Augen zu und durch

20 06 2011

„Können Sie vielleicht morgen noch mal anrufen? Nein, dann weiß die Kanzlerin auch nicht mehr als heute. Aber dann kann sie Ihnen vielleicht sogar schon sagen, warum nicht.

Wir sind aber schon einen großen Schritt weiter. Bis gestern wussten wir noch nicht, ob wir zahlen, heute wissen wir schon, dass wir zahlen müssen für Griechenland. Jetzt können wir uns dann langsam überlegen, warum wir nicht wissen, woher wir das Geld – das haben Sie falsch verstanden, wir stellen nicht fest, dass das Geld nicht da ist. Das wussten wir schon länger. Wir stellen jetzt fest, dass wir nicht wissen, warum das Geld nicht da ist. Schäuble wird vielleicht sogar wissen, warum er nicht weiß, warum die anderen das nicht wissen. Woher? Ja was weiß denn ich? bin ich der Finanzminister? Es führt kein Weg daran vorbei, wir müssen irgendwas machen. Zunächst wollen wir ja den Finanzstandort Deutschland unterstützen – das duldet keinen Aufschub, verstehen Sie, da muss man etwas machen. Da müsste man jetzt wenigstens so tun, als ob die anderen etwas täten. Freiwillig natürlich, überhaupt nicht auf Druck. Sonst passiert ja nichts.

Aber sicher doch. Die Kanzlerin hat ja auch ganz freiwillig die Kraftwerke wieder vom Netz genommen – hat sie irgendwer gezwungen? Hat der Bundestag sie aufgefordert? Hat sie etwa auf die FDP gehört? Na? Sehen Sie, nur so kann das funktionieren. Freiwilliger Zwang. Erst warten, bis es gar nicht mehr geht, und dann einfach das Richtige tun. Oder wenigstens irgendwas.

Das sieht nur von außen aus wie Schockstarre. Glauben Sie mir, ich habe das seit 2005 aus nächster Nähe gesehen, das ist eine optische Täuschung. Die hampeln alle nur so aufgeregt um sie herum, dass man sie selbst nicht mehr beachtet. Und dann fällt es auch nicht mehr auf, dass sie gerade schläft. Geschickt, oder? Mimikry. Man denkt, sie tut nichts – und sie macht wirklich nichts.

Natürlich ist das so zu verstehen, dass die Kanzlerin jetzt von den Grünen eine klare Haltung zur Energiewende fordert. Ich meine, wenn ihr jetzt jemand sagen würde, dass sie selbst die Kernkraftwerke hat abschalten lassen, was könnte dann alles passieren? Sie meinen, es sollte ihr erst jemand beibringen, dass sie selbst die Laufzeiten hatte verlängern wollen? Gute Frage. Es kann sein, dass sie sich vorgenommen hat, daran zu denken. Später. Irgendwann mal. Nicht jetzt.

Das mit dem Wahlgesetz war aber auch eher zufällig. Wenn man den ganzen Tag mit Abwarten beschäftigt ist, kann es einem schon mal passieren, dass man versehentlich zwischendurch einschläft und dann – haben Sie das auch öfter? Sehen Sie, die Kanzlerin auch. Die Regelsätze für Kinder und das Bildungspaket, das sind auch eher so Schlaf fördernde Themen. Anders als beispielsweise Internetsperren oder das Hotelfrühstück, da ist man als Kanzlerin schon mal ausgeschlafener, vor allem, wenn man sich den Mist nicht selbst ausdenken muss und mit den Konsequenzen nichts am Hut hat.

Das ist möglicherweise etwas Neurologisches. Ja, Tiefschlaf. Keine Reaktion mehr. Augen zu und durch, also: sie macht die Augen zu – und wir müssen da jetzt durch.

Könnten Sie das ausarbeiten? Diese Idee mit dem Moratorium für den nächsten Rettungsschirm ist interessant, das ließe sich sicherlich auch noch ausweiten. Wir sollten die Kanzlerin mal fragen, was Sie von einem Moratorium für die nächste Euro-Krise hält. Oder vielleicht wieder so ein Wahl-Moratorium, das hat doch in NRW schon mal so gut geklappt. Und in Baden-Württemberg auch. Wenn wir jetzt alles aufschieben könnten bis, sagen wir, September? Ja, es ging schon einmal um nationale Fragen. Jetzt geht es eben um eine komplette Volkswirtschaft und um den Euro und um die Stabilität und das politische Überleben der EU. Aber was sind schon fünf Milliarden Euro? Und was ist das gegen die Freundschaft zu Ackermann?

Sie will ja zahlen, wenn es sein muss. Hat sie sicherlich irgendwann mal so gesagt, auch wenn sie es gerade nicht so gemeint hatte. Oder umgekehrt. Aber dann eben nur freiwillig, wenn es nicht anders geht. Also kein Zahlungsaufschub – die Zahlung nur auf Schub. Und wer oder was da schiebt, das muss ich Ihnen ja nicht erklären.

Sie müssen das als politisches Programm sehen. Wenn andere die ganze Zeit von etwas reden, was dann doch nie passiert, obwohl jeder vorher schon hätte wissen können, dass es sich nur um billiges Geschwätz handelt, dann schreien die Leute: Lügner! Betrüger! Westerwelle! Die wissen eben, es handelt sich dabei größtenteils um weltfremden Unsinn, solche Leute wollen nur wiedergewählt werden, damit sie nicht für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten brauchen. Aber bei der Bundeskanzlerin ist das grundlegend anders. Die sagt nichts, die kündigt nichts an außer einer, und das sagt sie dann meistens auch mal ganz bewusst und als diejenige, die sie ist als die, die das ganz bewusst sagt, außer einer gemeinsamen Lösung, und dann kommt aber auch erstmal wirklich gar nichts! Das ist das politische Programm. Oder wenigstens etwas, was man im Wahlkampf noch zugunsten der CDU auslegen könnte.

Nein, die tut nichts. Können Sie sicher sein. Das ist wohl doch dieses Tiefschlafsyndrom, wo man von einer Sekunde auf die andere komplett weg ist. Wenn Sie sich mal ansehen, was die Kanzlerin von der parlamentarischen Demokratie, von Verfassung und Rechtssaat hält, dann spricht einiges dafür. Und dann sollten Sie auch merken, dass dieser Schlaf schon seit 1989 anhält. Wissen Sie was? Sie basteln uns ein Moratorium, dass sie gar nicht mehr aufwacht. Das Ergebnis dürfte auch nicht viel schlimmer sein. Und mit etwas Glück könnte man sie vielleicht sogar absetzen, ohne dass sie es merkt. Meinen Sie, Sie kriegen das hin?“


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4 responses

20 06 2011
lamiacucina

Private sollen freiwillig Griechenland retten helfen müssen. Die Kanzlerin beherrscht die Kunst der Ironie.

20 06 2011
bee

Die Privaten werden schätzungsweise die Kunst des Sarkasmus besser beherrschen als die Kanzlerin, weil sie diejenigen zur Rechenschaft zieht, die an der Misere schuld sind. Unerlaubterweise.

22 06 2011
buchstaeblich

Wäre das nicht etwas für den Freiwilligendienst?

22 06 2011
bee

Der Kanzlette wär’s ja lieber, die freiwilligen Tätigkeiten auf die Unterschicht auszuweiten. Man kann ja beispielsweise keinen zwingen, sich am Hindukusch abknallen zu lassen.

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