S wie Zukunft

11 08 2011

„Und, warum werden Sie Steinbrück wählen?“ „Pardon, habe ich etwas verpasst? Warum sollte ich den überhaupt wählen wollen?“ „Weil das alle tun.“ „Bin ich etwa alle?“ „Als Vertreter der deutschen Mittelschicht müssten Sie doch erfreut sein, dass sich eine reale Zukunftschance für Sie ergibt.“

„Warum sollte ich die wählen wollen? Das ist eine Truppe von Verlierern und Versagern.“ „Versager? Das können Sie von Rohrkrepieren wie Westerwelle oder Rösler behaupten, die Angst davor haben, dass sie das umsetzen müssen, was im Koalitionsvertrag steht, aber warum Versager?“ „Steinbrück hat eine Landtagswahl verloren, Steinmeier eine Bundestagswahl, und von Gabriel wollen wir aus humanitären Gründen gar nicht erst reden.“ „Westerwelle und Merkel haben eine Wahl gewonnen, und das Fiasko ist unverhältnismäßig größer, finden Sie nicht auch?“ „Dann hat die Führungsrolle inne, wer sich am schnellsten vom Boden aufrappeln kann?“ „Die SPD gewinnt die Wahl ja nicht für ihre gelungene politische Neudefinition, ihr Vorstrafenregister ist nur etwas weniger umfangreich als das der Union.“

„Letztlich ist das doch pure Nostalgie.“ „Weil man einen Intellektuellen im Kanzleramt erwartet statt einer Duckmäuserin?“ „Kaum, Schröder war ja auch nur ein Fingerpüppchen. Nein, sie wollen eine Führungspersönlichkeit. Einen, der sie anschreit, wenn er sich geirrt hat.“ „Stimmt, einen starken Mann. Steinbrück macht da weiter, wo Guttenberg leider aufhören musste.“ „Strafprozessrechtlich betrachtet?“ „Sie haben doch nur Angst, einen Helden der politischen Landschaft anzuerkennen.“ „Warum, bin ich ein persönlicher Rivale?“ „Was hat das damit zu tun?“ „Der politische Betrieb ist so faul wie feige: wer sich nicht unbedingt als Sieger im Kampf um die Alpha-Position betrachtet, hat es leichter im Windschatten. Im Klartext heißt das, man kriecht dem Leitwolf lieber hinten rein, statt ihn wegzubeißen.“ „Steile These, mein Lieber. Beweise haben Sie keine.“ „Angela Merkel.“ „Ja, mag sein. Aber das war auch keine Frage von Kompetenz, von Befähigung zum staatsmännischen Handeln, zur intellektuellen…“ „Westerwelle.“

„Sie werden noch sehen, das ist der Durchbruch für die SPD.“ „Mit einer Churchill-Rede gegen die Agenda 2010, nehme ich an?“ „Sie müssen auch überall schwarze Hunde sehen. Er wird nicht besser sein als Merkel, er wird es nur viel erfolgreicher kommunizieren.“ „Mit anderen Worten, für eine bessere Performance bräuchten wir nur eine Herde neuer Chefredakteure im Springer-Zirkus?“ „Die Deutschen müssen überzeugt werden.“ „Man hat die Deutschen schon davon zu überzeugen versucht, dass es ihnen besser gehen würde, sobald ihre Altersvorsorge beim Teufel sein würde.“ „Das war vielleicht alles zu unkonkret.“ „Man hat die Deutschen schon davon zu überzeugen versucht, dass sie ein Volk ohne Raum wären.“ „Da fehlte ein konkreter Zeitplan. Das würden Sie heute mit den Grünen als Koalitionspartner gar nicht mehr durchkriegen.“

„Warum ist Steinbrück eigentlich so populär?“ „Weil er so oft in den Medien ist.“ „Und warum ist er so oft in den Medien?“ „Weil er so populär ist.“ „Und das macht ihn auch regierungsfähig?“ „Das ist nicht auszuschließen.“ „Und teamfähig?“ „Wir müssen den Gürtel nun mal alle enger schnallen, nicht nur die Elite.“

„Wo wir gerade bei den Grünen waren, wie soll das eigentlich funktionieren?“ „Wie immer. Der kleine Koalitionspartner besorgt die Mehrheit und hält die Klappe.“ „Das leuchtet ein bei fünf Prozent Unterschied.“ „Sie wollen doch Steinbrück nicht unterstellen, dass er die CDU als Koalitionspartner bevorzugen würde?“ „Wie käme ich dazu?“ „Weil es gar nicht so0 verkehrt wäre. Damit hätte er eine durchaus vernünftige und sichere Option für die ungestörte Regierungsarbeit gewählt – die Große Koalition im Inversionsmodus. Nur, dass die SPD die Regierungsarbeit, die sie an Merkel vorbei erledigt, nicht mehr einer Kanzlettendarstellerin anlasten kann.“ „Und das sollte ein Grund sein, ihn zu wählen?“ „Sehen Sie es so, wenn Sie nicht irgendeinen Clownhaufen wie die Violetten oder die FDP wählen, kriegen Sie die Konstellation sowieso. Dann können Sie es doch lieber gleich wollen. Was bei der zu erwartenden Politik sowieso nicht verkehrt ist. Sie kennen ja die Agenda.“

„Ich bitte Sie, die Finanzkonzerne werden alles tun, um Merkel in die Arme der Grünen zu treiben.“ „Das hat ja auch keiner bestritten, nicht einmal die Grünen.“ „Aber warum sollte ich dann Steinbrück wählen? Die SPD bringt sich doch schon in Stellung gegen den Kandidaten, der eine neue historische Niedrigwassermarke für den halbrechten Laden anpeilt.“ „Ideal! Die Wirtschaft freut sich ein zweites Loch in den Hintern: entweder wird damit die SPD als Wunschzettelautomat zweiter Klasse geadelt, weil Steinbrück schon als Bundesminister ohne jeglichen Sachverstand ausgekommen war, oder man kann sie so hoch hängen, dass Schwarz-Grün locker darunter durchläuft, und dann hat sich das Problem erledigt.“ „Und wozu sollte ich beim nächsten Mal ausgerechnet Steinbrück wählen?“ „Schauen Sie mal: das ist wie mit einem Placebo. Es sieht aus wie ein höchst wirksames Medikament, das der Onkel Doktor Ihnen verschreibt. Wenn es gut gemacht ist, sieht es aus wie echt. Bleibt in den Zähnen hängen, Sie können es nicht ordentlich schlucken, es schmeckt widerwärtig, und hinterher ist Ihnen kotzübel. Wirkung? Keine. Und da es sich um eine Mogelpackung gehandelt hat, dürfen Sie den ganzen Schmadder auch noch aus eigener Tasche zahlen. Man kann es sich nicht aussuchen. Das ist eben Demokratie.“


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