Großes Kino

9 08 2011

„Keine Waffen! Was auch immer Sie vorhaben, wir werden keine Waffen zeigen!“ „Können Sie mir mal verraten, wie man eine Kriminalstory ohne Waffen zeigen soll?“ „Das ist nicht mein Problem. Lassen Sie sich halt etwas einfallen. Schließlich ist das Ihr Drehbuch.“ „Aber es ist doch illusorisch, einen Krimi ohne Waffen zu drehen – und vor allem, was soll das bitte bringen?“ „Die Anweisung aus dem Bundesinnenministerium war doch klar: wir zeigen ab sofort keine Waffen mehr, dann gibt es auch nie wieder Amokläufe und andere Gewalttaten.“

„Gut, gut, gut. Dann gehen wir das ganze Ding noch einmal durch. Christoph, der Privatdetektiv, fährt mit seinem Lebensgefährten Jens nach…“ „Jenny.“ „Wie, Jenny?“ „Jens ist Jenny.“ „Aber in der Romanvorlage ist das ein…“ „Weiß ich selbst.“ „Wie sollen wir denn dann diese Szene in London erklären, wo er mit dem…“ „Das interessiert mich nicht, es ist Jenny.“ „Und warum bitte?“ „Weil die Rolle schon für Veronica Ferres reserviert war, und ich möchte nicht meinen Job loswerden, weil sich der Bundespräsident über mich beschwert.“ „Kann das nicht das Bundesinnenministerium regeln?“ „Die sind für Kultur zuständig, aber nicht für die Altersvorsorge von der Ferres.“

„Die beiden fahren also in den Club-Urlaub in die marokkanische…“ „Marokko ist gestrichen. Wir drehen in Thüringen.“ „Warum ausgerechnet Thüringen? Ist das jetzt ein Spielfilm oder eine Strafexpedition?“ „Das eine muss das andere ja nicht zwingend ausschließen.“ „Aber dann hätte man es ja wenigsten in der Schwäbischen Alb oder auf Norderney…“ „Wollte der Bundespräsident auch nicht. Und fragen Sie bitte nicht, warum.“ „Und was bringt das, wenn wir den Krempel in Thüringen drehen?“ „Zuschauer. Die Leute können sich wenigstens streckenweise damit abfinden.“ „Sie meinen: identifizieren?“ „Nein, abfinden. Wer sich mit dem Quark identifiziert, ist ohnehin nicht mehr ganz bei Trost.“ „Meinetwegen, fahren sie also nach Thüringen. Der Aufenthalt im Hotelpool ist dann vermutlich auch gestrichen?“ „Sportstube im Übernachtungskombinat Friedrich Ludwig Jahn in Suhl.“ „Da hören sie einen Schuss und…“ „Es ist eine nächtliche Ruhestörung. Waffen kommen in dem Film nicht vor, wie Sie sich erinnern werden.“ „Und womit werden sie nächtlich ruhegestört? Fernsehen oberhalb der Zimmerlautstärke?“ „Eine Unterhaltung landfremder Elemente.“ „Tut mir Leid, aber hier endet unsere Zusammenarbeit. Ich gebe mich nicht für ausländerfeindliche Propaganda her.“ „Wer redet denn von Ausländern? Die beiden sprechen eindeutig westfälischen Dialekt. Das gilt in Thüringen als landfremd.“

„Tags darauf finden sie im Wellness-Bereich – ach so, gibt’s ja nicht.“ „Auf dem Parkplatz.“ „Und da finden sie die Leiche des…“ „Florian Silbereisen hat sich den Kopf gestoßen.“ „Bitte?“ „Der kann auch gleich seine neue CD ankündigen, und wenn wir das mit den Zweitverwertungsrechten noch auf die Reihe kriegen, schneiden wir eine Szene aus dem Konzert in Erfurt rein.“ „Wozu das denn?“ „Zehn Minuten weniger Produktionskosten und die Zielgruppe unterhalb von Siebzig abgedeckt.“ „Wieso unterhalb? Sie meinen doch das Alter?“ „Nein, den IQ. Haben Sie eine Vorstellung, was das kostet, so einen Film zu drehen?“

„Meinetwegen, ich muss mir den Schrott ja nicht ansehen. Florian Silbereisen stößt sich den Kopf, singt und wird ermordet.“ „Nein, er findet auf dem Parkplatz diese Nonne.“ „Welche Nonne denn bitte?“ „Die mit dem Bandscheibenvorfall.“ „Iris Berben?“ „Keine Ahnung, die macht doch sonst nur Reklame für Kosmetik. Wahrscheinlich doch wieder Hannelore Elsner, die kann auch Schmerzmittel und Globuli.“ „Homöopathie?“ „Man muss nehmen, was man kriegt.“ „Das hilft doch nicht!“ „Natürlich hilft das. Uns hilft jede Art von Förderung. Auch in kleinen Dosen.“ „Na egal. Was macht er mit der Nonne?“ „Wer?“ „Der Detektiv natürlich.“ „Welcher Detektiv denn jetzt?“ „Christoph!“ „Detektiv? Der ist Vermögensberater, FDP-Mitglied und verkauft nebenbei private Krankenversicherungen an Besserverdienende.“ „Warum ist das dann hier als Krimi deklariert?“ „Sie haben Szenen aus dem Kreiskrankenhaus, die werden dann irgendwo reingepackt.“ „Und da geht es um den Mord?“ „Welcher Mord?“ „Der Koch wird doch ertappt, wie er die Süßspeisen mit Zyankali…“ „Die Küchenhilfe wird verhaftet.“ „Wegen Zyankali?“ „Weil sie einen Job für drei Euro Stundenlohn hat.“ „Verstehe, das ist also als Wirtschaftskrimi gedacht. Der Pächter der Krankenhauskantine ist der Bösewicht, weil er das Personal zu Dumpinglöhnen beschäftigt.“ „Nein, die Küchenhilfe bescheißt, weil sie Aufstockerin ist und den Nebenjob im Jobcenter nicht angibt.“

„Großartig. Das Krankenhaus wird geschlossen, nehme ich an?“ „Nein, es wird weitergeführt mit der Hälfte des Personals. Wir kombinieren das gleich mit dem Trailer der neuen Krankenhausserie, dann prägen sich die Darsteller besser ein.“ „Und dann käme eigentlich die Verfolgungsjagd durch Casablanca.“ „Testfahrt mit dem SUV über die neue Umgehungsstraße zwischen Erfurt und Gera. Mit Nahaufnahmen aus dem Wageninneren. Auto wird freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Fahrzeugparadies Hönkelmann.“ „Und dann müssten sie sich verpartnern. Also heiraten, in dem Fall.“ „Lassen wir weg. Wird zu lang.“ „Und jetzt haben wir einen hochkarätigen, spannenden Thriller fürs Abendprogramm?“ „Nein. Aber vom Niveau her sollte es reichen.“ „Für Vollidioten?“ „Für den MDR natürlich.“


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