Gernulf Olzheimer kommentiert (CXVI): Rechthaber

12 08 2011
Gernulf Olzheimer

Gernulf Olzheimer

Mein Name ist Gernulf Olzheimer und dies ist das Weblog aus dem Land der Bekloppten und Bescheuerten.

Angesichts einer Evolution, die aus Eroberung und zielgerichteten Bewegungen besteht, kann es keinen Zweifel geben, dass Aggression eine der notwendigen Triebkräfte des Erfolgs ist. Der mit Schwimmhäuten ausgestattete Ovipare betritt das feste Land, indem er den im Tümpel verbliebenen Verwandten eins auf die Flossen und den Raubsäugern voll aufs Maul gibt – hier die ökologische Nische verteidigt, dort Artgenossen zur Stabilisierung des Genpools ausgemöllert, netto also die Arterhaltung bestens angeschoben und der biologischen Vielfalt in die Hände gearbeitet. Einzeller klumpen sich aneinander, der Primat verlässt den Baum, freie Entfaltung bricht sich Bahn. Nur da, wo Aggression ziellos und sinnfrei in die freie Wildbahn gelangt, wirkt das Zerstörerische als eigene Macht, die jeden noch so geringen Schlüsselreiz ausnutzt, um sich blutige Schlachten zu liefern. Alles ist Feind, wenn man doof ist, beispielsweise als anthropomorphe Braunalge mit Kahlschädel und Ich-bin-stolz-dass-meine-Eltern-deutsche-Geschwister-waren-Tattoo oder schlicht als Rechthaber.

Der Rechthaber hat Recht. Punkt. Jede Wand, die gegen seine Bumsbirne nachgibt, ist klüger. Ein Versuch, mit ihm zu diskutieren, ist ungefähr so zielführend wie das Unterfangen, durch Schreien die Alpen einzuebnen. In seiner von Scheuklappen und Holzbesatz vor der Stirn regulierten Wahrnehmung existieren die Wirklichkeit und ihre logischen Implikationen nicht einmal in der Theorie – wiewohl der Rechthaber ein Meister ist, sich jede noch so beknackte Begründung für seinen geistigen Dünnsinn aus Hätte und Wäre, Könnte und Sollte zurechtzuschwiemeln. Die einzige Unschärfe sieht er darin, seine eigene, selbstverständlich aufgeklärte Denkweise als Feind aller Ideologie verteidigen zu müssen, während er gleichzeitig vehement seine hausgemachte Paranoia als widerspruchsfreien Weg zur Wahrheit verkauft. Zeitgleich sonnt er sich im trüben Licht von Autoritäten, so sie irgendwann in anderem Zusammenhang Belanglosigkeiten unter sich gelassen haben, die seine Fehlleistungen zu stützen scheinen, und verteufelt zugleich die Autorität an sich, weil sie ihm qua Definition Unbill zufügen könnte, das nie gesühnt würde. Der Rechthaber sieht in der Durchsetzung dieser Ansprüche sein Seelenheil. Ob er sich in einem Paralleluniversum befindet, dessen Koordinaten schräg zur tatsächlichen Situation verlaufen, ist ihm weniger wichtig. Hauptsache, er kann sich als die verfolgende Unschuld aufspielen.

Der Rechthaber ist, wenn er überhaupt je mehr darstellen sollte als ein Kompetenzimitat, allenfalls ein mäßig geschickter, da hündisch gedrillter Rhetoriker, der sich hinter einer Schmierschicht aus Schopenhauer versteckt. Als eristische Fußhupe jodelt er seine Zirkuskunststückchen in die Manege und kommt sich brillant vor, weil er Dinge tut, die anderen – denen, die derlei nicht nötig hätten – zu tun nie einfielen. Die Rumpelstilzchennummer ist zwar eher für Mehlsackaushilfen passend, doch entspricht sie ebenso dem Niveau des chronisch verbohrten Vollzeitcholerikers. Und wer würde angesichts eines verbalen Grobmotorikers nicht in Deckung gehen, solange die Infektionswege nicht katastrophentauglich eingegrenzt werden können.

Die unangenehmste Form von Trotzkopfs Nachgeburtstraumata in ihrer Auswirkung auf die restliche Gesellschaft ist mit semiprofessionellem Körpereinsatz betriebenes Querulantentum, oft nur die unangenehme Kopfnote mangelnder Verdauung oder selten bis nie erfolgter Fortpflanzung (was für kommende Generationen einen Segen darstellt), im ansteigenden Maß jedoch eine Brechstange im Getriebe des bürgerlichen Funktionsapparats. Der zu jeder Privatklage bereite Prozesshansel, der nicht um sieben Einheiten Birkenlaub ein komplettes Landgericht in Rotationsbewegung versetzt, sondern zur Satisfaktion für die Schmach, in der Universalgeschichte überhaupt erlittenes Unrecht vorgefunden zu haben. Wehe dem Diener Justitias, der die Rechtwinkligkeit des Schnittgerinnes in einer nicht öffentlichen Zuwegung für eine Nachlässigkeit nimmt, statt alttestamentarische Fluch- und Feuerstrafen zu verhängen, dass sich der beißende Gestank verkohlten Fettes gen Himmel fräste – spätestens hier käme ein anderer Honk aus der Deckung gestürmt und trampelte dem Kadi auf den Nervenenden herum, weil die kommunalen Grenzwerte für Feinstaub und Gotteslästerung nicht eingehalten werden. Und schon haben sich die Endgegner gefunden, der professionelle Nörgler und die Gebietskörperschaft, auf deren Sack zu gehen ab sofort sein Existenzzweck sein wird. Um Mülltonnen und Umgehungsstraßen am anderen Ende der Milchstraße sowie vornehmlich um den hinterletzten Mist zankt sich der Kohlhaas, der eine Art institutionellen Amok ausführt, die Selbstjustiz mit Hilfe des Apparates. Nicht immer kommt der Streithahn im eigenen Hader um, viele Exemplare zeigen sich abgehärtet.

Eine positive Auswirkung der Rechthaberei könnte Zivilcourage sein, wo der Betonkopf allenfalls auf der Außenseite hart ist, inwendig aber schützenswerten Verstand mit sich herumträgt. Es ist aber meist nur Hirnplüsch mit Fransen, die als autoaggressiv unterfütterter Teppich eine feste Trittfläche geben für die rigorose bürgerliche Moralität eines in Minderwertigkeitsgefühlen versaufenden Trottels, dessen billige Larmoyanz würdelos um Mitleid wimmert. Man verwechsle das Plumpgerumpel des Emotionsbulimikers nicht mit dem Ordnungs- und Gesetzesfanatismus diverser regredierter Spielarten in der Banlieue des Hominiden, denn das ist sie mitnichten: an Recht oder Gesetz interessiert, geschweige denn an einer Art Ordnung, die den Namen auch verdiente. Der Rechthaber ist nichts davon. Er hat den Gesellschaftsvertrag längst aus purem Egoismus aufgekündigt und segelt auf der Rechtsauffassung eines kitschig aufgehübschten Mittelalters in einen hirnweichen Naturzustand zurück. Dort aber regelt die Schöpfung Ansprüche ohne Berücksichtigung von Schuld und fristgerechtem Widerspruch: eine Art frisst die andere. Mit Recht.


Aktionen

Information

2 responses

12 08 2011
Doktor Peh

Rechthaberei ist ein Tick. Da diese Menschen aber mit Allem Recht haben wollen, ist es ein multipler Tick. Oder eben, einen Begriff aus der Chemie entleihend, nennt man diese von vielen Ticken irritierten Menschen Poly-Ticker.
Uschi von der Leine ist allerdings eine, deren Mann noch viel rechthaberischer sein muss, ansonsten wäre die genetische Umweltverschmutzung ausgeblieben. So aber…

12 08 2011
bee

Man könnte in Erwägung ziehen, dass die Studienabbrecherin aus dem Stalle Albrecht sich durchgesetzt hat mit der traditionellen Auffassung, das Muttertier sei ausschließlich zur Embryonenproduktion sowie zur Verwirrung der Fressfeinde zu gebrauchen, und wer sie kennt, muss immerhin eingestehen: sie ist der lebende Beweis.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..




%d Bloggern gefällt das: