ihm auf. „Woher sind die Zubehörteile für Bismarck?“ Er verstand nicht sofort. „Die Kauknochen, die Leine, die Bürste?“ „Zoo-Paradies Hörneckemöller“, gab er kleinlaut zurück. „Sie kennen den Mann? Sehr gut, wir werden ihm einen Besuch abstatten.“

„Fantastisch!“ Elselore Schmidt-Kälblein konnte sich nicht sattsehen an ihren Leierschwanz-Prachtguppies. „Sie haben in diesen sechs Tagen so viel Pigmente zugelegt wie sonst in einem halben Jahr. Diese korallenrote Flankenzeichnung – ganz einmalig! Ich bin Ihnen ja so dankbar, Herr Breschke!“ Ich schmunzelte. „Dass Herr Breschke ein großer Tierfreund ist, das haben Sie doch sicher schon gewusst; hätten Sie Ihre kleinen Lieblinge denn sonst in seine Obhut gegeben?“ Er guckte hilflos. „Sie sind etwas temperatursensibel“, fügte ich an. „Bei Meerestieren ist das häufiger zu beobachten, denken Sie nur an den Hummer.“ Breschke starrte verlegen auf den Teppich. „Ob wir noch einen Tee nehmen?“ Frau Schmidt-Kälblein nickte begeistert. Ich ließ es mir gefallen. Hauptsache ohne Guppies dazu.


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2 responses

16 06 2011
buchstaeblich

Fischsuppe! Ich liebe Fischsuppe! Vielleicht hätten Sie noch einen Klecks Aioli hineingeben sollen …

16 06 2011
bee

Vier Guppies für eine Matelote? Ich fürchte, das hätte nicht einmal gereicht, um aus einer Handvoll Reis ein Sushi zu basteln…

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