Gernulf Olzheimer kommentiert (CXIII): Verwandtenbesuch

15 07 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Viel hat die Zivilisation, oder wenigstens das, was die Trottelherde dafür ausgibt, nicht gebracht. Die Beknackten ballern noch immer auf die eigene Art, statt den Genpool bis zum Abrauchen dieses beschissenen Rotationsellipsoiden gleichmäßig am Köcheln zu halten. Sie bembeln sich Alkaloide mit künstlichen Aromastoffen und Industriezucker in die Birne, als hätte der von Intelligenz befallene Teil dieses Menschengeschlechts ein Einsehen und verböte gleich anderntags Sangria und ähnliche Leberhaken. Sie seibern jeder Blondblunze nach, als sei der Hominide durch reine Gebärfreudigkeit in eine bessere Startposition zu bringen, wenn es denn einst gilt, die Vorherrschaft gegen seine Darmparasiten zu behaupten. Nur eins hat dieses Konglomerat aus Psychoplüsch und Hirnkirmes in der menschlichen Marmel erfolgreich festgesetzt: die Exogamie. Ist der Bekloppte einmal flügge, so verlässt er unter Getöse den elterlichen Muff und siedelt sich samt Gespons da an, wo die Mischpoke ihre schwiemeligen Finger nicht mehr durch den Zaun bekommt. Halb so schlimm ist, dass er der Familienbande irgendwann wieder über den Weg laufen wird, im günstigsten Fall auf deren Beerdigung; weitaus unerfreulicher, dass die ganze Blase es auch im lebendigen Zustand fertigbringt, ohne Vorwarnung in den Landstrich einzufallen, um die achte Plage des Menschengeschlechts auf die Hinterbeine zu bringen. Den Verwandtenbesuch.

Tentakeln, Saugnäpfe und Widerhaken, nichts säbelt sich blutiger ins Fleisch als die Vorstellung, die ganze Familie stunden-, tagelang wieder um die Ohren zu haben, penetrant bis zum Erbrechen und gründlich wie eine Schmierinfektion. In den dumpfen Nächten, in denen man von Suff und anorganische Chemikalien gezeichnet jäh aus den Phantasmagorien des Cortisoldusels taucht, um erschüttert festzustellen, dass man den ganzen Mist tatsächlich nicht geträumt hat; noch knappe zwölf Stunden, dann werden Tante Else, Onkel Heiner und diverse Fortpflanzungsfehlversuche auf der Matte stehen, ihr grenzdebiles Grinsen in den Türspion hängen und um Einlass wimmern. Wäre es nicht seinerzeit besser gewesen, Opa Hinnerk bei seinen Kameraden von der SPD-Ortsgruppe als das widerlichste Altnazischwein zu outen, das sich eine Pension erschwindelt hatte? Am 90. Geburtstag wäre sowieso die ganze Bagage da gewesen, den guten Anzug trug er eh – eins auf die Fresse, rein in den Sarg, und nach einer kurzen, schmerlosen Enterbung hätte man neben dem Braungestrüpp gleich die ganze Sippschaft von der Backe gehabt.

Sie kommen pünktlich, laut und ohne Rücksicht auf die Reputation des Gastgebers; Onkel Alwin hat sich aus dem Pflegeheim freigenommen, man bleibt daher auch nur bis nächsten Sonntag, um das Pokalfinale vor dem Plasma-TV zu gucken. Geschlafen wird auf der Couch, die hinterher knapp unter Schrottwert liegt. Für die Verpflegung sorgt die Brut selbstredend nicht, man möchte doch den Edelmut des Gastgebers nicht in Verruf bringen. Alles, was man bisher erfolgreich verdrängt haben sollte – man stammt aus einem kleinen, von Inzucht und Lackdämpfen gründlich geschädigten Bergdorf, aus dem seit Ende des Pleistozäns keiner auch nur in die Nähe eines Schulabschlusses geraten war, die Eltern waren buckelig, dumm und hörten den ganzen Tag volkstümlichen Schlager, bis der Neurologe sie endlich für unzurechnungsfähig erklärte – kehrt in einem Flash zurück, überrumpelt die bisherigen Ergebnisse der Kultivierung, ballert pures Adrenalin in alle Synapsen und sorgt für das charakteristisch scheuernde Geräusch beim Passieren der Blut-Hirn-Schranke, mit dem sich eine zünftige Embolie anzukündigen pflegt.

Während sie den 1992-er Jahrgangsgrappa wie Discounterfusel in die Cola kippen, den Schiraz mit Zigarettenasche ankokeln, alle Kunstgegenstände einer Einzelfallprüfung auf Schlagfestigkeit beim plastischen Stoß unterziehen und heitere Partyspiele mit Kirschflecksalmlern aus dem Nachzuchtbecken veranstalten, lallen sie wie Kollateralmaden im Kartoffelsalat der Existenz. Alte Erinnerungen wollen erbrochen sein, längst verschollen geglaubte Details von Taufe, erstem Schultag und Tante Idas letzter Ölung müssen erzählt werden, oft in drei Versionen, öfter noch als fließender Übergang zum Remix aus Erinnerung und Vollmeise, unweigerlich in einen der heftigeren Familienkräche mündend, die ohne eigenes Zutun entstehen. Das Schöne ist, man muss sich gar nicht beteiligen, und die dabei versehentlich zerschmissene Balkontürscheibe wird sowohl als Souvenir taugen als auch Sujet neuer Hirnkirmes, wie man sie bei der nächsten Runde Verwandtenbesuch erzählt. Für den war der Vetter Hugo vorgesehen, der freilich planvoll ans Werk geht, seitdem ihm Elses missratene Töchter mit dem Bügeleisen die ganze Bude abgefackelt haben. Er hortet für Verwandtenbesuche nicht die billige Knabbermischung aus dem Sonderangebot, sondern ein Sortiment Handfeuerwaffen mit Großkaliber, Munition inklusive, und macht Gebrauch davon. Ein kluger Mensch, den man eigentlich gerne mal wieder treffen möchte. Zum Beispiel anlässlich einer Beerdigung im familiären Rahmen.


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2 responses

15 07 2011
Doktor Peh

Darwin hatte mal wieder Recht: die Dümmsten überleben durch Anpassung. Auch wenn Vetter Hugo eine kleine Lücke in die Gruppe der „Menschen mit IQ knapp unterhalb des zweistelligen Bereichs“ schießt, seine Verhaftung und Wegsperrung öffnet der ungebremsten Vermehrung pantoffelzelliger Hirnakrobaten Tor und Tür zur finalen Logikbefreiung des Planeten. Und wenn es keie Verwandtenbesuche sind, die jene Automotiven begehen, so sind es Grüdungen von Privatsendern, um das denktechnische Vakuum flächendeckend auf dem Planeten zu verteilen und so auch der letzten Mikrobe ihren Entwicklungsstandort streitig zu machen.

Verwandtenbesuch – eigentlich nichts Schlimmes, aber durch Zwangseinkleidung im karierten Kleid für Jungs, beziehungsweise dreifach gestärktem Anzug mit Mikrokrawatte für Mädchen werden schon in frühester Kindheit die Weichen in eine Zukunft gestellt, in der der ursprüngliche Zweck des Verwandtenbesuchs einfach nur zur Ausübung posttraumatischer Rachegelüste transformiert wird. Wer jahrzehntelang Omas jahrzehntealte Schokolade essen musste, der konnte einfach nicht nebenwirkungsfrei bleiben. Auch wenn einem die Industrie dies beizubringen versuchte.

15 07 2011
bee

Daneben dürfen wir eins auch nicht außer Acht lassen: die Ansammlung von Verwandtschaft auf engstem Raum ist das probateste Mittel, um jenen gesunden Selbsthass aufkeimen zu lassen, der evolutionäre Kräfte weckt. Der Mensch besiedelt die unwirtlichsten Gebiete, überlebt unter kaum vorstellbaren Entbehrungen und nimmt alles in Kauf, um noch den letzten, beschissensten Winkel dieses Planeten mit seiner kruden Mixtur aus Fertigfutter, schlechter Musik und fehlgeleitetem Sendungsbewusstsein zu versaubeuteln. Die wahren Pioniere, die am Südpol zelten oder in der Hölle des Amazonas auf einem Pfahl über dem Abgrund dahinvegetieren, gäben wahrscheinlich alles für einen ruhigen Abend auf dem Sofa mit einer Flasche Bier, Erdnüssen und drei lieben Kindern, die die Klappe halten. Sie wären sofort weg. Bis Tante Ermintrud mit der Pleistozän-Schokolade vorbeikommt…

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