Traute Zweisamkeit

10 08 2011

Klingelnd und klirrend schleppte Jonas den Bierkasten die Treppe hinauf. „Behalt die Schuhe ruhig an“, keuchte er, „Karen wird Dich nie mehr im Flur abfangen.“ Das hätte ich mir fast gedacht. Warum sonst hätte er mich zu einem Männerabend eingeladen, wenn es nichts zu feiern gegeben hätte.

Ich ließ den Schlüssel in die Messingschale auf der Kommode gleiten, während Jonas Bierflaschen im Kühlschrank stapelte. Nachlässig hatte jemand sein Sakko über den Garderobenknopf gestopft und den Kleiderbügel als Befestigung darübergestülpt. Achtlos drapiert lag eine einzelne graubraune Socke im Türrahmen des Schlafzimmers. „Bin gleich da“, ließ sich der Freund aus der Küche vernehmen, „nur noch eben die Pizza in den Bimmelofen packen.“ Da fiel mein Blick auf ein Paar grüner Pumps. „Und leg die Jacke ruhig auf die Couch.“

Eine ungeschickte Handbewegung später hatte Jonas sich mit dem Küchenmesser geschnitten. „Pflaster“, nuschelte er mühsam an der Fingerkuppe in seinem Mund vorbei, „im Bad.“ Ich kam ihm zur Hilfe, wie er mit einer Hand versuchte, den Verband aus dem Pappschächtelchen zu ziehen. „Warte“, beruhigte ich ihn, „ich hab’s ja gleich.“ Da fiel mein Blick auf den Lippenstift. Jonas klappte die Klobrille hoch und ging wieder in die Küche.

Diese Trennung war keinesfalls überraschend gekommen, es war bloß verwunderlich gewesen, dass Karen so lange damit gewartet hatte. Doch war Jonas erstaunlich gleichmütig geblieben. „Dann kann ich ja ab jetzt wieder ungestört Sportschau gucken“, hatte er gleich anderntags verkündet und die Verabredung zum Sonntagsbrunch zugunsten des gepflegten Sonntagsschlafs abgesagt. Später am Nachmittag hatte er dann an meiner Tür geklingelt und mich zum Essen eingeladen – unter der Voraussetzung, dass ich eine Tüte Spaghetti und eine Flasche Ketchup vorrätig hätte. Jonas hatte die Sache augenscheinlich unbeschadet überstanden.

Sein Blick verriet mir, dass er es bemerkt hatte. „Ich kann Dir ja doch nichts vormachen“, sagte Jonas zerknirscht. „Es kam möglicherweise doch etwas plötzlich, also habe ich mir professionelle Hilfe gesucht.“ Und er führte mich in seiner Wohnung umher. „Diese Blumenvase ist neu, die habe ich erst gestern gekauft. Einfaches Glas, man kann sie sogar in die Spülmaschine packen, wenn man sie einmal füllen sollte – am besten mit klarem Wasser, und dann die Blumen oben reinstecken.“ „Das war mir schon klar“, unterbrach ich ihn, „aber das wird doch sicher nicht alles sein, was Du gegen den Trennungsschmerz unternommen hast?“ Jonas führte mich in die Küche und zog die Schubladen auf. „Das entspricht ihrem alten Ordnungssystem.“ Die Obstmesser lagen jetzt bei den Fischmessern, weil es sich um Messer handelte, die Tee- bei den Suppenlöffeln und die Eierlöffel bei den Löffeln zum Schöpfen und Vorlegen, die Kuchengabeln hingegen unten in einem Kästchen bei den Bratpfannenverstaut, weil es sich nicht um Gabeln, sondern um Kuchengabeln handelte. Es musste sich um altes Geheimwissen handeln, auf jeden Fall wirkte es sich stabilisierend auf Jonas’ Psyche aus.

Der halbe Kleiderschrank hing voll mit Blusen, die Hausbar – ehemals eine ansehnliche Sammlung älterer Whiskyjahrgänge – war auf Sodawasser und Himbeersirup zusammengeschrumpft, in allen möglichen Ecken ballte sich Nippes: flatternde Vögelchen, maunzende Kätzchen, bellende Hündchen sowie ähnliches Kitschgetier in bunter Fassung. „Das beruhigt“, versicherte Jonas mir. Sicherlich hätte ich an seiner Stelle beim Anblick dieser Kunstgewerbehalde täglich einen Nervenzusammenbruch erlitten, aber wenn es ihm so viel bedeutete? „Du hast Dir professionelle Hilfe geholt“, fragte ich, „haben die Dir den Schrott in die Bude geschaufelt?“ Er legte eine CD ein und öffnete zwei Bierflaschen. „Die Beratung ist wirklich sehr gut“, lobte er. „Die Agentur hat für alles sofort eine Lösung, wie Du siehst. Ich musste nur sagen, dass Karen fürchterliche Blümchenstoffe liebt, und schon haben sie meinen ganzen Kleiderschrank mit dem Zeug vollgestopft. Ich fühle mich nicht mehr so einsam damit, verstehst Du?“ Versonnen trank ich einen Schluck; es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei, dachte ich, und ein Aquarium hätte lediglich zu phasenweise maritim duftender Raumluft geführt – warum nicht ein professionelles Team, das sich um wesentliche Dinge kümmert, die den Alltag in einem Zwei-Personen-Haushalt ausmachten? „Und sie machen es wirklich gut für ihr Geld“, entschied Jonas. „Allein, dass jeden Tag jemand kommt und die Klobrille herunterklappt.“

„Du kannst schon mal den Tisch decken“, entschied Karen resolut, „und vergiss bitte nicht wieder die Servietten, ich habe sie extra heute noch gebügelt, was sollen denn meine Freunde wieder denken, wenn Du nicht einmal…“ „Was war denn jetzt das“, fragte ich verblüfft. Jonas zeigte auf den Lautsprecher. „Im Vertrauen, ich wusste ungefähr, wann sie ausziehen würde. Da habe ich schon mal ein paar Mikrofone aufgestellt.“ Geschirr klapperte hinter der leisen Musik hervor. Jonas murmelte etwas von trauter Zweisamkeit und dass man in einer strapazierfähigen Partnerbeziehung jederzeit den nötigen emotionalen Rückhalt fände. Ich nahm es kommentarlos hin; die Erinnerung ist nun mal das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Es krachte plötzlich und die Frauenstimme überschlug sich in einem schrillen Stakkato. „Herrgott, ich hatte doch gesagt, Du sollst Servietten holen! Und guck Dir mal an, wie die Messer liegen – krumm und schief, und das hier ist auch noch falsch herum! Kann man Dich denn nicht einmal irgendwas alleine machen lassen!?“ Der Freund grinste. „Und dann gibt es diese Momente, in denen man weiß, dass das Leben schön ist, weil man alles richtig gemacht hat.“ Er prostete mir zu und trank einen großen Schluck aus der Flasche.


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